Der analoge Mann
»Zieh die Creepers aus«, sagte der Typ mit der Jeans-Kutte am Pissoir neben mir. Er meinte meine Schuhe, die etwas zu großen Creepers, die ich von Axel Sonnenberg bekommen hatte, dem Clash-Fan an unserem Buxtehuder Gymnasium. Axel war im Januar 1984 schon fertig mit Punk.
»Ey! Zieh die Creepers aus, habe ich gesagt«, schrie der Typ jetzt. Dann fing er an mich zu schlagen. Wie? Was? Ich war völlig überrascht. Geistesgegenwärtig flüchtete ich in eine Toilettenkabine und schloss mich ein. »Komm raus, du kleine Ratte!« schrie er und schlug gegen die Tür.
Ich war starr vor Angst, mein Herz schlug bis zum Hals. Ich hatte ihn und seine Psychobilly-Freunde schon am Eingang vom McDonald’s bemerkt. Als sie mir irgendetwas hinterhergerufen hatten, war ich ins obere Stockwerk auf die Toilette gegangen. Mehrmals wurde jetzt von außen gegen die Tür getreten.
Psychobilly ist überdrehter Halloween-Rockabilly und eigentlich unpolitisch – obwohl Nazis schon früh versuchten, die Rasierten zu agitieren.
Es war der 24. Januar 1984. Ein Dienstag. Warum war ich an einem Dienstagabend in Hamburg? Ich musste doch am nächsten Tag in Buxtehude zur Schule gehen. Ich vermute, dass ich damals schon wusste, dass ich nicht in die zwölften Klasse versetzt werden würde. Vielleicht war uns die Schule auch einfach nur egal.
Mein Freund Alain und ich hatten uns jedenfalls am Nachmittag in Buxtehude an die B73 gestellt, um nach Hamburg zu trampen. In Hamburg angekommen, trennten sich unsere Wege. Ich ging zur Markthalle, um die Meteors zu sehen, Alain zum Planetarium, wo Clemens Grün, der Betreiber des Kir, eine Modenschau mit der Band Ti-Tho veranstaltete.
Weil ich etwas zu früh vor der Markthalle war, ging ich, um die Zeit zu überbrücken, in die Mönckebergstraße zu McDonald’s. Abgesehen von richtigen Restaurants war McDonald’s in den achtziger Jahren das einzige noch offene Geschäft in der Hamburger Innenstadt. Alle anderen schlossen um 18 Uhr.
Psychobilly war keine Gymnasiasten-Musik. Es war die Musik mit dem stumpfsten Publikum, stumpfer noch als Punk. Bei Psychobilly geht es ja um nichts, während Punk immer auch Protestmusik war. Psychobilly ist überdrehter Halloween-Rockabilly und eigentlich unpolitisch – obwohl Nazis schon früh versuchten, die Rasierten zu agitieren.
Subkulturelle Jugendgruppen, streng reglementiert
Warum wollte ich überhaupt etwas damit zu tun haben? Weil ich eben auch stumpf war. Stumpf ist Trumpf. Jetzt wartete ich zitternd auf der Toilette von McDonald’s, dass der Psychobilly endlich wegging. Auch als es draußen ruhig wurde, blieb ich in der Toilette.
Was sollte ich tun? In die Markthalle konnte ich jetzt nicht mehr gehen. Da hätte ich vielleicht mehr als meine Creepers verloren. Aber ich hatte auch keine Lust mehr auf die Meteors, ich war ja auch gar kein Fan. Und tatsächlich auch kein Psychobilly.
Es wird ja heute gern vergessen, wie tribal die Achtziger waren. Subkulturelle Jugendgruppen wirkten nach außen wild und kreativ, waren aber nach innen streng reglementiert. Bei den Psychobillys wurde abweichendes Verhalten sogar mit Gewalt geahndet.
Der Jeans-Kutten-Typ hatte jedenfalls den Oberschüler in mir sofort erkannt. Frustriert und gedemütigt ging ich ins Planetarium. Wo ich sowieso hingehörte – zu den Gymnasiasten. Dieses Erlebnis verarbeitete ich etwas später in einem meiner ersten Comics für die Schülerzeitung Heimatblatt.