16.10.2025
Der Roman »Der Teufel« von Andreas Maier folgt einem Linksalternativen in der BRD

Farbiges Fernsehen, schwarzweißes Denken

Im zehnten Teil seines autobiographisch angehauchten Romanzyklus »Ortsumgehung« schildert Andreas Maier die achtziger und neunziger Jahre aus der Sicht eines Linksalternativen. Der heimliche Protagonist des Buchs ist allerdings das Fernsehen.

Einst war der Fernseher ein wundersames Gerät, das einem nicht nur das Ferne ganz nah brachte, sondern selbst aus der Ferne zu stammen schien. Eine der »Notizen« aus Silvia Bovenschens biographisch inspiriertem und literarisch geformtem Buch »Älter werden« illustriert das: Das vierjährige Kind Silvia sieht in einer Zeitschrift ein Bild, einen Kasten mit einer Glasscheibe, und auf der Glasscheibe das Bild eines springenden Pferds. Auf die Frage, was das sei, antwortet die Mutter, es handle sich um ein Gerät ähnlich dem Radio, aber zusätzlich mit bewegten Bildern. Das allerdings »gibt es nur in Amerika, vielleicht wird es einmal in ferner Zukunft auch in unser Wohnzimmer kommen«.

Diese Szene spielt um 1950, als die Reform des bundesdeutschen Rundfunks unter der Ägide der westlichen Siegermächte in vollem Gange war. Die Nationalsozialisten hatten mit dem Radio die Stimme Hitlers in die Wohnzimmer der Volksgenossen ­gebracht und eine effektive Propagandamaschine installiert, die für den Begriff der Kulturindustrie in der »Dialektik der Aufklärung« ebenso prägend war wie die US-amerikanische Filmindustrie.

Tatsächlich hatte es auch Versuche der Nazis gegeben, das Fernsehen stärker zu nutzen, allerdings erwies es sich für ihre Zwecke aus technischen wie ideologischen Gründen als unbrauchbar: Nicht nur war die Zahl der Empfangsgeräte äußerst gering, die Ansprache durch die Stimme im Radio und die Monumentalität der Kinoleinwand entsprachen der faschistischen Ästhetik von Direktheit und immersiver Überwältigung weitaus besser als ein kleiner Bildschirm mit noch kleineren Bildern. Noch 1953 schrieb Adorno: »Einstweilen dürfte das Miniaturformat der Menschen auf der Fernsehfläche die gewohnte Identifikation und Heroisierung behindern. Die da mit Menschenstimmen reden, sind Zwerge.«

Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren, im selben Jahr, in dem in der Bundesrepublik das Farbfernsehen eingeführt wurde.

Heutzutage ist kaum noch bekannt, dass es gegen die Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks erhebliche Widerstände gab (die Rede war vom »Besatzungsdiktat«) und die Verbreitung des Fernsehens von einer kulturkritischen, antiamerikanischen Skepsis begleitet wurde (»Vereinzelung« des Konsums, »Oberflächlichkeit« der Produktion und »Vermassung« der Kultur). Dennoch wurde das Fernsehen zum Erfolg. Ende 1952 nahm der NWDR (der später in den WDR und den NDR geteilt wurde) den täglichen Sendebetrieb auf, rasend schnell verbreitete sich das neue Medium – auch bei Familie Bovenschen gab es ein Gerät, das für die Autorin von »Älter werden« zeitlebens mit der kindlichen Faszi­nation über das Wunder der bewegten Bilder verbunden blieb.

Als Roman über das »untergegangene Leitmedium Fernsehen« bewirbt der Suhrkamp-Verlag den zehnten Band von Andreas Maiers Zyklus »Ortsumgehung«, der den knappen Titel »Der Teufel« trägt. Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren, im selben Jahr, in dem in der Bundesrepublik das Farbfernsehen eingeführt wurde.

Dass Friedberg – der Ort, in dem Maier aufgewachsen ist –, die Wetterau oder Frankfurt am Main, wo er studierte, in seinen Romanen eine große Rolle spielen, mithin dass Maier zunächst in seinen Kolumnen in der Zeitschrift Volltext ab 2005 und dann in den Bänden der »Ortsumgehung« ab 2010 häufig »ich« sagt, dass der zentrale Protagonist auf den Namen Andreas hört und es für einzelne ­Figuren lebendige Vorbilder mit Haut und Haaren gibt, ja das zuweilen im Roman auf das Schreiben des ­Romans verwiesen wird, all das hat Maier das derzeit populäre Label »Autofiktion« eingebracht. Vorher tat man sich schwer mit der Gattungsbezeichnung (»Heimatsaga«, »Heimatroman«, »autobiographisches Großprojekt«), spürte aber gern und immer wieder dem Biographischen im Fiktionalen nach, allerdings – wenn man der Siegried-Unseld-Vorlesung des Autors 2018 glauben mag – immer an den falschen ­Stellen.

