Wissenschaft in Mameloschn
Vilnius, damals Wilna, galt nicht umsonst einst als das »Jerusalem Litauens«. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich die Stadt nicht nur zu einem Mittelpunkt der jüdischen Orthodoxie, sondern auch zu einem Zentrum der jüdischen Aufklärung entwickelt. Diese, die Haskala, bescherte den Juden die säkulare Bildung und Kultur. Der Aufbau einer akademischen Einrichtung sollte dem Rechnung tragen. Deshalb gründeten der Jiddist Max Weinreich und weitere Mitstreiter 1925 das Yidishe Visnshaftlekhe Institut (Yivo), das es erstmals ermöglichte, die Geschichte und Kultur der Juden in Osteuropa wissenschaftlich zu dokumentieren und die Ergebnisse in der Muttersprache – auf Jiddisch Mameloschn – dieser Menschen zu publizieren.
Zwar gab es in Osteuropa schon immer Institutionen, die sich der Pflege dieses Idioms widmeten, jedoch waren dies in erster Linie die religiösen Schulen. Die Bewegung des Jiddischismus betonte den Wert des Jiddischen als Sprache der osteuropäischen Juden. Zu dieser Zeit sprachen von den weltweit 16 Millionen Juden rund zehn Millionen Jiddisch. Mit dem Aufbau des Yivo verfügte diese Bevölkerungsgruppe über eine Einrichtung, die traditionelle Bildung mit moderner Wissenschaft verband.Weinreich, der mit seinem Thesenpapier »Vilner Tesisn vegn Yidishn Visnshaflechn Institut« die Grundlage für die Arbeit der Einrichtung schuf, leitete sie über viele Jahre. Zwar wurde der Gründungsakt in Berlin vollzogen, es herrschte aber Einigkeit darüber, dass der Sitz des Hauses in Wilna sein würde. Jahre vergingen, bis die Bibliothek und das Archiv des Yivo aus Weinreichs Wohnung in einem eigenen Gebäude untergebracht werden konnten. Erst im Jahr 1935 bezog das Institut ein Haus in Wilna, in der Wiwulski-Straße 10.
Max Weinreich befand sich bei Kriegsbeginn auf einer Vortragsreise in Dänemark. Er kehrte nicht mehr nach Litauen zurück, sondern reiste direkt in die USA und machte sich sogleich daran, erste kleinere Bestände des Yivo dorthin zu überführen.
Bald besaß das Archiv Tausende von jiddischen Dokumenten, die Bibliothek zählte 10.000 Periodika und rund 40.000 Bücher und beherbergte die bedeutendste Sammlung von jiddischen Zeitungen, Plakaten, Urkunden und Publikationen. So konnte »den Juden die Gesamtheit ihres kulturellen Erbes im Rahmen einer auf den Prinzipien moderner Sozialwissenschaften aufbauenden akademisch-wissenschaftlichen Forschung nahegebracht und die geschichtlichen Tatsachen sowie die historische Wahrheit ans Licht gebracht« werden, urteilte die US-amerikanischen Literaturhistorikerin und Jiddistin Lucy S. Dawidowicz.
Doch mit der Annexion Litauens durch die Sowjetunion und die 1941 folgende deutsche Invasion wurde die Existenz des Jiddischen Instituts in Wilna brutal beendet. Weinreich befand sich bei Kriegsbeginn auf einer Vortragsreise in Dänemark. Er kehrte nicht mehr nach Litauen zurück, sondern reiste direkt in die USA und machte sich sogleich daran, erste kleinere Bestände des Yivo dorthin zu überführen. Schon im Oktober 1940 wurde der neue Hauptsitz des Yivo in New York City eingeweiht. Die Metropole am Hudson bot sich dafür an: Hier lebten etwa zwei Millionen Juden, die meisten kamen aus Osteuropa und sprachen Jiddisch.
Währenddessen beschlagnahmten die deutschen Besatzer alle jiddischen Schriften aus dem Wilnaer Yivo, derer sie habhaft werden konnten. »Das Yivo befindet sich in einem langsamen und stetigen Todeskampf, sein Massengrab sind die Papierfabriken«, notierte der jüdische Chronist Herman Kruk im Sommer 1942. »Unsere Bibliothek, die Dokumente, das Archiv, das meiste landet im Altpapier.« Schon kurz nach der Besetzung Litauens durch deutsche Truppen war ein Mitarbeiter des nationalsozialistischen »Instituts zur Erforschung der Judenfrage« von Alfred Rosenberg nach Wilna gereist, um die Bibliotheken im »litauischen Jerusalem« zu sichten und zu plündern. Die Sammlung des Instituts, der ersten wissenschaftlichen Einrichtung, die sich mit der jiddischen Sprache und Kultur beschäftigte, stand ganz oben auf der Liste des NS-Parteiideologen.
