04.09.2025
Die Sportplätze in Deutschland verfallen, die Kommunen hoffen nun auf Bundesmittel

Risse in der Laufbahn

Viele Sportstätten in der Bundesrepublik sind in einem üblen Zustand. Für Reparaturen, Instandhaltung und Neubau bräuchte es Milliarden, doch Kommunen und Länder müssen weiterhin sparen. Viele hoffen nun auf Mittel aus dem »Sondervermögen« des Bundes.

20 Millionen Euro investierte die Stadt Bochum in den Umbau des Lohrheidestadions im Stadtteil Wattenscheid, weitere 30 Millionen kamen vom Land Nordrhein-Westfalen. Das ganze Stadion wurde überdacht, eine neue Tribüne gebaut und auch neue Umkleidekabinen gab es. Nach zwei Jahren Umbauzeit wurde das Stadion im Juli neu eröffnet.

Doch es war nicht alles glatt gelaufen bei der Großrenovierung. Erbitterte Debatten hatte es über das Farbschema der Publikumssitze gegeben. Die sollten blau und grau werden, was für große Empörung bei den Fans des Ex-Bundesligisten (1990–1994) und nunmehrigen Fußballfünftligisten SG Wattenscheid 09 gesorgt hatte. Denn die Farben erinnerten sie zu sehr an das Blau-Weiß des verhassten VfL Bochum – die beiden Vereine nutzen das Stadion gemeinsam, Spielstätte des Zweitliga-Profiteams des VfL ist allerdings das Ruhrstadion mit seinen charakteristischen blauen Sitzschalen. Wattenscheid, so muss man wissen, war früher mal eine eigenständige kreisfreie Stadt, die 1975 nach Bochum eingemeindet wurde. Dort fühlt man sich gerne übergangen, was sich auch in der Rivalität der beiden Vereine ausdrückt.

2024 fuhren die Kommunen ein Defizit von 24,3 Milliarden Euro ein. In den kommenden Jahren soll dieses Defizit schrittweise auf mehr als 35 Milliarden Euro pro Jahr anwachsen.

Der Bezirksbürgermeister von Bochum-Wattenscheid, Hans-Peter Herzog (SPD), versuchte, die Debatte um die Farbe der neuen Schalensitze als »Killefitt« (Unsinn) abzutun. Das erwies sich als fatale Fehlkalkulation. Der Unmut in Bochum-Wattenscheid nahm immer mehr zu, Herzog wurde vorgeworfen, sich nicht genug für die Wattenscheider Belange einzusetzen. Schließlich wurde er im Juni vom Stadtrat vorzeitig abgewählt – auch von seiner eigenen SPD-Fraktion.

In der Folge dieses politischen Umbruchs trat dann auch der Vorsitzende der SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung aus der Partei aus, um nun mit einer eigenen Liste bei der Kommunalwahl anzutreten. Fußballfarben sind eben kein »Killefitt«, in Bochum zumindest.

Dabei hätten die Wattenscheider jeden Grund zur Freude gehabt: Aufwendige Stadionrenovierungen sind keine Selbstverständlichkeit. Die Sportanlagen in der Bundesrepublik bröckeln vor sich hin. Der Sportökonom Lutz Thieme, Professor an der Hochschule Koblenz, schätzte im vergangenen Jahr vor dem Sportausschuss des Bundestages den Investitionsbedarf der Kommunen im Bereich Sport auf 12,9 Milliarden Euro – ein Anstieg von rund 4,5 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr. Rechnet man auch die vereinseigenen Sportstätten und den Bedarf bei Bund und Ländern hinzu, betrage der Sanierungsbedarf bei den deutschen Sportstätten insgesamt 31 Milliarden Euro, schätzt der Deutsche Olympische Sportbund (DSOB).

Schon der bloße Betrieb von Sportanlagen überfordert viele Städte

Doch nicht nur Baumaßnahmen, sondern schon der bloße Betrieb von Sportanlagen wie Bädern überfordert viele Städte. Der »Bäderatlas« der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen zählt aktuell 6.001 Hallen- und Freibäder. Im Jahr 2000 lag die Zahl noch bei knapp 6.700. Vor allem in Ostdeutschland hat das Bädersterben dazu geführt, dass für die meisten der Weg zum nächsten Schwimmbad mehr als eine Stunde dauert. Das hat Folgen: Nach Berechnungen der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hat sich der Anteil der Kinder, die nicht schwimmen können, zwischen 2017 und 2022 verdoppelt.

Der DOSB, der 86.000 Sportvereine mit gut 27 Millionen Mitgliedern vertritt, kann nun mit Geld aus der »Sondervermögen« genannten Schuldenaufnahme der Bundesregierung rechnen. Mitte Juni beschlossen die Länder und die Bundesregierung, den Sport als Förderbereich des Sondervermögens aufzunehmen. In der ersten Fassung der Gesetzentwürfe zur Umsetzung des Sondervermögens war die Sportinfrastruktur noch nicht enthalten gewesen.

