21.08.2025
In Indonesien soll nicht über die Verbrechen der Suharto-Diktatur gesprochen werden

Weglassen, verharmlosen, umdeuten

Indonesien feiert 80 Jahre Unabhängigkeit. Doch über die zahlreichen Verbrechen der von 1966 bis 1998 währenden Suharto-Diktatur soll an den Schulen zukünftig geschwiegen werden.

An zahlreichen Orten des riesigen Archipels, vor allem in Jakarta und der im Aufbau befindlichen neuen Hauptstadt Nusantara, feierte Indonesien am Sonntag den 80. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Die Kolonialherrschaft der Niederländer endete zwar faktisch schon 1942 mit dem Überfall der japanischen Armee, die Unabhängigkeitserklärung des Inselstaats folgte aber erst nach Kriegsende am 17. August 1945; die Niederlande gaben ihre Ansprüche erst nach einem blutigen Konflikt 1949 auf.

Allein an den offiziellen Feierlichkeiten im Palastkomplex Istana Merdeka in Jakarta – einem von sieben Präsidentenpalästen des Landes – nahmen 16 000 geladene Gäste teil, zudem gab es diverse Straßenfeste. Die Regierung des seit Oktober 2024 amtierenden Präsidenten und ehemaligen Generals Prabowo Subianto nutzte die Feierlichkeiten, um die ersten 300 Tage im Amt als Erfolgsgeschichte zu präsentieren.

In den Entwürfen für die neuen Geschichtsbücher wird die Ermordung von bis zu einer Million Kommunisten durch das Suharto-Regime als »Antwort« auf einen angeblichen Putschversuch verharmlost.

Eigentlich sollte am Unabhängigkeitstag auch die im Mai angekündigte Veröffentlichung einer neuen zehnbändigen »offiziellen Geschichte« Indonesiens erfolgen. Doch dieses Projekt der Regierung ist äußert umstritten; mittlerweile wurde die Veröffentlichung auf November vertagt.

Menschenrechtsgruppen und andere Kritiker hatten schon vor dem Wahlsieg des autoritär gestimmten Prabowo eindringlich vor einem gesellschaftspolitischen Rollback ebenso gewarnt wie vor künftigen Versuchen, die Geschichte des Landes umzuschreiben. Das droht nun, mit dem geplanten Entwurf der neuen Geschichtsbücher – zukünftige Pflichtlektüre für Abermillionen Schülerinnen und Schüler – Realität zu werden. Denn darin sollen kritische Passagen über die Diktatur von Suharto, der durch den Volksaufstand von 1998 zum Abtreten gezwungen wurde und dessen Schwiegersohn Prabowo ist, gestrichen werden.

Schon die bisherige Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen aus den drei Jahrzehnten Diktatur lief alles andere als gut; Akten wurden unter Verschluss gehalten, die Aufklärungsarbeit stockte. Auch unter Prabowos Vorgänger Joko Widodo, der anfangs als liberal-demokratischer Hoffnungsträger gefeiert worden war, hatte sich daran wenig geändert.

Neuschreibung als Geschichtsklitterung bewertet

Doch haben die jetzigen Pläne eine neue Qualität, nun wird nicht mehr nur totgeschwiegen, sondern umgeschrieben. Auf Grundlage dessen, was bisher über den Inhalt der Geschichtsbände bekannt wurde, werfen zahlreiche Kritiker, zu denen auch viele unabhängige Historiker gehören, dem für das Projekt zuständigen Kulturminister Fadli Zon vor, die Verbrechen der Diktatur durch Auslassungen, Beschönigungen und gezielte Umdeutungen zu verharmlosen.

Die Regierung Prabowo hat für die neuen staatlich autorisierten Geschichtsbände landesweit 112 Historiker von 34 Universitäten eingespannt. Das könnte theoretisch auf einen umfassenden Konsens hindeuten, doch dem ist offenbar nicht so. Schon in der zweiten Maihälfte, als ein 30seitiger Auszug des neuen Kompendiums online publik gemacht wurde, hatte ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis unter dem Namen Historical Transparency Alliance vor dem Parlament protestiert: Das Bündnis wertete die Neuschreibung als Geschichtsklitterung und forderte die Abgeordneten auf, dem Vorhaben ihre Zustimmung zu verweigern. Da die breite Regierungskoalition Prabowos im Grunde alle parlamentarisch relevanten Kräfte außer der säkular-liberalen Demokratischen Partei des Kampfes einbindet, ist mit größerer Gegenwehr in der Volksvertretung allerdings nicht zu rechnen.

Was in den neuen Geschichtsbüchern alles ausgelassen oder umgedeutet wird, ist im Detail noch unklar. Fadli behauptete zwar bei der ersten von drei öffentlichen Diskussionsrunden Ende Juli an der Universitas Indonesia in der Provinz Westjava: »Die Geschichtsbücher werden nichts verbergen.« Doch die geleakten Ausschnitte lassen bereits Schlimmes vermuten.

Massenvergewaltigungen nicht mehr thematisiert

So werden etwa die Massenvergewaltigungen im Kontext der Mai-Unruhen von 1998, die zum Sturz Suhartos führten, nicht mehr thematisiert. Fadli führte als Begründung »mangelnde Beweise« an. Dabei hatte bereits ein offizieller Untersuchungsbericht aus demselben Jahr mindestens 52 Fälle bestätigt, bei denen vorwiegend Chinesinnen den mutmaßlich von Armeeschlägern angeführten Vergewaltigungstrupps zum Opfer fielen.

Zudem soll die Ermordung von bis zu einer Million Angehörigen der Kommunistischen Partei Indonesiens sowie linken Studenten und Aktivisten durch das Suharto-Regime (die konservativste Schätzung geht von über 400 000 Todesopfern aus) als »Antwort« auf einen angeblichen Putschversuch verharmlost werden. Schwerste Menschenrechtsverletzungen gab es ferner im 1975 besetzten, inzwischen als Timor-Leste unabhängigen Osttimor sowie im Kontext der brutalen Unterdrückung des bis heute anhaltenden Unabhängigkeitskampfs der Papuaner im östlichsten Landesteil.