Freude am Unfug
Die große Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schrieb einmal über Thomas Pynchon (den sie auch ins Deutsche übertrug): »Für diesen Autor gibt es nur zwei Möglichkeiten: Paranoia oder Anti-Paranoia. Entweder alles ist verknüpft oder gar nichts. Entweder alles strahlt vom Zentrum weg, oder es gibt gar kein Zentrum. Entweder ist alles an Geschichte determiniert, oder Geschichte ist völlig bedeutungslos, eine Ansammlung von Anekdoten.«
Darüber hinaus ließe sich über den Schriftsteller Pynchon auch sagen: Entweder man hält ihn für einen der großen US-amerikanischen Literaten oder für einen überschätzten Autoren hanebüchener Geschichten. Entweder man bewundert ihn für sein geschicktes Changieren zwischen Trivialroman und literarischer Prosa oder man ist genervt von seinem ausufernden Fabulieren ohne klar erkennbare Handlung.
Pynchon gräbt tief in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, verknüpft Unmengen an Detailwissen mit einer großen Portion Phantasie und verpackt den Irrsinn in eine abstruse Pulp-Erzählung.
Ein neuer Roman von Thomas Pynchon ist so gesehen immer auch eine Sensation. Wie verwirrend oder (un)lesbar ist das neue Buch diesmal? 1990 verkündete Salman Rushdie, Pynchons »Vineland« über desillusionierte Alt-Hippies in der Reagan-Ära, das kürzlich lose als »One Battle After Another« verfilmt wurde, sei sein bisher zugänglichster Roman. 1963 war sein Debüt »V.« erschienen, 1973 dann »Gravity’s Rainbow«, Pynchons opus magnum, dem der Pulitzer-Preis mit der Begründung verwehrt wurde, es sei unlesbar, schwülstig, überladen und teilweise obszön. Sein 2006 erschienener und knapp 1.600 Seiten langer Roman »Against the Day« wurde im Feuilleton als literarisches Schwergewicht und monströs bezeichnet. 2010 war wiederum von einem »Pynchon light« die Rede, als sein Kriminalroman »Inherent Vice« über einen dauerbekifften Hippie-Detektiv im Kalifornien der Siebziger erschien.
Und wie verhält es sich nun mit »Shadow Ticket« (deutscher Titel: »Schattennummer«), dem neuen und wohl letzten Roman des mittlerweile 88 Jahre alten Literaturphantoms Pynchon, der keine Interviews gibt und von dem es seit 70 Jahren keine Porträtaufnahme an die Öffentlichkeit geschafft hat? Es erweckt auf den ersten Blick den Eindruck eines launigen Quatschwerks, das gefälliger als so manch andere seiner Bücher daherkommt, aber alle Zutaten eines typischen Pynchon enthält. Der Autor gräbt hier wieder tief in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, verknüpft Unmengen an Detailwissen mit einer großen Portion Phantasie und verpackt den Irrsinn, von dem er erzählt, in eine abstruse Pulp-Erzählung. Hinzu kommen die dämlichen Namen seiner Figuren (Boynt Crosstown, Glow Tripforth del Vasto oder Angie ›Vumvum‹ Voltaggio) und Retrotechnologien wie ein Tragschrauber oder ein »transozeanisches Radio-Fax«.
Das Ergebnis wirkt wie ein absurder Traum, der zwar aus den Bruchstücken der Realität besteht, aber von der Unlogik des Phantasierten überlagert wird. Ein schwer zu entwirrendes Konstrukt aus unzähligen Figuren und Handlungssträngen, in dem entweder alles wie in einer großen Verschwörung zusammenhängt oder doch in seine Einzelteile zerfällt.
Swing-Version des Horst-Wessel-Lieds
Ausgangspunkt dieses freidrehenden Detektivromans ist eine skurrile Version Milwaukees im Jahr 1932. Al Capone sitzt in Atlanta im Knast, die Prohibition steht kurz vor der Aufhebung und auch in Milwaukee, der größten Stadt Wisconsins, in der es migrationsbedingt mehr Deutsche gibt, »als man mit einer Knackwurst locken kann«, hält der Faschismus Einzug. In den verzweigten Niederungen einer Bowling-Halle mit dem Namen »New Nuremberg Lanes« wird zur Swing-Version des Horst-Wessel-Lieds getanzt, Nazis mit Hakenkreuzarmbinde gehen in den karnevalesken Etablissements ein und aus und in der örtlichen Zeitung wird von diesem »intelligenten jungen deutschen Faschisten« geschwärmt.
An den zwielichtigen Orten dieser Großstadt treibt sich Hicks McTaggart herum – ein hervorragender Swing-Tänzer, aber miserabler Privatdetektiv. Früher machte er sich als »Schläger des Kapitals« einen Namen und vermöbelte streikende Arbeiter. Heute verdient er sein Geld mit »Eheleuten auf Abwegen« und »biergetriebenen Intrigen«. Hicks arbeitet für Unamalgamated Ops, eine Detektivagentur, bei der als Einstellungskriterium gilt, Schafkopf spielen zu können. Er soll Daphne Airmont aufspüren. Sie ist die Tochter eines örtlichen Milchbarons und mit dem Klarinettisten der Swing-Band Klezmopolitans durchgebrannt.