Verschiedene Landessportverbände fordern nun von den Bundesländern, dass diese Möglichkeit genutzt wird, um erheblich mehr in Sportstätten zu investieren. In Nordrhein-Westfalen beläuft sich der Investitionsrückstand bei kommunalen und vereinseigenen Sportstätten derzeit auf etwa 3,5 Milliarden Euro, sagte kürzlich Stefan Klett, Präsident des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen (LSB NRW), dem WDR. Besonders betroffen sei der Breitensport. Klett sieht im Sondervermögen des Bundes eine einmalige Gelegenheit, diesen Rückstand deutlich zu reduzieren.

Ob viel Geld in die Sportanlagen fließen wird, ist fraglich

Das Land Nordrhein-Westfalen wird über einen Zeitraum von zwölf Jahren jährlich 1,75 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen des Bundes erhalten. Christoph Niessen, Vorstandsvorsitzender des LSB NRW, rechnete in einer Pressemitteilung vor: Bereits zehn Prozent dieser Summe könnten ausreichen, um den Sanierungsstau innerhalb von zehn Jahren um die Hälfte zu verringern.

Auch in Sachsen macht man sich Hoffnungen auf einen Teil aus dem Berliner Geldsegen. »Das Sondervermögen des Bundes bietet nun eine einmalige Chance, den Sport fit für die Zukunft zu machen und die Lebensqualität in unseren Städten und Gemeinden nachhaltig zu stärken«, sagte Ulrich Franzen, der Präsident des Landessportbunds Sachsen.

Doch ob so viel Geld in die Sportanlagen fließen wird, ist fraglich. Trotz des Geldes vom Bund stehen viele Städte und Länder finanziell mit dem Rücken zur Wand. Berlin und Nordrhein-Westfalen werden in den kommenden Jahren voraussichtlich mehr als 100 Millionen Euro im Bereich der Hochschulen kürzen.

Hessen hat im Gesamthaushalt dieses Jahr 1,7 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr eingespart. Schleswig-Holstein kürzt unter anderem bei der Flüchtlingsunterbringung und der Städtebauförderung, Bremen will für Personal und Flüchtlinge weniger Geld ausgeben, und Sachsen will die Integrationsmittel reduzieren.

Olympiabewerbung statt Unterstützung des Breitensports

Bei den Städten ist die Lage noch dramatischer: 2024 fuhren die deutschen Städte ein Defizit von 24,3 Milliarden Euro ein. In den kommenden Jahren wird dieses Defizit nach der jüngsten Prognose des Städtebundes schrittweise auf mehr als 35 Milliarden Euro pro Jahr anwachsen. Da man damit rechnen muss, dass die Zunahme an Aufträgen für die Bauindustrie durch das Sondervermögen die Baupreise – noch weiter – steigen lassen wird, ist es unwahrscheinlich, dass dem Verfall von Stadien, Schwimmbädern und Turnhallen Einhalt geboten wird.

Das Geld aus dem Sondervermögen kann diesen Niedergang bestenfalls verlangsamen. Auch die Erhöhung der Sportausgaben des Bundes wird daran wohl wenig ändern. Sport ist Ländersache. Der Bund konzentriert seine Ausgaben auf wenige Bereiche wie die Förderung von Sportlern, die an den Olympischen Spielen teilnehmen sollen, die Vorbereitung von Weltmeisterschaften und anderer internationaler Wettkämpfe sowie die 17 Olympiastützpunkte.

333 Millionen Euro wird der Bund im kommenden Jahr für Sport ausgeben. Dabei ist auch eine kleine Summe für ein Projekt vorgesehen, bei dem ein Erfolg wohl eher unwahrscheinlich ist: Erstmals wurden Kosten für eine Olympiabewerbung in Höhe von 1,21 Millionen Euro im Haushalt eingeplant, im nächsten Jahr sollen es doppelt so viel sein.

Olympische Spiele in Berlin im Jahr 2036 zum 100. Jubiläum der Nazi-Spiele 1936 wären ein so geschmackloses Zeichen, dass man es selbst einer nahezu mafiösen Organisation wie dem Internationalen Olympischen Komitee kaum zutrauen möchte.

Stark gemacht hatte sich dafür auch der ehemalige hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Der war bis Ende Juli für sieben Monate als »Vorstand für besondere Aufgaben« beim DOSB angestellt – also wohl als eine Art Cheflobbyist. Zwar hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner Regierungserklärung über eine deutsche Bewerbung für Olympische Spiele kein Wort verloren, aber Bouffier zeigte sich im Gespräch mit dem Spiegel schon damit zufrieden, dass es im Koalitionsvertrag ein »Bekenntnis zur Bewerbung um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele« gab.

Hamburg, München, Berlin und Rhein-Ruhr haben Ende Mai ihre Konzepte abgegeben. Es geht dabei um die Spiele in den Jahren 2036, 2040 und 2044 – wobei Olympische Spiele in Berlin im Jahr 2036 zum 100. Jubiläum der Nazi-Spiele 1936 ein so geschmackloses Zeichen wären, dass man es selbst einer nahezu mafiösen Organisation wie dem Internationalen Olympischen Komitee kaum zutrauen möchte.