21.08.2025
Die Serie »The German« beschäftigt sich mit dem Schweigen nach dem Holocaust

Zweierlei Schweigen

Die actionreiche Streamingserie »The German« erzählt von der Verdrängung des Holocaust durch die Täter und die Opfer. Das ist spannend gemacht, wird dem Thema aber nicht durchweg gerecht.

25 Jahre nach dem Kriegsende und der Befreiung der Lager leben die Entkommenen Uri (Oliver Masucci) und Anna (Ania Bukstein) in einem Kibbuz am See Genezareth. Zusammen sind sie unmittelbar nach Kriegsende nach Israel gegangen, um die Traumata der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sie haben einander in den Wirren der Nachkriegszeit gefunden, nicht zuletzt, weil Uri, wie Anna ihrer gemeinsamen Tochter Tamar (Naya Bienstock) einmal erzählt, gut und richtig gerochen hat. Also haben sie sich verliebt, ein neues Leben im jüdischen Staat begonnen und eine Familie gegründet.

Ihre Erinnerungen halten sie unter Verschluss. Die Vergangenheit der Eltern soll das Leben der Kinder – neben Tamar, die Psychologie studiert, gibt es noch Sohn Eitan (Ido Tako), der sich anschickt, als Bomberpilot zum Stolz der Familie zu werden – nicht beeinträchtigen. Immer noch hoffen die beiden, irgendwann wieder ruhig schlafen zu können, ohne dass die Schrecken des Vernichtungslagers ihre Träume beherrschen.

Von den erlittenen Torturen im Vernichtungslager ist Uri ein auffälliger Tick geblieben: Jedes Mal, wenn er in einer Situation unsicher ist, streicht er mit der Hand über eine Stelle über seinem rechten Auge.

Insbesondere Uri glaubt nicht daran, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit ihm Heilung verschaffen kann. Als Anna ihn eines Tages dennoch bittet, gemeinsam mit ihr zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu fahren, weil sie Gewissheit über die Ermordung der nächsten Angehörigen erlangen möchte, schlägt seine Fassungslosigkeit über ihr Ansinnen gar in Geschirr zertrümmernde Wut um.

Von den erlittenen Torturen im Vernichtungslager ist Uri ein auffälliger Tick geblieben: Jedes Mal, wenn er in einer Situation unsicher ist, streicht er mit der Hand über eine Stelle über seinem rechten Auge. Hier hat ihn, wie Flashbacks aus dem Lager nahelegen, der erste einer Reihe von brutalen Stockschlägen eines SS-Mannes getroffen. Als er aus beruflichen Gründen gezwungen ist, nach Deutschland zu fliegen, ist ihm die Anspannung deutlich anzumerken.

Mit der Rückkehr Uris ins Land der Täter beginnt die israelisch-US-amerikanische Streamingserie »The German«, bei der Gabriel Bibliowicz Regie führte. An dem Drehbuch hatten Moshe Zonder und Ronit Weiss-Berkowitz zehn Jahre gearbeitet, wie sie dem US-amerikanischen Branchenmagazin Variety anlässlich der Premiere der ersten Staffel beim Festival »Series Mania« im März in Lille verraten haben.

Bereits am Drehbuch der Serie »Fauda« mitgewirkt

Zonder hatte bereits am Drehbuch der hochgelobten Serie »Fauda« (seit 2015) mitgewirkt. Sie zeigt in parallelen Erzählungen sowohl die Jagd der verdeckt operierenden israelischen Spezialeinheit Mista’avrim auf den Hamas-Terroristen Abu Ahmad, genannt der Panther, als auch dessen Vorgeschichte und seinen todessehnsüchtigen Kampf gegen den Staat Israel.

Auch »The German« entfaltet seine actionreiche und ideengetriebene Handlung auf verschiedenen Ebenen. Erzählt wird sowohl vom Kampf um eine Erinnerungs- und Gedenkkultur in Israel als auch vom geheimen Nachleben des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik der siebziger Jahre. Dabei lotet die Serie aus, mit welchen Geheimnissen es sich gerade noch so weiterleben lässt.

Das Leben feiern. Der Kibbuz bereitet ein Fest vor

Das Leben feiern. Der Kibbuz bereitet ein Fest vor

Bild:
Magenta TV

Der Konflikt, auf den »Fauda« in drastischen Bildern eine Nah- und Innenperspektive bietet, war in der Zeit der Entstehung und Ausstrahlung der Serie hochaktuell und wurde noch durch die Gnadenlosigkeit der Anschläge vom 7. Oktober 2023 und den darauf folgenden Krieg von der Realität eingeholt. Dagegen soll die Serie »The German«, die in großen Teilen mitten in diesem Krieg in Israel gedreht wurde, ein historisches Drama sein, das we­niger ein spezifisches politisches Statement abgeben, sondern eher universell verstanden werden will.

Als wollten sie ganz sichergehen, dass die zentralen Konflikte in jedem Fall beim Publikum ankommen, ­arbeiten die Autor:innen von Anfang symbolträchtig und mit einander immer wieder aufgreifenden und spiegelnden Parallelhandlungen. So hat Uri als verantwortlicher Inge­nieur mit seinem Team eine Wasseraufbereitungsanlage im Kibbuz entwickelt, die aus der schlimmsten Drecksbrühe reines Trinkwasser destilliert. Zum Wohl und für die finanzielle Unabhängigkeit des Kibbuz muss er sein Patent nun ausgerechnet an deutsche Investoren verkaufen, was seine Reise nach München unausweichlich macht.