Das derzeit populäre Label »Autofiktion«

Wohl sind Fragmente individueller Geschichte das Material der von Maier erfundenen Welten, die von einer Beobachtungsgabe leben, für die unerheblich ist, ob dieses oder jenes nun autobiographisch ist. Man könnte ohne die übliche Autofiktionsschablone auch sagen: Die »Orts­umgehung« handelt in kreisenden Bewegungen, die häufig in der Kindheit beginnen, von einem Ich und den Menschen und Orten um es herum, von der Möglichkeit, diese zu kennen, aber auch von dem, was ausgespart bleibt, was umgangen wird. In den besten Momenten entsteht dabei eine erhellende Zusammenkunft von Besonderem und – kultur- und mentalitätsgeschichtlich lesbarem – Allgemeinem in einer durch die Wiederkehr von Orten und Figuren immer dichter gewobenen ­Welt.

In »Der Teufel« eröffnet der Fernseher eine in Teilen durchaus lakonische Beschäftigung mit dem politischen Bewusstsein der achtziger Jahre, jener Zeit, in der Autor und Pro­tagonist ihre Adoleszenz verbrachten. »Der Teufel und der liebe Gott sehen zu, wie die Familie ins neue Haus zieht.« – So lautet der erste Satz des Buchs. Und in diesem neuen Haus gehört der Fernseher, der bei Bovenschen noch Wunderwerk und Zukunftsmusik war, bereits zum Standardinventar.

Von früh auf wächst das Kind mit dem Gerät und seinen Bildern auf: »Indianer, Kinder, Zeichentrickfiguren, Menschen, Kulisse, Detektive, Boote, Raumschiffe, Cowboys, Dreizimmerwohnungen, Häuser, Buden, Pistolen, sprechende Tiere, rauchende Jugendliche in Jeansjacken, Frauen mit blanken Busen im Bett. Sich beschwerende Nachbarn. Jemand muß zum Militär. Jungs pinkeln an die Wand. Eine Hexe sitzt auf einem Besen. Tschechoslowakische Produk­tionen ungarische, deutsche, englische, niederländische, amerikanische, aber alle sprechen Deutsch.«

Eine Weltsicht des Entweder-oder

Manches läuft durch in einer eigentümlichen Zeitlosigkeit, anderes hat einen unhintergehbaren, got­tesdienstgleichen Termin. Zur organisierten Moderne, die der Zugfahrplan ebenso symbolisiert wie das lineare Fernsehprogramm, gehört es, eine Sendung – beispielsweise eine Folge der »Augsburger Puppenkiste« –verpassen zu können. »Der Schmerz war für das Kind so groß wie später für den Jugendlichen, wenn man durch eine verpaßte Verabredung ein Mädchen verlor.«

Vor allem aber ist der Fernseher, auch wenn er farbige Bilder zeigt, in »Der Teufel« der Vermittler eines Schwarzweißdenkens, einer Weltsicht des Entweder-oder, die der Roman als charakteristisch für die achtziger und neunziger Jahre ausgibt. Suggestiv verknüpft Maier dabei die kleinen, scheinbar harmlosen Dichotomien mit den großen, dramatisch aufgeladenen politischen Oppositionen: Fleischmann versus Märklin, Popper versus Hardrocker, links versus rechts, Union versus SPD, Mann versus Frau, Ost versus West.

In der Figur des Protagonisten Andreas gehen diese Dualismen gleichsam ineinander über, aus der zuweilen etwas bemüht naiven Per­spektive eines Kindes in das erwachende politische Bewusstsein eines Jugendlichen. Dieser Jugendliche gehört zur Friedensbewegung, organisiert Menschenketten und Kasernenblockaden, trägt wie alle um ihn herum einen »sogenannten Arafatschal«, liest wie alle um ihn herum Svende Merians »Der Tod des Mär­chen­prinzen« und hat den ersten Sex unter der Maßgabe der »Zartheit, Bedächtigkeit und Aufmerksamkeit«. Der Fernseher bleibt derweil das Medium einer »Weltgeschichte«, mit der die Provinzfamilie konfrontiert wird und deren (fehlende) Reaktionen der Erzählung Konturen verleihen.

