23.10.2025
‍Wie sich die Antimoderne formiert

Geil auf die Apokalypse

Antidemokratische Ultralibertäre, Verschwörungstheoretiker und Panikmacher – die Bewegung gegen die Moderne tritt immer ­unverfrorener auf. Eine Konferenz in Basel hat sich dem Phänomen gewidmet.

Die Romanfigur Heidi ist so schweizerisch wie wohl kaum etwas anderes. Eher ungewohnt ist ihr Auftreten im Film »Mad Heidi« von 2022. Hier wird sie zur Widerstandskämpferin gegen ein faschistoides Regime unter der Herrschaft eines Käse-Moguls. Nach dem Mord an ihrem Geliebten Geißenpeter wird sie in ein brutales Alpengefängnis verschleppt.

Noch gehören solche Geschichten ins Genre der Satire – dennoch wirken sie, abgesehen von der offensichtlichen Überzeichnung, beunruhigend aktuell. Die Konferenz »Gegen/Moderne – Kulturkämpfe um die Gegenwart«, die vom 8. bis zum 10. Oktober 2025 an der Universität Basel stattfand und in Kooperation mit dem Institut für Sozialforschung und der Goethe-Universität Frankfurt ausgerichtet wurde, befasste sich mit den Spannungen zwischen Fortschritt, Nostalgie und Regression, die sich immer stärker bemerkbar machen.

Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit zeigte sich überrascht, dass sein Buch »Männerphantasien« über 50 Jahren nach Erscheinen immer noch so zeitgemäß sei.

Der Soziologe Peter Wagner skizzierte im Auftaktpanel »Welche Moderne?« die Grundannahmen jener Epoche, die im allgemeinen Verständnis nach der Frühen Neuzeit einsetzt und bis heute andauert: Freiheit und Vernunft. Die Moderne sei jedoch keine monolithische Erfahrung, sondern zugleich normatives Ideal und funktionale Beschreibung gesellschaftlicher Ordnung.

Die Philosophin Rahel Jaeggi war aus Yale zugeschaltet – eine Ausreise hätte bei der derzeitigen Einwanderungspolitik unter US-Präsident Donald Trump möglicherweise ihr US-Visum gefährdet. Sie sagte an Theodor W. ­Adorno angelehnt: »Regression ist der Stopp der Möglichkeiten.« Außerdem, so Jaeggi, sei Regression grundlegend eine defizitäre Form der Problemlösung und Ausdruck einer Krise der Krisenbewältigung.

Als Beispiel nannte sie die »trad­wives«, eine Bezeichnung für Frauen, die sich bewusst traditionellen ­Geschlechterrollen und dem Beziehungsmodell der fünfziger Jahre ­zuwenden. Auf sie trifft man auch und vor allem in sozialen Medien. Im kürzlich erschienenen Roman »Heimat« von Hannah Lühmann begegnet die Protagonistin solchen Frauen auf dem Land in einer scheinbaren Idylle, jedoch mit reaktionärem Kern. Für Jaeggi geht es hier nicht bloß um Nostalgie, sondern um eine Neuinstallation regressiver ­Geschlechterbilder. Sind die Städte im Gegensatz zum Land Leucht­türme des Progressiven? Dem widersprach der Humangeograph Daniel Mullis: Auch in urbanen Räume zeigten sich deutliche Regressions­tendenzen.

Ein den Kämpfen um die Geschlechterordnung gewidmeter Workshop mit verschiedenen Sozialwissenschaftlern zeigte, wie stark die Regressionsneigung ist. Sarah Speck analysierte die moral panic, die Rechte von Trans-Menschen und »Früh­sexualisierung« auslösen, als Reaktionen auf feministische und queere Erfolge. Die »Manosphere« im Internet biete Resonanzräume für Unsicherheiten von Männern und überschneide sich mit dem Hang zu Verschwörungstheorien. Dorit Geva berichtete von einem Auftritt des Psychologen Jordan Peterson in einem ungarischen Fußballstadion, dessen Appelle zur Selbstdisziplin die gesellschaftliche Sehnsucht nach Ordnung bedienten. Mike Laufenberg verband diese Kulturkämpfe mit Krisen des globalen Kapitalismus, die neue Hegemonien begünstigten – wie etwa die Rückkunft des Faschismus.

