Minima Moralia
In Reaktion auf die grassierende Juden- und Israelfeindlichkeit nach dem 7. Oktober gründeten sich einige linke Gruppen, um in ihrem subkulturellen und politischen Milieu gegen Antisemitismus anzukämpfen (»Jungle World« 19/2025). Doch was bedeutet es, »antisemitismuskritisch« zu sein? Janosch Tillmann bemängelte die Tendenz mancher dieser Gruppen, sich aus Angst vor Widersprüchen in eine Äquidistanz zu flüchten, die die Hamas und Israel auf eine Stufe stellt und die jeweiligen »Opfer des Konflikts« bedauert (26/2025). Udo Wolter argumentiert dagegen. Er meint, dass es sich dabei auch um kritische Solidarität handeln könnte (29/2025).
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Seit fast 80 Jahren erzürnt das deutsche Gemüt nichts so sehr wie »die organisierte revolutionäre Emanzipationsgewalt der jüdischen Gesellschaft« (Joachim Bruhn) in ihrem Staate Israel. Und dafür, dass auch deutsche Linke in diesem Land mehr deutsch als links sind, sind die historischen Beispiele Legion. Seien es Wilfried Böse 1976 in Entebbe, Hafenstraßenbewohner im November 1987 in Hamburg oder die Fraktion der Linkspartei heutzutage im Bundestag.
Es wäre zu einfach, ein jedes Lippenbekenntnis zu Israel als Absage an den antisemitischen Volksgeist zu begreifen – fast so als würde man die Existenz von Hofjuden als Argument gegen die Existenz des Antijudaismus in der Frühen Neuzeit anführen. Denn die politische Parteinahme für Israel – allen voran aus Gründen der sogenannten Staatsräson – darf aufgrund ihres instrumentellen Charakters nicht mit einer Opposition gegen den Antizionismus verwechselt werden. Wenn migrantischer Antizionismus als Argumentationsgrundlage für Abschiebungen genommen wird oder Israel als demokratischer und queer-friendly ally im Nahen Osten gesehen wird, dann geht es den Staatsräson-Deutschen nicht um Israel oder die Sicherheit der Juden – sondern einzig um ihre eigenen politischen Befindlichkeiten. Die verschiedenen Geschmacksrichtungen jener Staatsräson-Deutschen hängen allein von ihrem jeweiligen politischen Selbstverständnis ab.
Es verwundert deshalb nicht, dass – wie Janosch Tillmann an dieser Stelle richtigerweise feststellte – Gruppen, welche sich selbst als »antisemitismuskritisch« begreifen, »stark zur Äquidistanz« tendieren und ihre Solidarität mit jüdischer Selbstverteidigung an Bedingungen knüpfen. Auf die ökonomische und politische Korrumpiertheit dieses Milieus und seiner ideologischen Hervorbringungen geht Tillmann nicht näher ein. Udo Wolter liefert in seiner Antwort auf Tillmann gar eine Rechtfertigung jenes politischen Verhältnisses zu Israel. Es ist irrig zu glauben, sich dem staatlichen Denken entziehen zu können, wenn man aus Staatsgeldern dafür bezahlt wird, es zu verbreiten.
Um arbeitsfähig zu bleiben, glauben die staatlich subventionierten Funktionäre der Zivilgesellschaft an antisemitismuskritische Bildungsprogramme.
Aus den Augen gerät dabei die Besonderheit des jüdischen Staates. Nicht zuletzt, weil Wolter die Notwendigkeit betont, sowohl über die Gewalt der Hamas zu sprechen als auch über die Politik Israels – »ohne jedoch beides gleichzusetzen oder gar gegeneinander auszuspielen«. Damit hintergeht er das oberste Gebot jeder ernstzunehmenden Antisemitismuskritik: Es ging nie darum, was Juden machen oder nicht machen, sondern darum, dass sie überleben. Wer im Täterstaat über den »Juden unter den Staaten« (Léon Poliakov) spricht, der macht sich mitschuldig und knüpft die Existenz Israels an politische Bedingungen. Ob Juden ein Recht zu leben haben, soll wieder von deutschen Volksgenossen diskutiert werden.
Jede Kritik an der jüdischen Emanzipationsgewalt kann nur »aus der Perspektive des Abscheus vor dieser Emanzipation geäußert werden« (Bruhn), jede Spekulation über die Angemessenheit der militärischen Sicherung des jüdischen Staatsgebietes unterstellt die Legitimität der jüdischen Existenz der Gutmütigkeit von politischen Kommentatoren. Es sind weggedämmerte Antideutsche und wiedererwachte Deutsche, die entscheiden wollen, unter welchen Bedingungen jüdisches Leben schützenswert ist.
