Zwischen Hammer und Amboss
Der Historiker Leonid Gershovich kommt in seiner Analyse des gegenwärtigen Antisemitismus in der russischen, ukrainischen und belarussischen Gesellschaft zur Schlussfolgerung, dass das russische Propagandanarrativ den Ukraine-Krieg an den Phänomenbereich des Jüdischseins und des Antisemitismus knüpft: »As a result, Putin’s decision to use terminology which alludes to the Great Patriotic War against the Third Reich and to the role of Jews in the enemy’s campaign to repel the invaders, whether consciously or implicitly, has linked the discourse about the Russian-Ukrainian war with a semantic field which intersects with issues of Jewishness and anti-Semitism.« Die Verknüpfung wird im Folgenden vor dem Hintergrund einer Skizze des Antisemitismus in den russischen und ukrainischen Herkunftsgesellschaften aufgezeigt.
Sowjetunion
Vor der Entstehung der Sowjetunion haben Jüdinnen und Juden im Russischen Zarenreich Diskriminierung und Gewalt erfahren. Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam es zu vielen Pogromen, den Höhepunkt erreichten die Pogrome jedoch im russischen Bürgerkrieg Anfang des 20. Jahrhunderts, als zwischen 1919 und 1920 Schätzungen zufolge bis zu 150.000 Juden getötet wurden. Auf dem Gebiet der Sowjetunion sind während der Shoah mehr als zwei Millionen Jüdinnen und Juden ermordet worden, davon eineinhalb Millionen auf ukrainischem Gebiet. Nach dem Krieg begannen mit den stalinistischen »Säuberungen« antisemitische Verfolgungen und Morde. Jüdische Einrichtungen und Organisationen wurden geschlossen beziehungsweise verboten, so auch das Jüdische Antifaschistische Komitee.
Ihren Höhepunkt fanden die antisemitischen Aktionen gegen »wurzellose Kosmopoliten« in der Ärzteverschwörung und der Nacht der ermordeten Dichter, bei denen Jüdinnen und Juden verhaftet und ermordet wurden, was mit einem fingierten Mordkomplott gegen Stalin beziehungsweise einem falschen Spionageverdacht gerechtfertigt wurde.
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