Demonstrieren mit Sellner, Plaudern mit FPÖ-Mitarbeitern
Der niederländische Rechtsextreme Thomas D. sitzt weiterhin in Untersuchungshaft, wegen des Verdachts auf Vorbereitung einer terroristischen Straftat. Die Wohnung des 24jährigen in der Nähe von Amsterdam war Mitte August durchsucht worden. Dabei fanden Ermittler verbotene Schusswaffen und Munition. Zudem werde ihm die Herstellung von Waffenteilen vorgeworfen, so die Staatsanwaltschaft. Vorausgegangen war den Ermittlungen ein Bericht des niederländischen Inlandsgeheimdiensts, dem zufolge der Verdächtige bereit sei, terroristische Gewalttaten zu verüben.
Zu den Waffenfunden beim Verdächtigen und dessen mutmaßlichen Plänen könne man »aufgrund laufender Ermittlungen« bislang noch keine Auskunft geben, hieß es von der Staatsanwaltschaft auf Anfrage der Jungle World. Nach seiner Festnahme am 14. August kam D. zunächst in zweiwöchige Untersuchungshaft. Diese wurde inzwischen auf 90 Tage verlängert. Laut Staatsanwaltschaft bestehe dafür »genügend Verdacht«.
Thomas D. nahm an der diesjährigen »Sommerdemo« der Identitären Bewegung in Wien teil. Er marschierte dort als Anheizer mit Megaphon am Frontbanner.
D. war äußerst aktiv in der rechtsextremen Identitären Bewegung und trat europaweit in Erscheinung. Er ist Mitglied der niederländischen rechtsextremen Gruppe Geuzenbond.
Er sei sogar eine »Schlüsselfigur« der Gruppe, sagte Willem Wagenaar, Experte für die extreme Rechte von der Anne-Frank-Stiftung, der Jungle World. Wagenaar geht davon aus, dass der Geuzenbond aus rund 50 Aktivisten besteht. Der Name bezieht sich auf die niederländischen Rebellen gegen die spanische Herrschaft im 16. Jahrhundert.
Im März wurde D. vom rechtsextremen Magazin Compact für ein Youtube-Video interviewt. Man spreche mit »einem patriotischen niederländischen Aktivisten«, hieß es in dem Video, D. wurde darin als »Sprecher Geuzenbond« bezeichnet.
Der Geuzenbond teilte nach der Festnahme mit, man glaube »keine Sekunde« daran, dass D. »irgendeine Form von Gewalt verbreite«. Es sei »wahrscheinlich«, dass es sich um eine »übertriebene und erfundene Geschichte« des »deep state« handele, »um der nationalistischen Bewegung zu schaden«. Hinter dem Begriff »deep state« verbirgt sich bei Rechtsextremen in der Regel eine antisemitisch gefärbte Verschwörungstheorie, der zufolge geheime Eliten im Verborgenen den Staat kontrollieren.
Vielfältige Verbindungen zur extremen Rechten in anderen Ländern
Auf Social Media präsentieren sich die Mitglieder des Geuzenbond gerne in Kampfmontur beim Boxen. Niederländischen Sicherheitsbehörden zufolge ähnelt die Gruppe den sogenannten Active Clubs. Dieser Begriff ist bei Rechtsextremen seit einigen Jahren in Mode gekommen – gemeint ist eine Art Männerbund, der sich durch gemeinsamen Kampfsport abzuhärten trachtet. Fotos, die vom Recherchebund Exif publiziert wurden, zeigen D. im Jahr 2023 auch beim neonazistischen Kampfsport-Event »European Fight Night« in Ungarn.
D. war ebenfalls Mitglied in der Großniederländischen Studentenvereinigung (GNSV), einer burschenschaftsähnlichen Verbindung. Die GNSV versteht sich selbst als nationalistisch. In einem Statement der GNSV hieß es nach der Verhaftung von D., man habe den Verdächtigen vorerst »suspendiert«, bis das Gerichtsverfahren abgeschlossen sei. Gewalt lehne man ab.
