Was uns blüht
Im Europa des Jahres 2031 sind die Winter so warm, dass die Menschen in T-Shirts herumlaufen und zusehen, wie die Bäume austreiben. Aber nicht nur das Klima schlägt in Marius Goldhorns dystopischem Roman »Die Prozesse« Kapriolen. Auch politisch ist der Kontinent in Aufruhr. Vielerorts herrscht Kriegsrecht und in Brüssel kommt es zu Unruhen.
Die Aufständischen bilden eine neue Gemeinschaft. Dies stellt auch die Beziehung der beiden schwulen Protagonisten auf die Probe. Ezra, der Sohn eines Diplomaten, bloggt unter dem Namen Deborn über das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte. Für revolutionäre Bestrebungen hat er angesichts der Katastrophe nur Verachtung übrig. Dagegen fühlt der Erzähler sich den Kommunarden nahe, die im Reenactment die Verbrechen der Geschichte bannen wollen.
Wie bereits in seinem Erstling »Park« lässt Goldhorn die Innenwelten der Charaktere in lakonischen Beschreibungen ihrer Mediennutzung und alltäglichen Dialogen lebendig werden.
Nach einem gescheiterten Attentat auf Ezra verlassen sie gemeinsam die Stadt. Sie schlagen sich nach Norditalien durch, um auf einem entlegenen Hof in Ligurien zur Ruhe zu kommen. Aber ihre Differenzen treiben sie auseinander. Ezra zieht sich ganz in sich zurück und verfasst handschriftlich sein erstes Buch unter dem Titel »Ökozid und Inschrift«. Der Erzähler beginnt, ihre gemeinsame Geschichte aufzuzeichnen, nicht zuletzt, um zu sich selbst zu finden.
In kurzen Hauptsätzen schildert Goldhorn die Konflikte seiner Figuren inmitten eines engmaschigen Netzes aus Bezügen zu den Krisen einer Welt, die unter dem Erbe einer kolonialistischen Globalisierung leidet. Wie bereits in seinem Erstling »Park« lässt er die Innenwelten der Charaktere in lakonischen Beschreibungen ihrer Mediennutzung und alltäglichen Dialogen lebendig werden.
Stilistisch erinnert das an den Christian Kracht aus »1979« – nur kippt die Erzählung bei Goldhorn nicht in mystischen Eskapismus. Stattdessen erwächst aus der Erkenntnis über die Fragilität der Welt eine Hinwendung zum Leben gegen jede Chance.
Marius Goldhorn: Die Prozesse. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025, 288 Seiten, 23 Euro
