Jungle+ Artikel 14.08.2025
Wie Ukraine-Krieg und 7. Oktober sich auf Juden in Deutschland auswirken

Zwischen Hammer und Amboss

Die vom Tikvah-Institut herausgegebene Interviewstudie »Zwischen Hammer und Amboss. Auswirkungen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und des Terrorangriffs der Hamas auf Israel auf jüdisches Leben in Deutschland« führt in die Situation russischsprachiger Jüdinnen und Juden in Deutschland ein. Im Vordergrund steht dabei, welche Erfahrungen sie im Land der Täter im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Ukraine, dem Terror gegen Israel und mit Antisemitismus gemacht haben. Der hier veröffentlichte Auszug aus der im Verlag Nomos erschienenen Studie beschäftigt sich mit dem Antisemitismus in den Herkunftsgesellschaften.

Der Historiker Leonid Gershovich kommt in seiner Analyse des gegenwärtigen Antisemitismus in der russischen, ukrainischen und belarussischen Gesellschaft zur Schlussfolgerung, dass das russische Propagandanarrativ den Ukraine-Krieg an den Phänomenbereich des Jüdischseins und des Antisemitismus knüpft: »As a result, Putin’s decision to use terminology which alludes to the Great Patriotic War against the Third Reich and to the role of Jews in the enemy’s campaign to repel the invaders, whether consciously or implicitly, has linked the discourse about the Russian-Ukrainian war with a semantic field which intersects with issues of Jewishness and anti-Semitism.« Die Verknüpfung wird im Folgenden vor dem Hintergrund einer Skizze des Antisemitismus in den russischen und ukrainischen Herkunftsgesellschaften aufgezeigt.

Sowjetunion

Vor der Entstehung der Sowjetunion haben Jüdinnen und Juden im Russischen Zarenreich Diskriminierung und Gewalt erfahren. Im aus­gehenden 19. Jahrhundert kam es zu vielen Pogromen, den Höhepunkt erreichten die Pogrome jedoch im russischen Bürgerkrieg Anfang des 20. Jahrhunderts, als zwischen 1919 und 1920 Schätzungen zufolge bis zu 150.000  Juden getötet wurden. Auf dem Gebiet der Sowjetunion sind während der Shoah mehr als zwei Millionen Jüdinnen und Juden ermordet worden, davon einein­halb Millionen auf ukrainischem Gebiet. Nach dem Krieg begannen mit den stalinistischen »Säuberungen« antisemitische Verfolgungen und Morde. Jüdische Einrichtungen und Organisationen wurden geschlossen beziehungsweise verboten, so auch das Jüdische Antifaschistische Komitee.

Ihren Höhepunkt fanden die antisemitischen Aktionen gegen »wurzellose Kosmopoliten« in der Ärzte­verschwörung und der Nacht der ermordeten Dichter, bei denen Jüdinnen und Juden verhaftet und ermordet wurden, was mit einem fingierten Mordkomplott gegen Stalin beziehungsweise einem falschen Spionageverdacht gerechtfertigt wurde.

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