Wenn der Lauch siegt
Etwas über 50 Jahre ist das nun her, dass in den Vororten von Städten in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal Leute auf die Idee kamen, Funk-Platten mit Hilfe der Nadel eines Plattenspielers in kleine, wiederholbare Stücke zu unterteilen und dazu gereimte Geschichten zu erzählen. Seitdem hat sich das Genre Rap gewandelt, erlebte Höhen und Tiefen und verbreitete sich auf der ganzen Welt.
Ein Kosmos an Personen, Geschichten und Stilen entstand, der heute kaum noch zu überblicken ist – zugleich sind die großen Innovationen naturgemäß rarer geworden. Gangsta-Rap, softer Rap, Real Rap, Rap mit Gesang, Rap ohne Gesang, Mumble Rap, Techno-Rap und allerlei weitere Genre-Ausformungen, bei denen man sich uneins ist, ob die drei Buchstaben darin überhaupt etwas zu suchen haben – vieles ist schon dagewesen.
Außer von etlichen stilprägenden Battles erzählt Schmauch auch von Problemen der Szene.
Aber im Oktober 2013 in Deutschland, genauer im »Bi Nuu« in Berlin, fand aber doch eine echte Premiere – manche würden sagen: etwas Einmaliges – statt. Im ausverkauften Club standen sich die Battle-Rapper Laas Unltd. und Drob Dynamic gegenüber. Hier findet die »Battlemania Championsleague« statt, eine Auskopplung der damals beliebten Veranstaltungsreihe »Rap am Mittwoch«. Einige der besten Battle-Rapper des Landes treffen hier aufeinander und müssen sich im A-capella-Freestyle beweisen. Das Ziel: In abwechselnden Runden mit den besten Reimimprovisationen den Gegner verbal-performativ abwerten, beleidigen, niedermachen – ohne Halt gebenden Beat, nur mit der Kraft der spontan zu formenden Worte.
An sich war ein solches Format 2013 schon keine ganz neue Idee mehr. Aber was der damals 31jährige Laas Unltd., der bürgerlich Lars Daniel Hammerstein heißt, hier zusammenreimte, machte diese Veranstaltung zu einer, über die noch Jahre später gesprochen wurde: »Auf meiner letzten Tour hab ich wenig Tickets verkauft. Wie viel Tickets genau? Oberhausen 50, Berlin knapp 70, Frankfurt nur zehn. Hier, du Fotze, ich liste es dir auf: Du kannst mein ganzes scheiß Leben nehmen, pick dir was raus. Ich heiß’ Lars Daniel, bin in Berlin zugezogen, ignorant wie ein Hurensohn, mein Körper hat die Statur eines beschissenen Lauchs.«
Minutenlang führte der Rapper diese Selbstgeißelung mit dem immergleichen unreinen Endreim fort und verblüffte damit das Publikum wie seinen Gegner. War es nicht falsch, sich in einem Battle selbst schlecht darzustellen? Geht es nicht darum, dem anderen zu zeigen, dass man besser, schöner, erfolgreicher und so weiter ist?
Die B-Rabbit-Strategie
»Ich hab so was in meinem Leben noch nicht gesehen, Alter«, hört man in der Videoaufzeichnung des Abends den ganz beseelt aussehenden Moderator, den Battle-Rapper Ben Salomo, nach der Veranstaltung sagen. In der Tat: So wie Laas Unltd. hier austeilte, hatte in de deutschsprachigen Szene noch niemand ausgeteilt. Das Herumreiten auf den eigenen Schwächen nahm dem Gegner jede Angriffsfläche. Wie soll man jemanden kontern, der gar nicht angreift, der seine Schwächen kennt und zugibt?
»In seinem Einstieg lieferte Laas die bis heute lehrbuchmäßige Referenz im deutschen Battlerap für das, was man die B-Rabbit-Strategie nennen könnte«, schreibt der Autor Rafael Schmauch in seinem jüngst im Ventil-Verlag erschienenen Buch »Battlerap. Die Kunst der Beleidigung«. Schmauch bezieht sich auf das Eminem-Biopic »8 Mile« von 2002, in dem der damals extrem populäre US-Rapper eine fiktionalisierte Version seiner selbst spielte.
»B-Rabbit« lautet sein Rap-Pseudonym im Film und in dessen berühmtem Finale nimmt er mit der Selbstbeleidigungsstrategie seinem Kontrahenten den Wind aus den Segeln. Zur großen Freude des Publikums gewinnt schließlich der Verlorengeglaubte gegen den Champion, und zwar gerade nicht durch die Selbstüberhöhung.
