Weltgeltung demonstrieren
Peking. Die internationale Aufmerksamkeit war groß, als am 3. September Panzer durch Peking rollten. Mit einer Militärparade feierte die chinesische Staats- und Parteiführung unter Präsident Xi Jinping den Sieg über Japan im Zweiten Weltkrieg.
Lange hatte die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) den Kampf gegen die nationalistische Kuomintang (KMT) in den Mittelpunkt ihrer historischen Erzählung gestellt. Nach dem Sieg über die Besatzungsmacht Japan war das zeitweilige Bündnis beider Kräfte zerfallen und der Bürgerkrieg aufs Neue entbrannt, der 1949 mit Sieg der KPCh endete. Seit einigen Jahren ist da ein Wandel zu beobachten: Die Geschichtspropaganda der Partei bezieht sich seither intensiv auf den »Widerstandskrieg gegen Japan und den weltweiten antifaschistischen Krieg«.
Das große Kontingent chinesischer Blauhelmsoldaten, die an der Parade teilnahmen, sollte Chinas Rolle als »verantwortliche Großmacht« unterstreichen.
Der Krieg zwischen der Republik China unter der Regierung von Chiang Kai-shek von der KMT und dem Kaiserreich Japan hatte mit der Besetzung der nordöstliche Mandschurei durch die japanische Armee im Jahr 1931 begonnen. Ab 1937 kam es zu einem umfassenden Krieg zwischen beiden Staaten, den Japan mit dem Ziel der Besetzung weiter Teile Chinas führte. Dabei begingen die japanischen Truppen umfassende Verbrechen an der chinesischen Bevölkerung. Die Verluste unter der Zivilbevölkerung werden auf elf bis siebzehn Millionen Menschen geschätzt.
Nach dem japanischen Überfall auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor im Dezember 1941 erkannten die UdSSR, die USA und Großbritannien die Republik China offiziell als alliierte Macht an und unterstützten sie militärisch. Ziel vor allem der USA war es, dass möglichst viele japanische Soldaten in China gebunden blieben. Auf Druck der Sowjetunion und der USA kooperierten KMT und KPCh – beide hatten sich seit Ende der 1920er Jahre in einem Bürgerkrieg miteinander befunden – vorübergehend gegen die japanischen Eindringlinge. Der nach 1945 fortgesetzte Bürgerkrieg endete auf dem chinesischen Festland mit dem Sieg der Kommunisten und der Gründung der Volksrepublik China.
Die jüngste Militärparade zum 80. Jahrestag des Siegs über Japan war der Höhepunkt einer Reihe von Veranstaltungen, mit denen die chinesische Führung sowohl die Rolle Chinas im Zweiten Weltkrieg unterstrich als auch ihren Anspruch, die Gestaltung internationaler Beziehungen heute maßgeblich mitzubestimmen.
Landesweit wurde an den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen der Japaner erinnert
In den Tagen vor der Pekinger Parade wurden die ohnehin schon hohen Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt noch einmal deutlich verschärft, Reisende noch intensiver als sonst kontrolliert und Straßenzüge gesperrt. Die Armee übte nachts auf der Paradestrecke, und da nur etwa 50.000 ausgewählte Gäste als Zuschauer zu dem Spektakel am 3. September zugelassen waren, trafen sich in den Tagen zuvor an den abgesperrten Zufahrtsstraßen auch weit nach Mitternacht Tausende Bewohner:innen Pekings, die hofften, einen Blick auf das vorgeführte Militärgerät erhaschen zu können. Landesweit wurde an den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen der Japaner erinnert – in den Bildungseinrichtungen, mit Spielfilmen wie dem im Juli erschienenen Kinohit »Dead to Rights« oder der Einrichtung neuer Gedenkstätten.
Zudem begann am 31. August in der Hafenstadt Tianjin das eintägige 25. Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit statt. Diese hatten China, Russland, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan 2001 gegründet; heutzutage beansprucht sie, die weltweit größte und bevölkerungsreiche Regionalorganisation zu sein, und versteht sich als Gegengewicht zur Nato und ihren Verbündeten.
Dass China als Sprecher des Globalen Südens auftritt, fällt offenbar nicht unter Hegemonismus.
Xi propagierte das Treffen als Ausdruck einer Veränderung der globalen Machtbeziehungen, in der sich der sogenannte Globale Süden von der Dominanz der USA und Westeuropas emanzipiere. In seiner Eröffnungsrede betonte er: »Wir müssen weiterhin klar Stellung gegen Hegemonismus und Machtpolitik beziehen und echten Multilateralismus praktizieren.« Dass China als Sprecher des Globalen Südens auftritt, fällt offenbar nicht unter Hegemonismus.
Die unmittelbar auf das Gipfeltreffen folgende Parade sollte Chinas Führungsanspruch innerhalb einer »multipolaren Weltordnung« auch militärisch unterstreichen, wobei die Staatschefs Russlands und Nordkoreas, Wladimir Putin und Kim Jong-un, als Ehrengäste geladen waren. In westlichen Ländern wurde dies als Symbol der Einheit einer »Internationale der Autokraten« interpretiert.
Das dürfte aber zu kurz greifen: Zunächst stellt diese Einladung eine Reminiszenz an den gemeinsamen Kampf Chinas, der Sowjetunion und der koreanischen Widerstandsbewegung gegen die Japaner dar. Zudem demonstrierte Xi mit dieser Parade – die die traditionellen Paraden zum Kriegsende in Europa am 9. Mai in Moskau imitierte und gleichzeitig in den Schatten stellte –, dass sich China heute als eine in Vergangenheit und Gegenwart der UdSSR beziehungsweise Russland mindestens ebenbürtige Großmacht versteht.
Zurschaustellung von modernen Waffensystemen
Abgesehen von einem großen Kontingent chinesischer Blauhelmsoldaten, die an der Parade teilnahmen und Chinas Rolle als »verantwortliche Großmacht« unterstreichen sollten, war der Aufmarsch von einer Zurschaustellung von modernen Waffensystemen geprägt, die es ermöglichen, in einen Konflikt im und über dem Pazifik einzutreten, und der Abschreckung anderer Nuklearmächte dienen. Drohnen für den Luft- und Seekrieg sowie Drohnenabwehrsysteme wurden vorgeführt. Amphibische Einheiten, die für Landeoperationen an Stränden notwendig sind, dürften vor allem eine an Taiwan gerichtete Geste der Einschüchterung dargestellt haben.
In der Luft nahmen an der Parade modernste Kampfjets teil, begleitet von Tankflugzeugen, die deren Einsatzradius deutlich erhöhen. Den waffentechnischen Höhepunkt der Parade bildeten Trägerraketen für Nuklearwaffen, die von Land, von U-Booten und von Flugzeugen aus gestartet werden können. Damit sollte Chinas Möglichkeit demonstriert werden, auf einen nuklearen Angriff mit einem ebensolchen zu reagieren, um sich als eine den USA und Russland ebenbürtige Macht zu präsentieren, auch wenn diese über weit mehr Atomwaffen verfügen.
Dass neben Putin und Kim 24 Staats- und Regierungschefs und zudem weitere hochrangige Politiker und Militärs aus Asien, Afrika, Südamerika und Osteuropa der Einladung Chinas gefolgt waren, sich die Parade anzuschauen, zeigt, das Chinas Vorhaben, als Großmacht eine veränderte Weltordnung zu repräsentieren, in nicht wenigen Ländern durchaus mit Interesse betrachtet wird.