Ihr Vater Bruno Airmont, als Al Capone des Käses bekannt, hat sich selbst längst aus dem Staub gemacht. Es ist von explodierenden Käseleibern und einem Käsefälschungskartell die Rede, hinter dem Airmont stecken soll. Vielleicht, so wird in Milwaukee gemunkelt, ist der Käseskandal nur »ein Deckmantel, eine Tarnung für etwas eher Geopolitisches, eine gewaltige Konfrontation zwischen den käsebasierten oder kolonialistischen Mächten, im wesentlichen Nordwesteuropa, und der riesigen, wimmelnden Käselosigkeit Asiens und dessen weithin bekannter Abneigung, sich groß auf Käse einzulassen«.
Spielball höherer Mächte
Auch Hicks scheint nur der Spielball höherer Mächte zu sein, denen er sich nicht widersetzen kann. Das Dickicht zu durchschauen, ist so gut wie unmöglich. Da taucht ein mysteriöses U-Boot deutscher Bauart im Lake Michigan auf, ein Bombenanschlag wird ihm in die Schuhe geschoben, sonderbare Elfen trachten ihm nach dem Leben. Ehe er sich versieht, landet Hicks in New York City und schließlich auf einen Überseedampfer, der in die Wirren eines faschistischen Europas bringt; die Reise führt schließlich nach Budapest.
Bei Pynchon ist man genauso wie seine Protagonisten versucht, eine tiefere Bedeutung und versteckte Verbindungen hinter all der Skurrilität zu suchen. Man fühlt sich beim Lesen wie Hicks, dem das alles mehr als seltsam erscheint: »Ja, irgendwas lässt einen Schauer über Hicks’ Kopfhaut kriechen, setzt ihm den Sombrero des Unbehagens auf, wie man in der Branche sagt. Irgendwas stimmt hier nicht.«
Man kann es für unangebracht halten, dass Pynchon den düsteren Vorabend des Zweiten Weltkriegs mit seiner ungehemmten Freude am Unfug vermengt. Wenn Hicks auf gutgelaunte Nazis (»Wir sind schließlich Nationalsozialisten, also legen wir Wert auf Gemeinschaft. Probier’s mal aus, könnte dir Spaß machen.«) oder den Judenjäger Heino Zäpfchen trifft, der schon mal »kehrtmacht und einen Juden in Sicherheit bringt, den er schon ans Messer geliefert und für den er schon Kopfgeld kassiert hat – Verfolgung und Rettung, auf die Weise macht er zweimal Kasse«.
Chaotische Gleichzeitigkeit
Man kann seinen Roman aber auch aus der Perspektive einer chaotischen Gleichzeitigkeit betrachten, die der komplexen, brüchigen Welt innewohnt. Bei Pynchon ist alles so unsinnig wie sinnig. Die aufkommende Massenkultur mit all ihren ausschweifenden Partys, den Big Bands, das Unterhaltungskino und sein Starsystem, das alles existiert, während in der gleichen Fortschrittsbewegung eine Entmenschlichung einsetzt, die in einem gigantischen Massenmord mündet.
Die Gleichzeitigkeit des Banalen und des Schrecklichen spiegelt sich in Pynchons Form wider. Das Triviale und Alberne stehen gleichberechtigt neben dem Ernsten und Verhängnisvollen. Etwa, wenn eine verrückte, 2.000 Kilometer lange Motorrad-Rallye, die das ganze Jahr über dauert und tief in die Wälder Transsilvaniens führt, nur das Vehikel ist, um mögliche Fluchtrouten für einen jüdischen Exodus aus Mitteleuropa auszutesten. Oder wenn der jüdische Widerstand neben einer Selbstverteidigungsgruppe, die in Bratislava Krav Maga entwickelt, auch einen Bugatti fahrenden Golem umfasst, der mit einem Maschinengewehr als Arm die »irdische Variante von Azrael, dem Engel des Todes«, verkörpert.
Auch wenn manche Aspekte des Wahnsinns, von dem die USA derzeit heimgesucht werden, aus einem Pynchon-Roman stammen könnten, gehört »Shadow Ticket« nicht zu jenen Werken, die mit ihrem Blick in die Geschichte einen allzu mahnenden Kommentar auf die Gegenwart abgeben wollen. Das wäre eines Pynchons auch nicht würdig. Vielleicht sollte man das Buch auch einfach als das betrachten, was es ist: Ein so unbehaglicher wie rauschhafter Trip, so lustig wie schwindelerregend erzählt und mit einer Sprachversiertheit und Detailversessenheit aufwartend, die staunen lässt. Man fühlt sich beim Lesen wie in einem Labyrinth gefangen, in das man Seite um Seite tiefer hineingeführt wird. Ein Labyrinth, bei dem man wie Hicks am Ende nicht weiß, ob man eigentlich hinausgefunden hat.
Thomas Pynchon: Schattennummer. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Rowohlt, Hamburg 2025, 400 Seiten, 26 Euro