07.08.2025
Beschäftigte der Dönerfabrik Birtat sind im unbefristeten Arbeitskampf

Die Spieße schärfen

Die Beschäftigten der Dönerfleischfabrik Birtat befinden sich im unbefristeten Arbeitskampf. Sie fordern einen Tarifvertrag. Es wäre der erste in der Branche überhaupt. Das Unternehmen geht darauf bislang nicht ein und antwortet stattdessen mit Einschüchterungsversuchen. Auch ohne Tarifvertrag ist der Streik jedoch bereits ein Erfolg.

»İş çok, para yok!« – viel Arbeit, kein Geld. Die Protestparole der Arbeiter:in­nen von Birtat klingt auf Türkisch besser als auf Deutsch. Am Donnerstag vergangener Woche hallte sie über den Ludwigsburger Arsenalplatz und kündete vom Kampf für den ersten Tarifvertrag bei einer deutschen Dönerfleischfabrik.
Den führen die rund 120 Beschäftigten zusammen mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Birtat gehört zum Unternehmen Meat World SE und hat seinen Hauptsitz im baden-württembergischen Murr nahe Stuttgart. Die Firma ist einer der führenden Anbieter für Dönerspieße in Deutschland und beliefert Imbisse europaweit.

So einen schmackhaften und allseits beliebten Drehspieß herzustellen, erfordert harte körperliche Arbeit. Die Arbeiter:innen schichten Fleischscheiben aufeinander, bis ein Drehspieß entsteht, der bis zu 120 Kilogramm schwer sein kann. Dafür müssen sie das Fleisch teils über ihren Kopf heben. Viele Arbeiter:innen klagen deshalb über Schmerzen im Nacken, in den Schultern und im Rücken. Die ständige Belastung macht krank. Birtat äußerte sich nicht auf Anfrage der Jungle World.

»Die Belegschaft lässt sich von Einschüchterungsversuchen nicht beeindrucken.« Magdalena Krüger, Geschäftsführerin der NGG-Region Stuttgart

Bisher verdienen manche Beschäftigte in Vollzeit gerade mal 2.300 Euro brutto monatlich – sie bekommen kaum mehr als den Mindestlohn. Wer im Unternehmen wie viel verdient, sei obendrein völlig willkürlich, meint die NGG. Mittelfristig will die Gewerkschaft deshalb einen sogenannten Entgeltrahmentarifvertrag aushandeln. Der würde festlegen, welche Tätigkeit wie entlohnt wird, und so der Willkür ein Ende setzen.

Erst mal geht es aber um »para«, um die Kohle, die allen fehlt. »Die Beschäftigten brauchen jetzt mehr Geld, um ihr Leben finanzieren zu können«, sagt Magdalena Krüger, Geschäftsführerin der NGG-Region Stuttgart und Verhandlungsführerin, im Gespräch mit der Jungle World. Die Gewerkschaft fordert deshalb für alle Beschäftigten eine pauschale Lohnerhöhung um 375 Euro pro Monat; mindestens soll jeder 3.000 Euro monatlich verdienen. Bisher weigert sich das Unternehmen, über einen Tarifvertrag überhaupt zu verhandeln.

Anfang 2024 wandten sich Beschäftigte an die NGG, um etwas in ihrem Betrieb zu bewegen. Im September vergangenen Jahres gründeten sie einen Betriebsrat. Im Februar dieses Jahrs forderte die NGG den Arbeitgeber zu Tarifverhandlungen auf, es folgten zwei Verhandlungstermine im März und April, dann ein vierstündiger Warnstreik im Mai. Viermal trafen sich die Geschäftsleitung und die NGG zu Gesprächen, bis die Gewerkschaft die Verhandlungen Anfang Juli für gescheitert erklärte. Seitdem wurden die Warnstreiks häufiger. Vergangene Woche wurde an sechs Arbeitstagen in Folge gestreikt, der Freitag war insgesamt der elfte Warnstreiktag.

Hausbesuche vom Chef

Weil Birtat immer noch nicht auf die Beschäftigten zugeht, stimmten diese am Mittwoch vergangener Woche über einen unbefristeten Arbeitskampf ab. Das Ergebnis der Auszählung am Tag darauf: 100 Prozent Zustimmung.

Das heißt aber nicht, dass jeden Tag gestreikt wird. »Wir führen den Arbeitskampf so, dass der Druck auf den Arbeitgeber möglichst hoch ist«, sagt Krüger. An den bisherigen Warnstreiks hat sich nach Angaben von NGG die überwältigende Mehrheit der Kolleg:innen beteiligt. Zu ihrer Unterstützung wurde eine private Spendenaktion ins Leben gerufen.

Statt mit der Gewerkschaft zu verhandeln, geht das Unternehmen gegen die streikenden Beschäftigten vor. Schon nach dem ersten Warnstreik lobte die Geschäftsführung der NGG zufolge eine Prämie von 200 Euro pro Tag für Streikbrecher:innen aus. Und Birtat-Führungskräfte besuchten demnach Streikende zu Hause und drängten sie dazu, zur Arbeit zu gehen. Besonderen Druck übe das Unternehmen auf jene Beschäftigten aus, denen es Wohnungen vermietet. Zudem würden gewerkschaftlich Aktive eingeschüchtert, erzählt Krüger. Ein Betriebsratsmitglied erzählte der Taz etwa, dass seiner Frau telefonisch gedroht worden sei. Auch dazu äußerte sich das Unternehmen auf Anfrage der Jungle World nicht.

Türken, Kurden, Bulgaren und Rumänen gemeinsam

»Die Belegschaft lässt sich von den Einschüchterungsversuchen nicht beeindrucken. Die Kolleg:innen demons­trieren an jedem Streiktag vor dem Werkstor ihre Entschlossenheit«, konstatiert Krüger. »Wir erwarten, dass der Arbeitgeber endlich versteht, dass die Beschäftigten einen Tarifvertrag wollen und nicht klein beigeben werden. Für konstruktive Gespräche stehen wir sofort bereit, über die Inhalte des Tarifvertrags kann man verhandeln«, fährt sie fort.

Die gewerkschaftliche Organisierung bei Birtat ist bereits jetzt eine Erfolgsgeschichte. Im Werk arbeiten überwiegend Türken, Kurden, Bulgaren und Rumänen. Die Kollegen, die sich zuvor manchmal kaum verständigen konnten, stehen seit Wochen gemeinsam vor dem Werkstor – oder, wie am Donnerstag vergangener Woche, in der Ludwigsburger Innenstadt. Dort waren ihre Plakate mehrsprachig beschriftet. Bei Streiks und Gewerkschaftsversammlungen wird ins Deutsche, Türkische, Kurdische, Rumänische und Bulgarische übersetzt.

Es ist ihnen gelungen, sich über kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren hinweg gemeinsam zu organisieren. Magdalena Krüger von der NGG ist davon beeindruckt, aber nicht überrascht. »Solidarität ist eben eine Sprache, die jeder spricht.«