Die Bücher, Zeitschriften und sonstigen Archivalien, die nach Meinung des NS-Chefideologen Rosenberg zur »Erforschung der Judenfrage« dienen könnten, wurden in Frankfurt am Main zentral gesammelt. Nach einem »Führerbefehl« sollte der »Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg« die Publikationen »nach entsprechendem Material durchforsten«, um dieses für die »weltanschaulichen Aufgaben der NSDAP und die späteren wissenschaftlichen Forschungsarbeiten« heranziehen: Die jiddischen Bücher dienten somit auf perfide Weise als Quelle für die antisemitische NS-Propaganda.
Im Frühjahr 1942 traf Rosenbergs Bibliothekar, der Judaica-Spezialist Johannes Pohl, mit weiteren »Judenforschern« in Wilna ein. Er ordnete an, eine Gruppe von jüdischen Intellektuellen zusammenzustellen, deren Aufgabe es war, die Bestände systematisch zu sichten, zu sortieren und gegebenenfalls zu verpacken oder zu vernichten.
Unter den Mitgliedern dieser als »Papierbrigade« bekannt gewordenen Gruppe befanden sich auch der Leiter der Wilnaer Ghetto-Bibliothek, Herman Kruk, und seine Mitarbeiterin Dina Abramowicz, der ehemalige Direktor des Yivo, Zelig Kalmanowicz, sowie der jiddische Literat Abraham Sutzkever. Schnell wurde den Zwangsverpflichteten klar, dass die Deutschen den Großteil der Bibliothek als Altpapier deklarieren würden und die Bücher für den Reißwolf bestimmt waren. Nur die als wertvoll eingestuften Werke sollten nach Deutschland gebracht werden. Unter Einsatz ihres Lebens gelang es der »Papierbrigade«, Tausende von Dokumenten und Schriften ins Ghetto zu schmuggeln, um sie dort zu verstecken. Dennoch fiel später ein Großteil der kostbaren und seltenen Bände den Nationalsozialisten in die Hände.
Nur Bruchteile des Bücherbestands und eine Handvoll von Menschen konnten gerettet werden
Die ersten Bücher verließen Wilna am 25. Oktober 1942, weitere 50 Kisten wurden am 17. November 1942 auf den Weg nach Frankfurt am Main ins »Institut zur Erforschung der Judenfrage« gebracht. Am 13. Februar 1943 folgte erneut eine große Lieferung mit insgesamt 9.403 Bänden. Bis zur endgültigen Liquidation des Ghettos Wilna im September 1943 versuchte die »Papierbrigade« verzweifelt, sich dem Raub und der Vernichtung ihrer Kulturgüter entgegenzustellen – doch nur Bruchteile des Bücherbestands und eine Handvoll von Menschen konnten gerettet werden.
Viele Yivo-Mitarbeiter, darunter auch Herman Kruk und Zelig Kalmanowicz, starben im Wilnaer Ghetto oder wurden in die Vernichtungslager verschleppt und dort umgebracht. Dina Abramowicz und Abraham Sutzkever gehörten zu den wenigen Yivo-Mitgliedern, die sich retten konnten: Sie schlossen sich den jüdischen Partisanen an.
Heutzutage umfasst die »Vilna Collection« wieder rund 50.000 Publikationen. Insgesamt besitzt das Yivo rund 400.000 Zeitschriften und Bücher sowie mehr als 24 Millionen Dokumente, Fotos, Poster, Filme und andere Archivalien.
Nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus kehrten Sutzkever und andere jüdische Kämpfer nach Wilna zurück und machten sich auf die Suche nach den Resten der Bibliothek. Lediglich ein kleiner Teil konnte geborgen werden. Auf geheimen Wegen schmuggelte man diese Bücher und Dokumente in den Westen und übergab sie schließlich dem Yivo in New York.
Gleichzeitig gelang es der US-Militärregierung in Deutschland, die für das »Institut zur Erforschung der Judenfrage« zusammengeraubten Publikationen sicherzustellen, um sie 1947 an das New Yorker Institut zu übergeben, das damit eine neue »Vilna Collection« aufbaute. Betreut wurde die Sammlung ab 1947 jahrzehntelang von Dina Abramowicz, die sich auch noch nach ihrer Pensionierung 1987 bis zu ihrem Tod im Jahre 2000 als ehrenamtliche Kraft um ihre Bücher kümmerte.
Heutzutage umfasst die »Vilna Collection« wieder rund 50.000 Publikationen. Insgesamt besitzt das Yivo rund 400.000 Zeitschriften und Bücher sowie mehr als 24 Millionen Dokumente, Fotos, Poster, Filme und andere Archivalien. Damit verfügt die wissenschaftliche Einrichtung weltweit über die größte Sammlung an jiddischen Schriften und Materialien zur Geschichte und Kultur der osteuropäischen Juden.