Food Fortune
Wer dachte, dass man im Himmel gut aufgehoben wäre, wird in Aziz Ansaris Komödie »Good Fortune« eines Besseren belehrt. In dieser verrichtet der Schutzengel Gabriel (Keanu Reeves), der in der Hierarchie seiner Zunft auf der niedrigsten Stufe steht, einfachste Arbeiten. Seine täglichen Aufgaben: Leuten im Auto das Handy entwenden, damit der bevorstehende tödliche Unfall nicht stattfindet, Gegenstände aus dem Weg räumen, damit keiner stolpert.
Wenn das mit dem Handy auch recht neu ist, das Einerlei langweilt ihn nun doch schon viele Jahre. Keanu Reeves, bekannt aus diversen Actionfilmreihen wie »Matrix« und »John Wick«, spielt hier im Gegensatz zu seinen üblichen Rollen seine schüchterne Seite aus. Die Charakteristika seiner Haudrauf-Figuren, mit denen er bekannt wurde, würden ihm als Hilfsschutzengel nichts nutzen.
Auch die mit Engelszungen vorgetragenen Zurechtweisungen seiner Vorgesetzten Martha (Sandra Oh) gehen Gabriel auf die Nerven. Aufstiegshoffnungen macht sie mit Verweis auf die himmlischen Gesetzmäßigkeiten regelmäßig zunichte. Und schon von Weitem ist der Unterschied zwischen beiden klar: Martha hat viel größere Flügel als Gabriel. Man fragt sich nur, wie er den schmuddeligen Trenchcoat, aus dem die Dinger herausragen, überhaupt an- und ausgezogen bekommt. Vermutlich ist der Mantel angewachsen.
Hierarchien sind wie im Himmel, so auf Erden feste Größen, und selbst wenn man die Rollen tauscht und die Armen reich sein lässt, kommt nurmehr Bekanntes dabei raus.
Einer von Gabriels Schützlingen ist der Pechvogel Arj (gespielt vom Regisseur und Drehbuchautor Aziz Ansari), der als indischer Einwanderer und Gelegenheitsarbeiter in den USA ständig misslichen Situationen ausgeliefert ist, egal was er anstellt. Erschöpft schläft er nachts im Auto auf Supermarktparkplätzen; meist nicht lange, dann wird er vom Sicherheitspersonal verscheucht. Aber eines Tages liefert er eine Mahlzeit bei dem Start-up-Investor Jeff (Seth Rogen) ab, dem Mann, dem der Essenslieferdienst gehört, der Leute wie Arj ausbeutet – und erquatscht sich dort eine Stelle. Jeff ist den Tag über damit beschäftigt, seinen immensen Reichtum auszukosten. Good fortune? Food fortune!
Die Gig-Ökonomie ist berüchtigt für die digital gestützte Ausbeutung ihrer oft migrantischen Mitarbeiter – ohne soziale Absicherung, feste Arbeitszeiten oder Verträge. Die bekannten Begleitumstände in der Lieferdienstbranche: Kunden, die nicht zahlen wollen, zu knapp bemessene Zeit für die Aufträge, an den Kopf geschmissenes Essen, totale Erschöpfung und womöglich noch draufzahlen – als Lieferfahrer ist man ja selbständiger Unternehmer. Kapitalismus at it’s worst.
Jeffs größte Sorge ist die kaputte Heizung seines Pools, denn die Feierlichkeiten zu seinem 40. Geburtstag stehen an. Für eine Tanzeinlage, die er den Gästen präsentieren will, lässt er sich von einem berühmten Coach trainieren. Arj schafft es, zu einem von Jeffs Assistenten zu werden. Er organisiert, macht und tut – »Um 14 Uhr kommt der Installateur für den Pool!« –, bis er unerlaubterweise die Firmenkreditkarte für ein Date mit Baumarkt-Verkäuferin Elena (Keke Palmer) einsetzt. Das geht nun echt nicht. Es folgen die Kündigung und wieder das Leben auf der Straße.
Marx-/Erzengels-Figur
Wenn er nur reich wäre, denkt sich Arj nun, dann würden sich eine Menge Probleme in Luft auflösen. Dem werde ich helfen, sagt sich der alles beobachtende renitente Gabriel und kann die Flügel nicht ruhig halten. Er will Arj auf den himmlisch leuchtenden Pfad des Antikapitalismus führen: Geld allein macht schließlich nicht glücklich. Seine Kompetenzen weit überschreitend vertauscht er – Marx-/Erzengels-Figur, die er ist – oben mit unten: das Leben Arjs mit dem Jeffs. Ersterer ist nun der Selfmade-Millionär, Jeff hingegen schläft im Auto und hat sich fortan bei dem Lieferdienst zu beweisen, von dem er nicht mehr weiß, dass er eigentlich ihm gehört. Ein Tausch, der unabsehbare Folgen und turbulente Szenen mit sich bringt.