Destruktionslust gegen feministische Errungenschaften

In einem Panel zu Ästhetik erinnerte die Philosophin Jule Govrin an Björn Höckes Satz: »Nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft.« Hier sei eine Destruktionslust festzustellen, die sich gegen feministische Errungenschaften ­richte. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich zeigte, dass antimoderne Haltungen stets auch Teil der Moderne waren. Die Kunst habe aber heute ihre Autonomie zum Teil verloren, was manchen Künstler zu einem »anti­woken« Reaktivismus veranlasse.

Im Panel »Transzendenz« sprach der Soziologe Alexander Bogner über »überhitzte Gesellschaften«, in denen Neid und Zorn das soziale Gefüge destabilisieren. Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit zeigte sich im Gespräch mit Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey überrascht, dass sein Buch »Männerphantasien« über 50 Jahren nach Erscheinen immer noch so zeitgerecht sei. Er habe gedacht, 1968 und die Folgen seien nicht zurückdrehbar. Im Workshop »Zuspätmoderne«, den verschiedene Soziologen abhielten, argumentierte Ulrich Bröckling, dass der Begriff »Spätmoderne« fälschlich suggeriere, die Moderne stehe kurz vor ihrem Ende. Philipp Staab skizzierte System und Lebenswelt als ein Tandem, bei dem nun aber die Kette gerissen sei, und Alexandra Scheuer stellte einen Apokalypse-Fetisch unter den Anhängern regressiver Ideologien fest.

Unter dem Motto »Make Social Media Great Again« ging es in einem weiteren Workshop mit den Sozialwissenschaftlern Felix Maschewski, Anna-Verena Nosthoff und Roland Meyer unter anderem um Memes, frei nach Elon Musks Satz: »Who controls the memes, controls the uni­verse.« Memes existierten bereits in der Kybernetik, in der diese als Zellen in Gehirnen von Computern aus Fleisch und Blut, also Menschen, gedacht wurden. Es wurde konstatiert, dass offizielle US-Regierungsaccounts mittlerweile als reine Meme-Schleudern funktionieren. Auch Elon Musks Behörde Doge, die das »woke mind virus« bekämpfen sollte, sei ursprünglich aus einem Meme entstanden.

»Who controls the memes, controls the uni­verse«

Der Germanist Adrian Daub lenkte die Aufmerksamkeit im Workshop noch auf Peter Thiel, jenen deutsch-amerikanischen Unternehmer und Mitgründer von Paypal sowie früheren Facebook-Investor und heutigen Trump-Unterstützer. Thiel warnte kürzlich in einer Vortragsreihe vor nichts Geringerem als dem Antichristen.

Dieser – der endzeitliche Gesandte Satans – werde laut Thiel eine kommende Katastrophe nutzen, um durch eine »Weltregierung« hohe Steuern und Regulierungen einzuführen. Der evangelikal geprägte Thiel dürfte das durchaus wörtlich meinen. Als Abwehrstrategie schlägt Thiel einen ultralibertären Kurs vor. Dieser Libertarismus ist jedoch nicht demokratisch gedacht, sondern antiegalitär. Trump wird hier als »Zerstörer« des linksliberalen Establishments gefeiert.

Im Abschlusspanel analysierte der Historiker Fernando Esposito die neurechte Apokalypse-Erwartung, die etwa einen »Volkstod« und einen »großen Austausch« beschwöre, aber zugleich den menschengemachten Klimawandel leugne. Die Politologin Natascha Strobl stellte klar, dass keine Eins-zu-eins-Wiederholung des Nationalsozialismus zu erwarten sei. Wohl aber sei man mit einer postmoderne Form des Faschismus konfrontiert, die an gegenwärtige Kulturkämpfe anschließe.

Im Abschlusspanel analysierte der Historiker Fernando Esposito die neurechte Apokalypse-Erwartung, die etwa einen »Volkstod« und einen »großen Austausch« beschwöre, aber zugleich den menschengemachten Klimawandel leugne.

Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, zwei Mitveranstalter der Konferenz, haben mit »Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus« kürzlich ein Buch veröffentlicht, das diese Dynamiken empirisch verdeutlicht. Mit Hilfe von Interviews mit Befürwortern regressiver Tendenzen zeigen sie, dass für diese das Versprechen, es durch Leistung nach oben zu schaffen, nicht erfüllt worden ist, was zu einer lustvollen Zerstörungswut führe.

Eine einfache Antwort auf diese Herausforderungen haben auch Amlinger und Nachtwey nicht parat. Der Film »Mad Heidi« endet in blutiger Rache und der Befreiung der Schweiz durch eine zur kämpfenden Amazone gewordene Heidi. Für die Realität hilft einem das aber auch nicht weiter.