04.09.2025
Das Organisationsteam des Antifa-Kongresses »Zeit zu denken« im Gespräch

»Es darf gerne gestritten werden«

»Wie schlecht es um die gesellschaftlichen Verhältnisse steht, das wisst ihr selbst« – so heißt es im Ankündigungstext von »Zeit zu denken«. Zu dem »(selbst)kritischen antifaschistischen Kongress« wird am 10. und 11. Oktober nach Erfurt eingeladen. Die »Jungle World« sprach mit dem Organisationsteam über seine Absichten.

Was hat euch bewogen, den Kongress zu veranstalten?
Wir sehen, wie Klimakrise, soziale Verwerfungen, Kriegspolitik und autoritäre Entwicklungen ineinandergreifen. Die gesellschaftliche Antwort erfolgt in Form einer repressiven Sicherheits- und Grenzpolitik, Abbau des Sozialstaats und nationalistischer Mobilisierung. Bei Demos gegen die AfD waren Zehntausende, bei einer Demo gegen den Bau eines Abschiebeknasts in Arnstadt waren nur 200 Menschen. Es fehlt ein Verständnis des Zusammenhangs zwischen dem Aufstieg der AfD, verschärfter Innen- und Außenpolitik und kapitalistischer Gesellschaft. Daran wollen wir arbeiten.

Was werden die inhaltlichen Schwerpunkte sein?
Die zentralen Themen sind Autoritarismus und Faschismus mit Fokus auf Ostdeutschland. Es geht uns nicht nur um eine Analyse der Rechten, sondern auch um die Frage, warum autoritäre und nationalistische Antworten derzeit so attraktiv erscheinen und welche Rolle der Kapitalismus dabei spielt. Das beschäftigt ja derzeit viele. Etwa den Kongress »Antifa out of line« in Berlin Anfang des Jahres – hier spielten jedoch der Rechtsruck bürgerlicher Parteien, die selbstbewusster werdende militärische Innen- und Außenpolitik Deutschlands und das Erstarken rechter und rassistischer Gewalt insbesondere im Osten eine viel zu geringe Rolle. Beim diesjährigen Kantine-Festival konnten wir zur Erarbeitung eines Faschismusbegriffs viel mitnehmen – offen blieb für uns eine genauere Analyse der gesellschaftlichen Krise, in der wir uns derzeit befinden. Wir wollen diese Fragen bei unserem Kongress weiter diskutieren.

»Es fehlt ein Verständnis des Zusammenhangs zwischen dem Aufstieg der AfD, verschärfter Innen- und Außenpolitik und kapitalistischer Gesellschaft. Daran wollen wir arbeiten.«

Die innerlinken Konflikte werden derzeit äußerst emotional und moralisierend ausgefochten – selten als Debatte, häufig als Glaubensfrage. Wie ist eure Perspektive auf den derzeitigen Stand der Linken?
Wir wollen Widersprüche und Streitfragen nicht verdrängen, sondern zum Thema machen und diskutieren. Wir denken, die gesellschaftliche Linke ist gerade sehr ohnmächtig und die Bedrohungen von rechts nehmen zu. Das Erstarken roter Gruppen mag auch dadurch zu erklären sein – sie imaginieren sich Stärke und Handlungsmacht durch ein militantes Auftreten und den Gestus von Disziplin und Härte, auch damit beschäftigen wir uns auf dem Kongress. Ebenso mit dem explosionsartigen Wiedererstarken von Antisemitismus seit dem 7. Oktober in der deutschen und globalen Linken.

Wie wollt ihr die verschiedenen Strömungen an einen Tisch bekommen?
Das ist gar nicht unser Anspruch. Die Vorbereitungsgruppe setzt sich aus verschiedenen linken Gruppen zusammen. Im Programm drückt sich die Kompromissfindung aus. Wir wollen gemeinsam mit Genoss:innen an einer Analyse und Kritik der Gegenwart arbeiten – und haben Referent:innen eingeladen, deren Ansätze uns dafür vielversprechend erscheinen. In den Austauschrunden sind politische Gruppen eingeladen, die dem Wahnsinn dieser Gesellschaft an Ort und Stelle etwas entgegenzusetzen versuchen – insbesondere im Osten. Es darf gerne gestritten werden.

Was braucht die Linke aus eurer Sicht, um wieder adäquate Antworten auf die gegenwärtigen Missstände zu entwickeln?
Wenn wir hierzu eine klare Lösung hätten, bräuchten wir wahrscheinlich den Kongress nicht. Einig sind wir uns darüber, dass Analyse und Kritik der Grundlagen – und der Zumutungen – dieser Gesellschaft entscheidend sind. Dazu gehört für uns auch die Reflexion der eigenen Ohnmacht als gesellschaftliche Linke. Doch wollen wir diese weder theoretisch bloß affirmieren, denn zufrieden sind wir damit nicht, noch wollen wir in einen blinden Handlungsoptimismus verfallen.

Zum Kongressprogramm »Zeit zu denken«