Die »Golden Girls« feiern 40. Geburtstag
Am 14. und 21. November 1972 wurde im Programm des US-Sender CBS Fernsehgeschichte geschrieben: In der Sitcom »Maude« durchlebte das Publikum mit der Hauptfigur Maude, einer rabiat linken Frau Ende 40, ihr Dilemma – denn sie ist ungewollt schwanger. In urkomischen Dialogen wägt Maude ab – und entschließt sich schließlich zu einer Abtreibung, noch bevor diese landesweit durch die Verfassungsgerichtsentscheidung »Roe v. Wade« als Recht von Frauen gesetzt wurde.
Die Folge gilt als bahnbrechend, nie zuvor wurde so offen im Fernsehen über einen Schwangerschaftsabbruch gesprochen. Natürlich rief sie Protest hervor: Die katholische Kirche organisierte eine Kampagne; als die Folge 1973 wiederholt wurde, weigerten sich 40 Untersender von CBS, sie auszustrahlen, 17.000 wütende Briefe wurden verfasst und abgeschickt. Geschrieben hatte die Folge die damals erst 32jährige Susan Harris. Ein Jahrzehnt später entwickelte sie ihre eigene Serie: »Golden Girls«.
Man darf sich beim Wiederansehen der »Golden Girls« darüber freuen, dass es mal eine Zeit gab, in der soziale Probleme mit großer Klarheit, Charme und vor allem mit bösem Witz thematisiert wurden.
Als die erste Folge der »Golden Girls« vor 40 Jahren, am 14. September 1985, auf NBC ausgestrahlt wurde, war nicht nur Harris Showrunnerin, sondern auch Beatrice »Bea« Arthur wieder mit von der Partie: Die großgewachsene Piscator-Schülerin und Brecht-Interpretin hatte sich, um »Maude« zu bewerben, einst als Freiheitsstatue verkleidet fotografieren lassen. In der neuen Serie spielte sie wieder eine selbstbewusste linke Frau, nämlich die frisch geschiedene, zynische Lehrerin Dorothy.
Maudes einstige beste Serienfreundin Vivian wurde von Rue McClanahan gespielt, auch sie zählte jetzt zu den »Golden Girls«, nämlich in der Rolle der sexsüchtigen Blanche Devereaux, deren Name eindeutig auf »Southern Belle« Blanche DuBois anspielt, Tennessee Williams’ tragische Hauptfigur in »Endstation Sehnsucht«. Und noch eine Schauspielerin von »Golden Girls« kannte man bereits aus einer Serie der Siebziger, die Frauenemanzipation zum Thema hatte: Betty White hatte eine äußert beliebte Nebenfigur in der Sitcom »The Mary Tyler Moore Show« gespielt. Sue Ann Nivens, die abgebrühte Fernsehköchin mit dem freundlichen Lächeln, das allerdings mit sexuellen Eskapaden und einem ruppigen Umgangston einherging, hat rein gar nichts mit der Figur zu tun, die White bei den »Golden Girls« spielte. Hier mimte sie Rose, eine naive, herzensgute und begriffsstutzige Farmerstochter aus Minnesota.
Komplett gemacht wurde das Quartett von Estelle Getty, die Sophia spielt, Dorothys freche Mutter. Zu viert leben sie in einer Wohngemeinschaft in Miami, der Metropole an der Südspitze Floridas, alle sind sie Mitte 50 (bis auf Sophia, die jenseits der 80 ist, obwohl Getty die zweitjüngste der vier war), die Männer sind entweder gestorben oder man hat sich von ihnen getrennt.
Es ist bemerkenswert, was für ein Cast für diese Serie versammelt wurde, die auf den ersten Blick altbacken wirkt, auf den zweiten aber das fortführte, was die Schauspielerinnen zuvor auf die eine oder andere Weise bereits gemacht hatten: den US-amerikanischen Linksliberalismus unter die Leute zu bringen.
Unter Präsident Ronald Reagan, der bereits vier Jahre regierte, als »Golden Girls« anlief, wurden die USA konservativer, nicht aber die vier Ladys: das Konzept der Serie war es, allerlei social issues zur Sprache zu bringen und Tabus herauszufordern, und zwar in einer Breite, die von eher persönlichen Dingen wie Einsamkeit, Trauer oder der einsetzenden Menopause, sprich dem nicht aufzuhaltenden Altern, bis hin zu gesellschaftlichen Themen wie Armut und Diskriminierung reichte.