Der Geuzenbond hat vielfältige Verbindungen zur extremen Rechten in anderen Ländern. Auf einer von der Gruppe ausgerichteten Konferenz im vergangenen Jahr war zum Beispiel der belgische Politiker Dries Van Langenhove von der ethnonationalistischen rechten Partei Vlaams Belang als Redner aufgetreten, der kurz darauf unter anderem wegen Holocaustleugnung und illegalen Waffenbesitzes verurteilt wurde. Anfang des Jahres besuchten Mitglieder des Geuzenbond einen Vortrag des Rechtsextremisten Martin Sellner in den Niederlanden – er gilt als Anführer der Identitären Bewegung Österreich (IB).
»Amikables Gespräch«
D. selbst ist gut vernetzt im neurechten Lager, zu dem die IB gehört. Er nahm im Mai an dem »Remigration Summit« in Mailand teil – einer Konferenz, bei der Sellner mit der AfD-Politikerin Lena Kotré aus Brandenburg und zahlreichen anderen rechtsextremen Hardlinern zusammenkam. Fotos, die der Jungle World vorliegen, zeigen D. zudem bei identitären Schulungsveranstaltungen und am Tisch in kleiner Runde zusammen mit internationalen Führungskadern der IB.
Auch an der diesjährigen IB-»Sommerdemo« Ende Juli in Wien nahm D. teil. Dort marschierte der Verdächtige als Anheizer mit Megaphon am Frontbanner, er hielt auch eine Rede. »Wir werden diesen Kontinent zurückerobern«, sagte er. Rund 500 Rechtsextreme zogen an diesem Tag durch die österreichische Hauptstadt. Eine Auftaktveranstaltung am Vorabend in einem Wiener Hausprojekt der IB besuchte auch der rechtsextreme Verleger Götz Kubitschek.
Die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtete später von einem »amikablen Gespräch« zwischen dem Verdächtigen D. und dem Aktivisten Gernot Schmidt aus Österreich auf der Demonstration. Letzterer gilt als Führungsperson der IB in Österreich, seit Anfang Juli ist er parlamentarischer Mitarbeiter für den österreichischen Nationalratsabgeordneten Michael Oberlechner (FPÖ).
Von der IB ist zu dem Fall bisher öffentlich nichts zu vernehmen. Das Statement des Geuzenbond kommentierten zahlreiche teils internationale Accounts mit Parolen wie »Free Thomas« und »Support for Thomas«.
Mindestens indirekte Verbindungen der IB zum Rechtsterrorismus
Schon früher gab es zumindest indirekte Verbindungen der IB zum Rechtsterrorismus. So spendete etwa der Mörder von Walter Lübcke Geld an die IB. Auch der spätere Attentäter von Christchurch hatte dem französischen Ableger der IB 2017 über 2.000 Euro gespendet, 2018 folgte eine Spende von gut 1.500 Euro an Martin Sellner. Im folgenden Jahr hat der Mann in zwei Moscheen der neuseeländischen Stadt um sich geschossen und 50 Menschen getötet. Er hat eine Erklärung abgegeben, in der er sich – wie viele andere Rechtsterroristen auch – auf die Wahnvorstellung eines »Großen Austauschs« bezog, die auch bei der IB eine zentrale Rolle spielt.
Vergangenen Sommer wurde ein damals 21jähriger, der bei der IB Österreich aktiv gewesen ist, wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung, Verhetzung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, von der er jedoch nur acht Monate absitzen musste. Dem Gericht zufolge war er Mitglied der Neonazi-Gruppe Feuerkrieg-Division, einem europäischen Ableger der US-amerikanischen Atomwaffen Division. In deren internen Chatgruppen hat er dem Urteil zufolge rassistische und menschenfeindliche Nachrichten ausgetauscht und Phantasien über Anschläge auf jüdische Einrichtungen geteilt.