25.09.2025
Über die vielen Nuancen der englischen Sprache

Knappe Form, reicher Ausdruck

Sprachkolumne. Wie das Englische die Muttersprache bereichern kann – und wie eher nicht.

»Ungeniert rüpelhaft, doch zutiefst zivilisiert, dazu so alltäglich wie königlich, so ordinär wie feierlich, so nüchtern wie weihevoll.« Treffend charakterisiert der Komiker Stephen Fry hier das Englische, doch müh­selig ließ sich sein Ausspruch ins Deutsche übertragen. Immenser Bedeutungsverlust ist beispielsweise bei der Adaption des Gegensatzpaars »common yet royal« unvermeidlich, denn dafür fehlen dem Deutschen schlicht die Wörter.

Das hat Gründe, die weit zurückreichen. Das heutige Englisch entstand in den Jahrhunderten nach der normannischen Eroberung aus dem Nordfranzösischen der Sieger und dem Angelsächsischen der Besiegten, das wiederum skandinavisches ­Vokabular und Kirchenlatein (sowie manchen keltischen Rest) absorbiert hatte.

Das Englische besitzt den wohl größten Wortschatz aller Sprachen, dazu grammatikalische Geschmeidigkeit.

Das Französische verdrängte die vorherige Mischsprache nicht, sondern lagerte sich in ihr ab, weil der Warentausch die feudale Klassenordnung der Naturalabgaben früh zersetzte und die gesellschaftlichen Klassen auf dem Markt zusammentrafen, statt sich voneinander zu separieren. (Bezeichnenderweise hat das angelsächsische fee, Geldgebühr, seine Ursprungsbedeutung »Vieh«, das Bauern den Feudalherren abzutreten hatten, vor mehr als einem Jahrtausend abgestreift.)

Im Resultat besitzt das Englische den wohl größten Wortschatz aller Sprachen, dazu grammatikalische Geschmeidigkeit: Die schlichte Konjugation mit Hilfsverben ist angelsächsischen Ursprungs, französisch der Wegfall der Flexionen bei der Deklination, während die grammatischen Geschlechter der Ursprungssprachen in einem überaus praktischen Einheitsgeschlecht aufgingen – Knappheit der Form und Reichtum des Ausdrucks.

Das Deutsche verarmte hingegen im Zuge der späten Nationsbildung, die Bestrebungen des Sprachreformers Joachim Heinrich Campe, die romanischen »Fremdwörter« auszutreiben und durch Neubildungen zu ersetzen, waren leider recht erfolgreich.

Halb vergessene Wendungen und Wörter

Und so erahnt man zwar beim aufmerksamen Lesen die vielen Nuancen des Englischen, kann sie aber nur schwer griffig wiedergeben. Eine gute Übersetzung muss deshalb den deutschen Wortschatz bis zur Neige ausschöpfen, auf halb vergessene Wendungen und Wörter zurückgreifen, um der Vorlage so gerecht wie möglich zu werden.

Davon kann man sich schon bei jedem gelungen ins Deutsche übertragenen literarischen Krimi überzeugen. Die sinnlose ­Adaption englischer Begriffe aber, wie bun für Brötchen oder cringe für peinlich, zielt aufs Gegenteil: Sie kaschiert die deutsche Armut, statt sich ihr zu entwinden.