Russische Drohnen über Europa
Was Drohnenkrieg bedeutet, erleben Menschen in der Ukraine tagtäglich. In den östlichen Nato-Ländern gab es bislang nur Vorboten des womöglich Kommenden. In der Nacht auf den 10. September meldete das operative Führungskommando der polnischen Streitkräfte das Eindringen von insgesamt 19 Drohnen in den polnischen Luftraum. Einige wenige wurden abgeschossen, die restlichen stürzten ab, nachdem ihnen der Treibstoff ausgegangen war. Das Ministerium für Inneres und Verwaltung verkündete, 16 Drohnen seien gefunden worden, nach den restlichen werde gesucht.
Polens Ministerpräsident Donald Tusk berichtete im Parlament, die meisten Drohnen seien aus Belarus in polnisches Territorium eingedrungen. Als »Provokation großen Ausmaßes« bezeichnete er den Vorfall und betonte, erstmals seien russische Drohnen über dem Gebiet eines Nato-Mitgliedstaats abgeschossen worden. Die polnische Regierung beantragte Konsultationen gemäß Artikel 4 des Nato-Vertrags. In diesem verpflichten sich die derzeit 32 Bündnismitglieder zur gegenseitigen Konsultation, sollte sich eines von ihnen einer Gefahr ausgesetzt sehen. Zusätzlich veranlasste das Verteidigungsbündnis bewaffnete Patrouillenflüge über Polen.
Auch Estland hat um eine Konsultation mit anderen Nato-Mitgliedern gebeten, nachdem russische Kampfflugzeuge am Freitag voriger Woche seinen Luftraum verletzt hatten. Drei russische MiG-31-Kampfflugzeuge drangen »ohne Erlaubnis« in den estnischen Luftraum ein und hielt sich dort insgesamt zwölf Minuten lang über dem Finnischen Meerbusen auf, hatte die Regierung mitgeteilt. Italien, Finnland und Schweden schickten im Rahmen der Nato-Mission zur Stärkung der Ostflanke Kampfflugzeuge in die Luft.
Russlands Botschafter in Bukarest, Wladimir Lipajew, sprach von einer »absichtlichen Provokation des Kiewer Regimes«.
In Russland verwies Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow wie so häufig auf das Verteidigungsministerium, das seinerseits bekanntgab, nicht die Absicht zu verfolgen, Ziele auf polnischem Gebiet anzugreifen – zumal die Reichweite russischer Drohnen 700 Kilometer nicht überschreite. Überzeugend klingt das schon allein deshalb nicht, weil der belarussische Machthaber Aleksandr Lukaschenko seinem Bündnispartner Russland in der Regel kaum etwas abschlagen kann; auch hatte Russland Belarus bereits zuvor für seine Kriegführung in der Ukraine benutzt. Aus dem belarussischen Generalstab hieß es, Drohnen seien während eines Schlagabtauschs zwischen Russland und der Ukraine von ihrer Flugbahn abgekommen und über belarussischem Gebiet abgeschossen worden.
Während Belarus betonte, dass der Informationsaustausch mit Polen in kritischen Fällen funktioniere, behauptete der Kreml, das russische Verteidigungsministerium habe auf ein entsprechendes Angebot keine Rückmeldung erhalten. Die russische Tageszeitung Kommersant, sonst oft um einen neutralen Tonfall bemüht, umschrieb die Situation mit den Worten: »Echte oder vermeintliche Drohnen haben die Nato-Staaten ernsthaft beunruhigt.« Aus der russischen Botschaft in Warschau hieß es, die Drohnen seien gar nicht aus Belarus, sondern aus der Ukraine gekommen.
Russlands Botschafter in Bukarest, Wladimir Lipajew, sprach von einer »absichtlichen Provokation des Kiewer Regimes«. Nachdem am 13. September eine russische Drohne 50 Minuten lang im rumänischen Luftraum nahe der ukrainischen Grenze unterwegs gewesen war, bestellte das rumänische Außenministerium Russlands Vertreter am Folgetag zum Gespräch ein.
»Weiteres Ufo am Himmel« entdeckt
Ergiebig dürfte das Treffen nicht ausgefallen sein. Lipajew spielte die Ereignisse anschließend herunter. Rumänien habe »ein weiteres Ufo am Himmel« entdeckt und vorschnell den Schluss gezogen, es handle sich um einen russischen Flugapparat. Die Schuldfrage sei immer schon geklärt, bevor eine richtige Untersuchung der Vorkommnisse eingeleitet wird, echauffierte sich die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Sacharowa.
Es kommt durchaus vor, dass später bekanntwerdende Details zu einer Neubeurteilung führen. So auch in Bezug auf ein demoliertes Haus im ostpolnischen Dorf Wyryki, gerade mal 15 Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt. Zunächst ging man davon aus, das Haus sei durch eine der russischen Drohnen beschädigt worden.
Einige Tage später berichtete die polnische Tageszeitung Rzeczpospolita mit Verweis auf anonyme Quellen in den Streitkräften, ein polnisches F-16-Kampfflugzeug habe eine Rakete mit defektem Steuerungssystem abgeschossen, die auf das Dach gefallen, dabei jedoch nicht explodiert sei. Die Verantwortung liege dennoch bei Russland, da es ohne das Auftauchen russischer Drohnen gar keinen Raketeneinsatz gegeben hätte.
Russisch-belarussisches Armeemanöver »Sapad 2025«
Nur wenige Tage später wurde eine Drohne russischer Bauart direkt über dem Warschauer Regierungsviertel gesichtet und unschädlich gemacht. Im Zusammenhang damit wurden zwei belarussischen Staatsangehörige festgenommen, die sich in Polen aufhielten.
Für zusätzliche Anspannung sorgte das vom 12. bis 16. September an der Westgrenze von Belarus abgehaltene russisch-belarussische Armeemanöver »Sapad 2025«. Aus diesem Anlass ließ die polnische Regierung die Grenze zu Belarus komplett schließen. Ein großes Arsenal an Militärtechnik kam auf einem Truppenübungsplatz unweit von Minsk zum Einsatz.
Westliche Beobachter waren nur zur Beobachtung der Schießübungen mit konventionellen Waffen zugelassen; das Training zur Handhabung taktischer Atomwaffen wurde im Geheimen abgehalten. Am letzten Tag erschien Russlands Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich an Ort und Stelle in Armeeuniform. Das Sapad-Manöver im Herbst 2021 hatte sich als versteckte Mobilmachung der russischen Streitkräfte für den Einfall in die Ukraine erwiesen.