Jungle+ Artikel 04.09.2025
Aus dem Leben nach den Zwanzigern – Auszug aus dem Debütroman von Julia Pustet

Alles ganz schlimm

Susanne hat ein Buch über ihre Zeit als Prostituierte geschrieben, doch ihre Freundin Stella stiehlt es und veröffentlicht es unter ihrem Namen – mit enormen Folgen. Julia Pustet erzählt in ihrem Roman »Alles ganz schlimm« über Politisierung und Freundschaft und lässt im Prolog die Beziehung zwischen Susanne und Stella Revue passieren, während sie im ersten Teil des Buchs die Kindheit ihrer Hauptfigur erzählt.

Prolog

Wenn sie gegen mich gewann, zitterten ihre Augen, als hätte sie einen Krampf. Manchmal schlingerte auch ihre Stimme für einen Moment, bevor sie ein bisschen zu laut wurde. Wenn sie gegen mich gewann, ging ihre Stimme am Ende des Satzes nach unten. Ihre Momente des Sieges waren ohne Humor, und wenn sie doch einmal Scherze machte, schrie sie sie heraus, lachte aber nicht. Sofern sie beim Gewinnen rauchte, zog sie den Rauch schneller ein, wodurch ein Luftton entstand. Sie blies dann den Rauch aus und blickte auf den Boden. Sie war unsensibel auf eine Art, die Menschen an sich selbst zweifeln ließ. Sie war eine Instanz. Manchmal, wenn sie gegen mich gewann, sagte sie die Dinge in einem Tonfall, der klang, als hätte sie sie mir schon einmal erzählt.

Einmal erzählte sie mir in einer Bar von einem Roman. Ich war schon müde. Der Mann mit dem groben Kiefer nickte so eifrig zu ihren Worten, dass ich wusste, er hörte ihr nicht zu. Als er sich abstützte, um sich in ihre Richtung zu beugen, berührte er meine Hand. Ich fragte mich, ob er immer noch nickte, um von dem Stück Haut abzulenken, das er an meiner liegen ließ, oder ob er sich einfach alle Optionen offenhielt. Wohl weil er ihr gefiel, vermied Stella seinen Blick.
»Der Verlag ist langsam ungeduldig, das Buch ist aber auch schon zur Hälfte fertig«, sagte sie und öffnete ihre Haarklammer. Sie ließ den Blick durch den Raum streifen, als wäre ihr plötzlich eingefallen, dass man sie verfolgt, holte einen Lipgloss und einen Klappspiegel aus der Tasche und zog sich die Lippen nach. Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. Der Mann lehnte sich an die Wand, sein Profil verschwand aus meinem Blickfeld.

»Worum geht es denn«, fragte ich sie.

»So um den Terroranschlag in Bologna 1980. Der Umgang mit den Überlebenden, die Verstrickungen der Geheimdienste, die P2-Loge.«

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