Übertragung und Bewältigung von Traumata

Zur selben Zeit wie er hält sich auch sein Freund und Nachbar Rafi (Rotem Keinan) in der bayerischen Hauptstadt auf. Rafi, der für den Mossad arbeitet, ist einer Gruppe von untergetauchten SS-Angehörigen auf der Spur. Über sie hofft der Geheimdienst, Informationen zur neuen Identität und zum Aufenthaltsort von Joseph Mengele zu erlangen, der unter anderem als SS-Hauptsturmfürer und Lagerarzt in Auschwitz für die Selektion der ­Deportierten zuständig war und im »Zigeunerlager« in Auschwitz-­Birkenau verbrecherische Menschenversuche an Häftlingen durchführte.

Doch Rafi hat einen Unfall, weshalb er den Freund bitten muss, an seiner Statt zum Treffen mit einem der überwachten Männer zu gehen. Gegen seinen ausdrücklichen Willen gerät Uri durch diesen Freundschaftsdienst in die Geheimdienstaktion und in Kontakt mit den Dämonen der Vergangenheit.

Weitere Handlungsstränge erzählen die Geschichte von Uris Ehefrau Anna und die seiner Kinder. Tamar verliebt sich in den US-amerikanischen Wissenschaftler Steven (Dan Shaked), der zur Übertragung und Bewältigung von Traumata forscht, und lädt ihn in den Kibbuz ein. Hier führt er Interviews mit Überlebenden und trägt so dazu bei, das Schweigen allmählich zu über­winden.

Deko mit Hakenkreuzfahne und Hitlerbild

Stilechte Deko

Bild:
Magenta TV

Derweil schlägt Eitan im Hochgefühl seines Erfolgs in der Luftwaffe und einer ersten großen Liebe gehörig über Stränge. Dabei kommt es zu einem Todesfall, anschließenden Lügen und Verstrickungen, die Schuldgefühle und neues Unheil nach sich ziehen. Unter anderem geben sie dem Mossad-Kommandanten Amos (Alon Aboutboul) das Druckmittel an die Hand, Uri weiter in die Suche nach Mengele zu zwingen. Und obgleich Uris Training für die Begegnungen mit den Nazis nur äußerst knapp ausfällt, gelingt es ihm vor Ort überraschend gut, alle Fallen zu kontern, die diese ihm stellen, um seine Legende zu prüfen. Sogar als die Herrenrunde aus dem Gruselkabinett der Geschichte ein anderes Lied anstimmt als das Lied der Waffen-SS, das Uri vom Mossad beigebracht wurde, singt er mit.

Interessanter als die recht B-Movie-artig inszenierten Münchner Episoden sind jene, die das Leben im Kibbuz zeigen und in denen die Überlebenden sich allmählich Tamar, Steven und seinem Tonbandgerät öffnen.

Gleichzeitig findet Anna in Yad ­Vashem heraus, dass Manfred Goldstein, so Uris ursprünglicher Name, in Auschwitz ums Leben gekommen ist – beglaubigt durch die Aussage seines Bruders, den sie ebenfalls ausfindig macht. Schon am Ende der dritten Episode des Achtteilers sieht es daher ganz so aus, als ob der von Oliver Masucci mit körperlicher Präsenz und angemessener charakter­licher Uneindeutigkeit gespielte Protagonist nicht der ist, der zu sein er vorgibt. Diesen ungeheuerlichen Verdacht in der Konfrontation mit der Vergangenheit auszuräumen oder zu erhärten, macht die Spannung der Serie aus.

Ähnlich wie der Erzähler in Edgar Hilsenraths 1977 zuerst in Deutschland erschienenem Roman »Der Nazi & der Frisör« könnte er statt des Überlebenden der Shoah, als den ihn Frau, Kinder, Nachbarn und Freunde kennen, ein ehemaliger SS-Mann sein, der die Identität eines von ihm ermordeten Häftlings aus dem Vernichtungslager bloß angenommen hat.

Beispiele für die Übernahme von Tarnidentitäten durch SS-Leute angesichts der deutschen Niederlage sind dokumentiert – Bekanntheit hat etwa der Fall Ulrich Schnaft erlangt, der sich als Angehöriger der Waffen-SS nach dem Krieg als Jude ausgab, nach Israel ging, es bis zum Offizier der IDF brachte und bis zu seiner Enttarnung für Ägypten spionierte.

Interessanter als die zwar spannenden, aber doch recht B-Movie-artig ­inszenierten Münchner Episoden sind jene, die das Leben im Kibbuz zeigen und in denen die Überlebenden sich allmählich Tamar, Steven und seinem Tonbandgerät öffnen, um die Trauer zuzulassen und aus der erschütternden Erfahrung des Holocaust eine neue Gesellschaft zu formen.

Selbstverständlich spielt in diesem Zusammenhang auch eine Rolle, was Amos und der Mossad von Uris Vergangenheit wissen – und wie sie dieses Wissen für ihre Strategien nutzen. Eine zweite Staffel ist bereits in Planung.

»The German« kann auf Magenta TV ­gestreamt werden.