07.08.2025
Mahdiah Hashemi, Afghanischer Frauenverein MAH, im Gespräch über das Ende eines Aufnahmeprogramms für Flüchtlinge

»Es werden legale Möglichkeiten versperrt«

Ein Programm des Bundeslands Berlin ermöglichte seit 2014 die Aufnahme von Flüchtlingen, die bereits Angehörige in der Stadt haben. Die Voraussetzung war, dass die Verwandten für mindestens fünf Jahre die Kosten für Kranken- und Pflegeversicherung selbst übernehmen. Doch nun wird das Programm beendet: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat der Verlängerung keine Zustimmung erteilt. Die »Jungle World« sprach mit Mahdiah Hashemi, der Gründerin des Afghanischen Frauenvereins MAH über die Folgen dieser Entscheidung.

Das Berliner Aufnahmeprogramm galt für Flüchtlinge aus ­Syrien, dem Irak und Afghanistan. Was bedeutet die Beendigung für Sie und Ihren Verein?
Die Beendigung des Berliner Aufnahmeprogramms trifft mich sowohl persönlich als auch den Verein sehr hart. Seit Jahren begleiten wir Frauen und Familien, die sich in extremen Notsituationen befinden. Das Programm war für viele die einzige realistische Möglichkeit, ihre Angehörigen aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen. Für mich als Frau mit afghanischem Hintergrund, die selbst durch Flucht nach Deutschland kam, ist das eine tiefe Enttäuschung. In Afghanistan erkennen die Taliban Frauen keinerlei Rechte zu, geschweige denn Sicherheit oder Frieden.
Für viele von uns war Deutschland ein Symbol der Hoffnung und Menschlichkeit. Doch jetzt sehen wir, wie sich politische Entscheidungen ständig ändern. Heute wird ein Aufnahmeprogramm angekündigt, morgen verschwindet es stillschweigend. Wir sind bereit, alle Kosten selbst zu tragen – Miete, Verpflegung, Lebensunterhalt. Trotzdem werden legale Möglichkeiten versperrt.

Was bedeutet das für die Menschen, die sich in einem Antragsprozess befinden?
Wir betreuen mehrere Familien, bei denen die Unterlagen vorbereitet oder sogar fast vollständig eingereicht waren. Sie sind am Boden zerstört. Sie haben gehofft, auf legalem Weg ihre Angehörigen zu retten. Jetzt bleibt ihnen nichts als Angst, Unsicherheit und Enttäuschung. Besonders schmerzhaft für mich ist die Situation meiner Schwester, die sich im Iran befindet – ohne gültige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, in ständiger Angst vor Abschiebung. Sie lebt dort wie eine Rechtlose.

»Für viele Afghan:innen, egal ob in Afghanistan oder in den Nachbarländern wie Iran oder Pakistan, bedeutet die Streichung solcher Programme den Verlust der letzten Hoffnung.«

Wie sieht nun die Perspektive der betroffenen Menschen aus?
Für viele Afghan:innen, egal ob in Afghanistan oder in den Nachbarländern wie Iran oder Pakistan, bedeutet die Streichung solcher Programme den Verlust der letzten Hoffnung. Sie leben unter menschenunwürdigen ­Bedingungen: keine Papiere, keine Sicherheit, keine Perspektive.
Vor allem Frauen und Mädchen sind gefährdet. In Afghanistan haben sie praktisch keine Rechte mehr. Im Iran dürfen viele nicht arbeiten, ihre Kinder nicht zur Schule schicken, medizinische Hilfe ist kaum zugänglich und sie sind rassistischer Diskriminierung ausgesetzt.

Warum war das Berliner Programm so wichtig?
Das Aufnahmeprogramm war mehr als nur ein bürokratischer Prozess, es war ein Akt der Menschlichkeit und Verantwortung. Deutschland hat sich verpflichtet, gefährdeten Menschen zu helfen. Ohne Programme wie dieses bleibt vielen Afghan:innen keine ­legale Möglichkeit, Schutz zu suchen. Das ist nicht nur unmenschlich, sondern auch politisch kurzsichtig.

Wie schätzen Sie die Lage afghanischer Flüchtender ein, die gegenwärtig millionenfach aus Iran und Pakistan abgeschoben werden?
Die Lage ist katastrophal. Täglich erreichen uns Nachrichten und Berichte von Menschen, die unter schlimmsten Bedingungen aus dem Iran abgeschoben werden, oft mitten in der Nacht, mit Kindern, ohne Vorwarnung. Viele kommen in Afghanistan an und haben nichts – kein Zuhause, kein Geld, keine Zukunft. Ihnen wird kein Brot verkauft, keine Wohnung vermietet, keine medizinische Versorgung gewährt, und die Kinder werden vom Schulbesuch ausgeschlossen. Diese massenhaften Abschiebungen sind ein humanitäres Desaster. Es ist erschütternd, wie wenig internationale Aufmerksamkeit sie bekommen. Gerade deshalb braucht es Aufnahmeprogramme, sichere Wege, internationale Solidarität und keine Gleichgültigkeit.