Der analoge Mann
»Disques Névénoé« steht da auf dem verrosteten Metallschild. Bereits bei unserer Ankunft in Morlaix, als wir mit unserem Koffer vom Bahnhof die Rue courte, die kurze Straße, hinunterlaufen, fällt es mir auf. Nur ein paar Eingänge weiter wohnen Sarah und Nicholas, bei denen wir zehn Tage bleiben. Der zum Schild gehörende Laden steht leer. Ein ehemaliger Plattenladen? Sarah und Nicholas wissen es nicht. Ich bin neugierig und will es herausfinden.
Ich recherchiere ein bisschen im Internet. Ist ja nicht zu fassen! Zufälligerweise befand sich das erste und einzige Schallplattenlabel von Morlaix genau in der Straße, in der wir jetzt unterkommen. Névénoé, ein Musikerkollektiv, war gleichzeitig geprägt vom progressiven Spirit der siebziger Jahre und von der Region.
Die Band Storlok, die als Erfinder des bretonischen Rock gelten, sang ausschließlich auf Bretonisch und verband die aussterbende Sprache erstmals mit politischen Inhalten ihres Jahrzehnts.
Das Label bestand zwar nur von 1973 bis 1982, veröffentlichte aber eine Reihe bedeutender bretonischer Platten, unter anderem die der Band Storlok, die als Erfinder des bretonischen Rock gelten. Sie sangen ausschließlich auf Bretonisch und verbanden die aussterbende Sprache erstmals mit politischen Inhalten ihres Jahrzehnts. Zum Beispiel im Underground-Hit »Gwerz Maro Jorj Jackson« aus dem Jahr 1978, einer Hymne auf George Jackson, der sich im Gefängnis der Black Panther Party angeschlossen hatte und 1971 bei einem blutigen Ausbruchsversuch erschossen wurde.
Die Rue courte und die Rue longue, die kurze Straße und die lange Straße, gehören zu den ältesten Straßen von Morlaix. Eigentlich sind es nur schmale Gassen, die vom Bahnhof, der oberhalb der Stadt liegt, hinab ins Tal führen.
Reichlich Leerstand
Einstmals, vor 100 Jahren, muss es hier recht bürgerlich zugegangen sein, mittlerweile liegt das Viertel aber schon seit Jahrzehnten im Schatten der Stadt. Das Geschäft von »Morlaix Piercing« gegenüber in der Rue longue scheint zwar gut zu gehen, aber der Friseurladen »Irène Coiffure« steht leer.
Überhaupt, gibt es hier reichlich Leerstand. Das verrostete Schild von »Disques Névénoé« scheint wie sinnbildlich für die Abgelegenheit der Straße zu stehen. Immerhin hängt es noch – 43 Jahre nach der Geschäftsaufgabe.