Die im Himmel noch beim Donnern helfen müssen – unweigerlich fällt einem bei diesem rasanten, kleinen und schicken Film Georg Büchners »Woyzeck« ein. Hierarchien sind wie im Himmel, so auf Erden feste Größen, und selbst wenn man die Rollen vertauscht und die Armen reich sein lässt, kommt nurmehr Bekanntes dabei raus: Es ändert sich nichts. Wer oben ist, kann sich an sein früheres Dasein nur insofern erinnern, als er in dieses nie mehr zurückkehren will. Bewusstseinserweiterung: Fehlanzeige. Und wer durchs Raster gefallen ist, will so schnell wie möglich wieder aufsteigen. Selbst wenn man reich würde, indem man sich selbst aufs Äußerste ausbeutete – am göttlichen Gesetz der Hierarchie änderte sich nichts.
Der erfolgreiche Autor und Regisseur Ansari, der als filmisches Wunderkind vor Jahren auf dem Weg nach immer weiter oben als »Me too«-Fall kurzzeitig angeschlagen war und gerade Kritik auf sich gezogen hat, weil er auf Einladung der saudischen Monarchie am Riyadh Comedy Festival teilnahm, gibt in »Good Fortune« sein Regiedebüt. Die Persiflage illustriert mit zahlreichen Situationen des prekären Arbeitslebens. Schlafen und Leben im Auto, weil man keine eigene Wohnung hat oder sie so weit von der Arbeit entfernt ist, dass sich die Fahrt dorthin nicht lohnt, ist für viele US-Amerikaner Alltag – und mittlerweile auch für so manche Migranten in europäischen Großstädten. Besonders bedrückend wirkt das im Film, der größtenteils im Stadtteil Bel Air von Los Angeles spielt, wenn sich nicht mal eine Möglichkeit findet, das Auto zum Übernachten umsonst zu parken.
Geld macht nicht glücklich? Doch, macht es!
Für Leute, die arbeiten, gibt es ebenso wenig Platz zum Ausruhen wie für die Betriebsversammlung, die Elena als Gewerkschaftsvertreterin in ihrem Betrieb organisiert. Und als es ihr tatsächlich gelungen ist, einen Ort zu finden, an dem die Belegschaft über prekäre Arbeitsbedingungen reden kann, stapft Gabriel herein und hält Vorträge, dass mehr Bezahlung nicht für dauerhaften Frohsinn sorgt. Das ist vielleicht nicht die glücklichste Einlassung für Angestellte, die sich gerade anschicken, Tarifverhandlungen zu führen. Geld macht nicht glücklich? Doch, macht es!
Aber im Topos des Engels schwingt ja auch immer die Möglichkeit mit, dass Engel fallen können. Martha hat Gabriel – wahrscheinlich in göttlichem Auftrag – längst die kleinen Flügel abgenommen. Wer seine Befugnisse so überschreitet, darf sich gern selbst als Mensch beweisen. Neben allerhand Beklopptheiten, die sich der aus dem Himmelspersonal Ausgemusterte nun in sterblicher Hülle leistet, gibt das auch allerlei neue Erfahrungen her: Noch nie hat Gabriel etwas gegessen oder getrunken. Kaum dass ihn Jeff in die Feinheiten der Fast-Food-Küche eingeweiht hat, ist es auch schon um ihn geschehen. Innerhalb kürzester Zeit ist Gabriel süchtig nach Hamburgern, Partys, Nikotin und Alkohol. Frei nach der Devise: Glück suchen wir, Unglück findet uns. Muss man erwähnen, dass Gabriel richtig Spaß am Menschenleben hat?
Nichts ist unendlich: Durchgehend unglücklich sind die Unglücklichen nicht und die Glücklichen nicht immer glücklich, schallt es aus diesem Film. »Good Fortune«, ein Glück im Unglück.
Good Fortune (USA 2025). Buch und Regie: Aziz Ansari. Darsteller: Aziz Ansari, Keanu Reeves, Seth Rogen, Keke Palmer