Jungle+ Artikel 21.08.2025
Was der Begriff der Totalität meint – und wieso man ihn nicht aufgeben sollte

Totalität

Lange war er verpönt, im Zuge aller möglicher globalen Krisen hat der Begriff der Totalität aber wieder Einzug in die Debatte gehalten. Alex Struwe widmet ihm sein neues Buch mit dem Untertitel »Marx, Adorno und das Problem kritischer Gesellschaftstheorie« und versucht gleich im ersten Kapitel eine erste Antwort auf die Frage: »Was ist Totalität?«

Linken wird oft vorgeworfen, sie würden die Gesellschaft verantwortlich machen, wo sie persönlich versagen. »Das System hat Schuld!«, so die entlastende Vorstellung der Welt. Aber was sollte es denn sein, dieses System? Gesellschaft sei schließlich nicht mehr als die Summe der Individuen und ihr sozialer Verkehr miteinander, ein paar regelnde Institutionen. Ansonsten aber könne man sich vom Tellerwäscher zum Millionär hocharbeiten. Bis heute zitieren Libertäre und Konservative gern Margaret Thatchers Bonmot »There is no such thing as society«, es existiere keine Gesellschaft.

Die Situation ist komplizierter. Spätestens in den Krisen der Gegenwart, von Covid-19-Pandemie bis Klimawandel, wurden für viele durch kollektive Notsituationen staatliche Eingriffe bis ins Private ersichtlich: »Wir leben in einer Gesellschaft« – so ein gängiges Meme mit Seitenhieb auf den libertären Individuenkult. Mit dem allzu offensichtlichen Auftritt von Staat und Gesellschaft demokratisierte sich in den letzten Jahren auch das »linke« Motiv der Systemkritik – und zeigte damit eindrucksvoll, dass es wirklich zur Wahnvorstellung taugt. Kritisch gegen Staat und Herrschaft waren plötzlich rechte Autoritäre, Querdenker und Schwurbler geworden. Überall sprossen die Verschwörungsmythen über einen »Deep State«, die finsteren Machenschaften der Elite hinter der Schattendemokratie und ihre Pläne zum »Großen Austausch« oder dem »Great Reset«.

Solche Vorstellungen hatten für die vom Staat enttäuschten Autoritären in etwa den gleichen entlastenden Effekt, den die Systemschuld angeblich für Linke haben sollte: Gerade angesichts eines übermächtigen Systems und seiner verschworenen Handlanger konnten sich die »libertären Autoritären«, wie man sie nannte, intakt, stark und als echte Individuen fühlen – also genau als das, was die Gesellschaft ihrer Ansicht nach ausmacht und was sie ihnen verspricht, sein zu können.

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