Die Besonderheit des jüdischen Staates im Kontext der allgemeinen Kritik von Staat und Kapital herauszuarbeiten, war einst das Steckenpferd der kommunistischen Antideutschen, die sich mittlerweile auf das Altenteil zurückgezogen haben. Sie wussten noch, dass es unmöglich ist, für ein von allen Seiten bedrohtes Israel den bürgerlichen Schein der Herrschaft des Rechts ohne Gewalt zu wahren. So prekär dieser Status auch ist, so alternativlos ist er für Israel in einer antisemitischen Welt. Oder wie es die Gruppe Antideutsche Kommunisten Berlin 2004 formulierte: »Die schwere Bewaffnung Israels ist der Versuch, die Anerkennung endlich zu erzwingen und den Zustand der permanenten Verteidigung zum Abschluss zu bringen.«
Unverblümt in Philosemitismus verfallen
Stattdessen wird allseits unverblümt in Philosemitismus respektive Philozionismus verfallen, wenn man einzig vom jüdischen Staat in einer zur Militarisierung zwingenden Situation erwartet, den Schein des Humanismus zu wahren. Umso größer ist die Enttäuschung, dass auch Israel es nicht schafft, einen Krieg humanistisch zu führen. Was vor diesem antizionistischen Einfallstor der politischen Israelsolidarität schützt, wäre eine konsequente Staatskritik und die damit einhergehende Absage an jede Form von Politik. Es wäre die Treue zur Hegel’schen Einsicht: »Denn jeder Staat muss freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören.«
Die von jedem Staat ausgehende Dehumanisierung, die gewaltsame Kollektivierung seiner Insassen zum Staatsvolk, schafft einen Leidensdruck, dessen Ende einzig alleine durch die Abschaffung des Staates und der staatlich organisierten Weltordnung des Kapitals erreicht werden kann.
Diese Einsicht muss von den staatlich subventionierten Funktionären der Zivilgesellschaft verdrängt werden, da sonst Arbeitslosigkeit droht. Um arbeitsfähig zu bleiben, glauben sie an antisemitismuskritische Bildungsprogramme. Antisemitismus und Antizionismus sind aber nicht Unwissenheit, sondern die der Logik dieser Weltordnung folgenden Denkformen einer konformistischen Rebellion, die Linderung des Leidensdruck verspricht, ohne seine Ursachen angehen zu müssen.
Vom Schröderismus eingerichtetes Ausverkaufsprogramm für militanten Antifaschismus
Statt radikale Gesellschaftskritik im Sinne der Psychoanalyse liefert eine auf Kompromisse und Diskursfähigkeit bedachte Antisemitismuskritik bloß bundesrepublikanische Verhaltenstherapie. Unfähig, Ursachen zu erkennen, ist sie darauf bedacht, die Anpassung an die als zweite Natur begriffene Verhältnisse zu fördern. Eine Anpassung an diese antisemitischen Verhältnisse wäre für den Staat Israel gleichbedeutend mit der Aufgabe seiner Schutzfunktion.
Jene Antisemitismuskritik kann nichts anderes sein als eine von vielen Perspektiven im angestrebten herrschaftsfreien Diskurs des multiperspektivischen Gedenkens. Ein genauerer Blick auf die Gruppen, über die Tillmann schreibt, macht deutlich, dass sie sowohl politisch als auch ökonomisch im vom Schröderismus eingerichteten Ausverkaufsprogramm für militanten Antifaschismus, kurz: der Zivilgesellschaft, beheimatet sind. Ihr Bestreben affirmiert eine antisemitische Realität. Die Perspektive der in Deutschland die demographische Mehrheit ausmachenden Antisemiten zu akzeptieren, ist gleichbedeutend damit, die Sicherheit jüdischen Lebens an Bedingungen zu knüpfen.
Diese Bedingungen scheinen auch bei dem sich permanent wiederholenden Verweis auf die beim Nova-Festival getöteten »unschuldigen Zivilisten« durch. Wäre die brutale Hinrichtung legitimer, wenn sich die Raver statt auf einem Festival bei ihrem verpflichtenden Militärdienst als Soldaten befunden hätten? Oder wenn sie bei einer Wahl ihre Stimme Benjamin Netanyahu gegeben hätten? Oder mit der »immer offener im Sinne der rechtsextremen Regierungsmitglieder agierenden Kriegspolitik der israelischen Regierung mit ihren immer grauenhafteren Folgen für Gazas Zivilbevölkerung« (Wolter) sympathisieren?
Bedingungslose Israelsolidarität ist, anders als Wolter schreibt, kein »moralischer Maximalismus«, sondern die zeitgemäße minima moralia.
Man ist nicht solidarisch mit der jüdischen Schutzmacht, sondern mit jenen Bewohnern, mit denen man sich selbst identifizieren kann: junge, hedonistische und als links geltende Raver. Hier rächt sich die von Israelsolidarischen wie ein Bauchladen vor sich her getragene Erzählung, wonach Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten, die pulsierende hedonistische Oase am Mittelmeer und ein als »paradise for party-people« beliebtes Urlaubsziel sei.
Bedingungslose Israelsolidarität ist, anders als Wolter schreibt, kein »moralischer Maximalismus«, sondern die zeitgemäße minima moralia. Besonders wenn es in Deutschland um Israel geht, bleibt Adornos Diktum gültig: »Kein Gedanke ist immun gegen seine Kommunikation, und es genügt bereits, ihn an falscher Stelle und in falschem Einverständnis zu sagen, um seine Wahrheit zu unterhöhlen.« Oder kurz und bündig: »Deutschland, halt’s Maul!«