Erste Open-Mic-Session in Frankfurt am Main
Schmauch kennt diese Szenen, die filmischen und die filmreifen, aber durchaus realen, weil er selbst jahrelang der Battle-Rap-Szene angehörte. Beeindruckt von »8 Mile« entschloss er sich in den nuller Jahren, mit 15, zu seiner ersten Open-Mic-Session in Frankfurt am Main zu gehen – im Beisein seiner Mutter, wie er es mit einer gewissen Distanz zur pubertären Scham darüber nun schildern kann. Es folgte eine Laufbahn als Student und aktiver Battle-Rapper »Papi Schlauch«, auf der der Autor nicht nur an seiner eigenen »Beleidigungskunst« feilte, sondern auch umfangreiche Einblicke in die Szene erhielt.
Sein gesammeltes Wissen über diese Zeit gibt Schmauch nun aus der Ich-Perspektive wider und versammelt auf knapp 250 Seiten etliche Momente aus der Geschichte dieser Subkultur. Dabei bleibt er über weite Strecken deskriptiv, erzählt Begegnungen zum Teil Reim für Reim nach und arbeitet heraus, wie das jeweils Besondere daran nicht nur den deutschen Battle-Rap beeinflusst hat. So wird deutlich, wie sich die hochdynamische Szene manchmal vom einen auf den anderen Tag veränderte, etwa weil jemand einen Trend setzte, bis dieser dann wieder von einer neuen Reimtechnik oder einer neuen erzählerischen Strategie abgelöst wurde.
Außer von etlichen stilprägenden Battles erzählt Schmauch auch von Problemen der Szene. Homophobe, sexistische oder rassistische Reime etwa, die einst noch als schlicht zur Kunstform gehörend betrachtet wurden, werden heute kritischer beurteilt – wie der Autor eindrücklich anhand einer persönlichen Anekdote belegt. Auch die Zugänglichkeit der Szene für Rapperinnen, so geht es aus den Kapiteln hervor, hat sich zumindest verbessert.
»Battlerap« bleibt vor allem eine Chronologie
Dennoch gab und gibt es noch immer viel zu problematisieren an der einen oder anderen Figur im deutschen Battle-Rap. So schreibt Schmauch auch davon, wie der langjährige »Rap am Mittwoch«-Moderator Ben Salomo aufgrund zunehmender Erfahrungen mit Antisemitismus im Backstage die Szene verließ.
Hier bricht der Autor dann aber ab: »Da sich dieses Buch für Battlerap als Kunstform interessiert und nur am Rande die Battlerap-Szene als soziales Phänomen streift, gehe ich an diesem Punkt nicht weiter auf das Themenfeld ›Antisemitismus im deutschen Hip-Hop ein‹.« Diesbezüglich kann man auf andere Bücher ausweichen – darunter Ben Salomos 2019 erschienene Autobiographie »Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens« oder Jakob J. Baiers unlängst erschienene, umfangreiche Monographie »Illuminati, Rothschilds, Zionisten. Antisemitismus im deutschen Gangsta-Rap«.
So bleibt »Battlerap« vor allem eine Chronologie, die dicht und hochgradig informiert nachzeichnet, was sich im Rap-Deutschland der vergangenen zwei Jahrzehnte nicht ganz unbeachtet, aber doch subkulturell einigermaßen versteckt abgespielt hat. Einige Namen deutscher Battle-Rapper wie PA Sports, Casper oder Juse Ju tauchten hin und wieder in den deutschen Charts auf, andere genossen einst ihren Ruhm im Untergrund und widmeten sich später wieder einem Leben außerhalb der Cypher (wie der Gruppen-Freestyle im Rap-Jargon heißt).
Ein umfangreicher lexikalischer Anhang erklärt für jeden, der mit Rap sonst nicht viel am Hut hat, Begriffe von »choken« bis »Haymaker«. Popsoziologischen Jargon hingegen findet man hier zum Glück nicht.
Diese haben wieder andere – etwa der notorische Kollegah – lange hinter sich gelassen, auch wenn sie sich weiterhin als Battle-Rapper verstehen. Die Unterscheidung zwischen solchen, die Schmauch »Studiorapper« nennt, und den vor allem live und improvisiert rappenden Freestylern ist dem Autor, vollkommen zu Recht, wichtig.
Trotz viel Insiderwissen richtet sich »Battlerap« nicht nur an jene, die sich in der Subkultur auskennen. So erklärt ein umfangreicher lexikalischer Anhang Begriffe von »choken« bis »Haymaker« für jeden, der mit Rap sonst nicht viel am Hut hat. Popsoziologischen Jargon hingegen findet man hier zum Glück nicht.
Dieser Spagat zwischen intellektuellem Anspruch und ostentativer realness gelingt Rafael Schmauch die meiste Zeit. Auch wenn ein gewisses intrinsisches Interesse am Thema für die Lektüre durchaus hilfreich ist: Für die deutschsprachige Popgeschichtsschreibung leistet »Battlerap« nichts Geringeres als die Würdigung einer Spielart des deutschen Rap, die eine solche unbedingt verdient hat.
Rafael Schmauch: Battlerap. Die Kunst der Beleidigung. Ventil-Verlag, Mainz 2025, 248 Seiten, 22 Euro
