Fatale Verstrickungen
Ayelet Gundar-Goshen ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Psychologin. Nach dem Hamas-Terroranschlag am 7. Oktober 2023 war sie in Israel als Traumatherapeutin tätig. Die Beschäftigung mit der menschlichen Psyche merkt man ihren Büchern an: Ihre Romane »Löwen wecken« oder »Wo der Wolf lauert« kreisen stets um die Frage, was Menschen in Extremsituationen zu tun bereit sind, sowie um Ängste und Vorurteile, Schuld und Verdrängung, Lügen und Scham.
So auch in »Ungebetene Gäste«: Naomi lässt ihren einjährigen Sohn kurz unbeaufsichtigt; dieser krabbelt auf den Balkon und stößt den Hammer eines arabischen Handwerkers in die Tiefe, der einen zufällig vorbeilaufenden Jugendlichen erschlägt. Das setzt eine Kaskade von Ereignissen in Gang, bei der mehrere Familien schweren Schaden nehmen.
Gundar-Goshen schildert die fatalen Verstrickungen ohne moralischen Zeigefinger und macht die Entscheidungen ihrer Figuren nachvollziehbar.
Der Arbeiter wird als Terrorist verhaftet, sein Sohn Said entkommt durch die Hilfe von Naomis Ehemann Juval der Lynchjustiz. Anstatt den Unfall bei der Polizei aufzuklären, verfällt Naomi in Schweigen. Später wird sie dieses brechen, der Fall kommt vor Gericht – davon erfährt man jedoch erst im Rückblick.
Der zweite Teil des Romans spielt in Nigeria, wohin Naomi mit ihrer Familie vor den Ereignissen flieht. Doch die Vergangenheit wirkt fort: Sohn Uri wird von Alpträumen gequält, die Ehe zwischen Naomi und Juval droht zu zerbrechen.
Manches wirkt dabei arg konstruiert
Manches wirkt dabei arg konstruiert – etwa wenn Juval seiner großen Jugendliebe wiederbegegnet, die zugleich seinen Sohn therapieren soll, oder der Vater des durch den Hammer Erschlagenen plötzlich auftaucht. Dennoch ist der Roman unglaublich facettenreich und spannend zu lesen.
Gundar-Goshen schildert die fatalen Verstrickungen ohne moralischen Zeigefinger und macht die Entscheidungen ihrer Figuren nachvollziehbar. Gleichzeitig zeichnet sie das Bild einer liberalen Mittelschicht, die in einer schlecht eingerichteten Welt an ihren eigenen Maßstäben scheitern muss.
Ayelet Gundar-Goshen: Ungebetene Gäste. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber, Zürich 2025, 320 Seiten, 25 Euro
