21.08.2025
Die Kolumnistin begrüßt 3I/Atlas, den inter­stellaren Besucher unseres Sonnensystems

Auf der Durchreise

Schon der dritte interstellare Besucher seit 2017 wurde gesichtet. Um außerirdische Raumschiffe handelt es sich allerdings mit größter Wahrscheinlichkeit nicht.

In Stanisław Lems Kurzgeschichte »Pirx erzählt« berichtet der gleichnamige Raumpilot, der mit einem schrottreifen Frachter zwischen Merkur und Erde unterwegs ist, von der Begegnung mit einem riesigen, offenbar seit Jahr­millionen verlassenen Raumschiff, das seinen Weg kreuzt; Flugbahn und Geschwindigkeit lassen darauf schließen, dass es von außerhalb des Sonnensystems stammt. Eine Aufzeichnung des Funds misslingt, weil niemand den Registrierstreifen gewechselt hat, und die wenig vorzeigbaren Zustände an Bord (betrunkener Funker, ein Tiefbauingenieur als Bordtechniker, die rest­liche Crew liegt mit Mumps flach) lassen es dem Helden nicht ratsam erscheinen, die Bodenstationen auf der Erde zu alarmieren, um seine Entdeckung zu verifizieren.

Während wir uns also auf Pirx’ Wort verlassen müssen, dass er kein Raumfahrergarn spinnt, hat die Realität deutlich besser dokumentierte Besucher unseres Sonnensystems zu bieten. Der Erste von ihnen wurde 2017 entdeckt und 1I/’Oumuamua getauft – das I steht für »interstellar« und ’Oumuamua bedeutet auf Hawaiisch so viel wie »Späher«. 2019 folgte das Objekt 2I/Borisov und Anfang Juli nun der jüngste Neuzugang, 3I/Atlas.

Seit der Entdeckung von ’Oumuamua sieht der Harvard-Physiker Avi Loeb in jedem interstellaren Objekt eine außerirdische Raumsonde und sichert sich damit Clickbait-Schlagzeilen und genervtes Kopfschütteln der Fachwelt.

Um außerirdische Raumschiffe handelt es sich allerdings mit größter Wahrscheinlichkeit nicht. Borisov und Atlas werden als extrasolare Kometen eingestuft, während bei ’Oumuamua diskutiert wird, ob es sich nicht eher um einen Asteroiden handelt. Der Unterschied liegt darin, dass ein Asteroid überwiegend aus Gestein und/oder Metall besteht, während ein Komet größere Mengen Eis enthält, das bei Annäherung an die Sonne verdampft und den charakteristischen Schweif bildet.

Diese Unklarheiten zeigen, dass sich das Universum selten an menschengemachte Schubladen hält und die Beobachtungsmethoden selbst mit Un­sicherheiten behaftet sind. Interstellare Besucher machen es der Forschung besonders schwer, weil sie nur auf Durchreise im Sonnensystem sind, und das mit hoher Geschwindigkeit.

In die Weiten des Alls entschwinden

Das macht es zur Glückssache, sie überhaupt zu entdecken, und lässt nur wenig Zeit für die Beobachtung. ’Oumuamua ist bereits wieder sieben Milliarden Kilometer von der Erde entfernt, und auch Atlas wird nach seiner größten Annäherung an die Sonne Ende Oktober wieder in die Weiten des Alls entschwinden.

Spärliche Daten lassen Raum für Phantasie, und besonders tut sich dabei der Harvard-Physiker Avi Loeb hervor. Seit der Entdeckung von ’Oumuamua sieht der bis dahin mit der ­seriösen, wenn auch spekulativen Suche nach Al­ien-Zivilisationen befasste Forscher in jedem interstellaren Objekt eine außerirdische Raumsonde und sichert sich damit gleichermaßen Clickbait-Schlagzeilen als auch immer genervteres Kopfschütteln der Fachwelt. Vielleicht hätte er weniger Stanisław Lem lesen sollen.