In einer Folge droht einem von Dorothys Schülern die Abschiebung, in einer anderen befreit Sophia eine Freundin aus einem Altenheim, in der katastrophale Zustände herrschen – aufgrund staatlicher Streichungen, wie der Heimleiter den Frauen erklärt. In einer anderen Folge übernachten die Frauen in einem Heim für Obdachlose, diese erzählen ihnen in einem fürs Fernsehen der Zeit überraschenden Sozialrealismus, wie es dazu kam, dass sie auf der Straße leben.
Ein großes Thema der Serie ist Homosexualität: Eine Freundin von Dorothy ist lesbisch und verliebt sich während eines Besuchs in Rose, die völlig verdutzt davon ihr sagen muss, dass sie schlicht nicht lesbisch ist, während Sophia ihrer Tochter Dorothy sagt, dass sie sie genauso lieben würde, wenn sie auf Frauen stehen würde. Und der Bruder von Blanche, ein kerniger Typ, ist schwul, was sie kaum glauben kann.
Vorurteile überdenken
In einer anderen Folge lernt Dorothy eine Schriftstellerin kennen, mit der sie sich endlich intellektuell austauschen kann, die aber unaufhörlich arrogant gegenüber Blanche und Rose ist. Als sie schließlich alle zusammen auf eine Party in einen Club gehen wollen, stellt sich heraus, dass dieser Juden keinen Zutritt gewährt und die ach so gescheite Schriftstellerin eine ordinäre Antisemitin ist. Sie wird von Dorothy mit den Worten »Go to hell!« abgestraft.
Die Geschichten werden oft, allerdings nicht immer so erzählt, dass die Frauen per se offen und tolerant sind; oft besteht die Geschichte einer Folge gerade darin, wie sie sich dahin wandeln. Blanche zum Beispiel ist zunächst erzürnt über das Outing ihres Bruders, nicht weil sie ernsthaft homophob ist, sondern weil die Homosexuellen eben die anderen sind und nicht zu denen zählen, die sie kennt oder mit denen sie gar verwandt ist.
Auch Sophia muss ihre Vorurteile überdenken, als Rose in einer Folge mit der Möglichkeit konfrontiert wird, dass sie sich bei einer Bluttransfusion mit dem HI-Virus infiziert hat. Nicht nur ist die Folge bemerkenswert, da hier Aids ohne Bezugnahme auf schwule Männer zum Thema gemacht wird, sondern auch, da Sophia eine irrationale Angst umtreibt, denn sie weiß, dass sie sich nicht einfach so mit dem Virus anstecken kann, und doch ist es dadurch, dass Rose es vielleicht hat, auf einmal gefährlich nahe. Die Serie lässt sie diese Sorge äußern – um sie dann zu zerstreuen.
In dem Sinne sind die »Golden Girls« eine Schule des Linksliberalismus, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Tatsächlich lässt sich anhand dieses Linksliberalismus bei den »Golden Girls« eine Dialektik der Kulturindustrie aufzeigen, denn tatsächlich dürften die Serienmacherinnen und -macher ein soziales Gewissen gehabt haben, das sie dazu veranlasste, all diese Themen einfließen zu lassen, andererseits wurden diese eben jede Woche in ein enges kulturindustrielles Korsett gesteckt: Jede Folge der »Golden Girls«, sei ihr Thema auch noch so kontrovers, ist nach dem exakt gleichen Schema konzipiert, bis auf die Minute genau ertönt in jeder Folge die dudelnde, völlig verkitscht-traurige Melodie, jede Episode macht einen riesigen Konflikt auf, der nach 20 Minuten auch schon wieder befriedet ist.
Dass eine Serie in den Achtzigern ihr Publikum über Gesellschaftliches geradezu aufklärt, ist eine gute Sache, doch am Ende ist dies eben auch ihr Alleinstellungsmerkmal, um sich in der Konkurrenz um die Zuschauer eine gute Quote zu sichern – das eine geht nicht ohne das andere. Das Engagement der Serie wird aber dadurch nicht beschmutzt oder gar falsch, wie manche wohl argumentieren würden – man darf sich beim Wiederansehen mehr darüber freuen, dass es mal eine Zeit gab, in der soziale Probleme mit einer großen Klarheit, mit Charme und vor allem mit einem mitunter bösen Witz thematisiert wurden.