Lakonik und Ironie

Die Figur, die sich an all das erinnert, dürfte dem Autor sehr ähnlich sein, mag sie auch nicht mit ihm ­zusammenfallen. Tatsächlich ist aber die Art und Weise, wie da etwas nicht zusammenfällt, das, was den Roman aufschlussreich und symptomatisch macht. Die erzählende Stimme stiftet durch Lakonik und Ironie eine Distanz zwischen sich und diesem friedensbewegten Jugendlichen, umkreist dessen blinde Flecken, belächelt die Schlichtheit der dama­ligen Denkmuster. Aus der zeitlichen Entfernung kann sie Milde walten lassen, wo früher Härte war, kann vergangene Urteile korrigieren und Unhinterfragtes nachträglich analysieren.

Der jugendliche Spott über einen leicht »affektierten« Tanzlehrer und dessen als bürgerlich verdächtigen »Anhauch von Artistentum« ist dem Erzähler im Nachhinein zum Beispiel eher unangenehm. »Wir waren sehr aufklärungsinteressiert, die Enkel des Dritten Reichs, aber daß jemand wie der für seine kuriose ›Formvollendung‹ verlachte Herr Wiedemann auch eine Vergangenheit gehabt haben muß, darauf wären wir damals nicht gekommen.«

Auch die Art und Weise, wie das Fernsehen die Welt in Gut und Böse aufteilt, wird geradezu pädagogisch-erklärend auseinandergenommen. Der Satz »Ich war damals noch ganz jung und tendierte dazu, zu glauben, was gesagt wurde« ist für diesen Gestus der literarisierten Erinnerung vielleicht programmatischer, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Andreas Maier bei einer Lesung

Andreas Maier, 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren, studierte Philosophie und Germanistik, anschließend Altphilologie. Er lebt in Frankfurt am Main.

Bild:
Andreas Maier 2019, Foto: Amrei-Marie, Wikimedia, Lizenz: CC BY-SA 4.0 (Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode.en)

Umso bemerkenswerter sind jene Momente, in denen das Nachdenken des Erzählers selbst endet. Deutlich wird das an der Rolle der USA in »Der Teufel«. Kaum überraschend sind für den Typus des friedensbewegten Linken (den der Roman darstellt und der demjenigen ähneln dürfte, den Wolfgang Pohrt in seinen Polemiken im Sinn hatte) vor allem jene militärische Konflikte relevant, an denen direkt oder indirekt die USA beteiligt waren: die drei Golfkriege, die US-Invasion in Panama und dann der Jugoslawien-Krieg.

Die Ursachen dieser Konflikte bleiben weitestgehend unbenannt, relevant ist hier einzig ihre mediale Aufbereitung. Von Israel ist kein einziges Mal die Rede (der Protagonist berichtet allerdings, mit Kurden, Eritreern, Kongolesen und Palästinensern diskutiert zu haben). Nach und nach werden die US-Amerikaner zum Verbreiter und Hauptdarsteller einer Dramatik von »Gut gegen Böse« und Entweder-oder, was der Roman nicht etwa als geopolitischen Manichäismus entlarven möchte, sondern eher als Analyse präsentiert.

Dass die USA ein Übel bleiben, ist am Schluss eine der wenigen im ­Roman präsentierten Ansichten, die unhinterfragt bleiben.

Dass die USA ein Übel bleiben, ist am Schluss eine der wenigen im ­Roman präsentierten Ansichten, die unhinterfragt bleiben. Greifbar wird dies, als der Protagonist in einer Kneipe mit einem älteren Herren ins Gespräch kommt, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat und sich als antiamerikanischer Revisionist reinsten Wassers herausstellt. »Wir«, so deklamiert er im Namen der Volksgenossen der Vergangenheit, »haben uns wenigstens nur abgeschlachtet. Der Amerikaner aber macht das alles von oben. Er macht sich die Hände nicht einmal schmutzig.«

Nicht, dass die Erzählstimme dies unbedingt teilt. Aber widersprechen möchte sie auch nicht. »Was sollte ich dazu sagen«, fragt sich der Protagonist. »Das, was der Mann ausführte, war vermutlich wohl einfach seinem eigenen Erleben geschuldet.«

Für den Typus des friedensbewegten Linken dürfte solch eine Sichtweise symptomatisch sein. Das Ende des Romans evoziert noch einmal den Fernseher, der die Bilder des verhafteten Saddam Hussein zeigt. ­Die Anschläge vom 11. September 2001 – die auch dann zur Geschichte gehören, wenn man den Irak-Krieg für falsch hält – werden nicht erwähnt. Sonst hätte sich folgender Satz, in dem der Vorwurf des alten Herren aus der Friedberger Kneipe noch nachhallt, nicht so einfach schreiben lassen: »Die Grenzen der USA waren wie immer unverletzt geblieben.«


Buchcover

Andreas Maier: Der Teufel. Suhrkamp, ­Berlin 2025, 247 Seiten, 25 Euro