Außerdem sind die »Golden Girls« keine Agitatorinnen, nicht beinhart oder moralinsauer, im Gegenteil. Vor allem an Dorothy lässt sich das zeigen, diejenige der Frauen mit den stärksten moralischen Überzeugungen – die sie allerdings, und das passiert unzählige Male in der Serie, für einen kleinen Vorteil auch gerne mal über Bord wirft. In einer Folge werden die Frauen dafür ausgesucht, Besuch vom damaligen US-Präsidenten George H. W. Bush zu bekommen, der als PR-Aktion mit jeder von ihnen ein paar kurze Worte wechselt. Dorothy will ihm die Meinung geigen, ihn für seine fehlende Bildungs- und Gleichstellungspolitik kritisieren – und bekommt, als sie vor ihm steht, vor lauter Aufregung kein Wort heraus. Dass die selbstsichere Dorothy das eben nicht immer ist, ist die schöne Pointe der Folge.
Zwischen den vieren fliegen andauernd die Fetzen
Der Titelsong »Thank You for Being a Friend«, in dem wahnsinnig kitschig Freundschaft besungen wird, will, wenn man länger darüber nachdenkt, so gar nicht zu den »Golden Girls« passen. Denn klar, die vier sind Freundinnen, aber so gut wie jede Folge handelt davon, dass es Knatsch zwischen ihnen gibt.
Alle sind unentwegt genervt von den endlosen Geschichten, die Rose über St. Olaf erzählt, ihren von norwegischen Einwanderern gegründeten Geburtsort. Blanches Koketterie und ihre ständigen Männergeschichten gehen den anderen genau so auf den Geist wie Dorothys Sarkasmus und Besserwisserei.
Die Moral des Streits, überhaupt die Bereitschaft dazu, ihn zu führen, unterscheidet die »Golden Girls« dann doch von den Leuten heute, die dem Linksliberalismus zuzurechnen wären und die ihre Positionen ausdrücklich nicht diskutiert sehen wollen.
Zwischen den vieren fliegen andauernd die Fetzen, die Streitigkeiten sind der modus operandi der Serie, halten sie am Laufen, produzieren Lacher. Doch auch hinter den Kulissen lag Streit in der Luft: Aus welchen Gründen auch immer hatte Bea Arthur keine Sympathien für Betty White übrig, wie White in Interviews immer wieder ohne Groll erzählte. Dies spiegelte sich auch in ihren Figuren wieder: Ein running gag, wenn man es mit Müh und Not als solchen bezeichnen will, ist der, dass Dorothy Rose, wenn diese irgendetwas Dämliches sagt, mit einer Zeitung auf den Kopf schlägt – witzig ist das nie. Zum Glück revanchiert sich Rose später, im kurzlebigen Spin-off »Golden Palace«, und zieht dort Dorothy eine Zeitung über die Birne.
Abgesehen von diesen Fällen häuslicher Gewalt ist der Streit zwischen den »Golden Girls« aber sehr aufschlussreich und wichtig: Blanche kommt aus den Südstaaten, Rose aus dem Mittleren Westen, Dorothy aus New York und ihre Mutter Sophia ist italienische Einwanderin aus Sizilien. Hier treffen rein vom Milieu her völlig unterschiedliche Frauen aufeinander, und dafür, dass sie Freundinnen sein können, ist der vorherige Streit, auch der deftige, nun einmal nötig, um die Fronten zu klären und common ground zu finden – gewissermaßen wiederholt sich hier das im Kleinen, was im Großen die USA ausmachen, nämlich Gemeinsamkeiten zu finden trotz vieler Unterschiede.
Und diese Moral des Streits, überhaupt die Bereitschaft dazu, ihn zu führen, unterscheidet die »Golden Girls« dann doch von den Leuten heute, die dem Linksliberalismus zuzurechnen wären und die ihre Positionen ausdrücklich nicht diskutiert sehen wollen – was bei Konservativen und Rechten sowieso der Fall ist.