Diesseits von Afrika
»Aus Afrika hört man auch nie etwas Gutes« – ein bekannter Stoßseufzer, den man mitsamt seinem unschuldig daherkommenden Rassismus kennt. Der deutsch-iranische Autor Navid Kermani wollte es beim Seufzen nicht bewenden lassen und reiste in den Jahren 2020 bis 2024 mehrfach nach Ostafrika, um sich selbst ein Bild zu machen. Er tat das im Auftrag der Zeit, wo seine Reportagen zunächst erschienen. Nun sind diese unter dem Titel »In die andere Richtung jetzt. Eine Reise durch Ostafrika« auch als Buch publiziert worden.
Seine Reisen führten Kermani nach Madagaskar, auf die Komoren, nach Mosambik, Tansania, Äthiopien, in den Sudan und dann noch einmal, zusammen mit seiner Tochter, nach Äthiopien. Jetzt könnte man in diesem Unternehmen einen Ausbruch von Wanderlust bei einem deutschen Schriftsteller mittleren Alters vermuten, aber zur großen Erleichterung des Lesers liefert Kermani weder ein peinliches Stück männlicher Selbstvergewisserungsprosa ab noch eine im besten Falle gutgemeinte, im schlimmsten Falle zynische Sammlung von Elendsreportagen.
Widerspruch als Ausgangspunkt um sich selbst ein Bild zu machen
Kermani ist mit Ernst und Respekt an die Sache herangegangen, und er kann Widersprüche aushalten und formulieren. Schon bei der Vorbereitungslektüre fiel ihm auf, dass er die Bücher, in denen er recherchierte, grob in zwei Stapel sortieren konnte: Auf dem einen landeten die Werke, die im Grunde sagen, dass der »Globale Norden« nie begriffen habe und bis heute nicht begreife, was der Kolonialismus in Afrika angestellt habe. Auf dem anderen Stapel wurden die Bücher abgelegt, die bündig und schlüssig darstellten, dass man nun wirklich nicht alles, was in Afrika schiefläuft, dem Kolonialismus und Neokolonialismus anlasten könne. Mit diesem Widerspruch im Gepäck zog Kermani los, um sich selbst ein Bild zu machen.
Bereits in Madagaskar, dem ersten Ziel, wird Kermani klar, dass auf dem Kontinent nichts, aber auch gar nichts in Ordnung ist. In einem Land, in dem es fruchtbaren Boden zuhauf gibt, sterben Kinder und Erwachsene an Hunger, weil der Regen aufgrund des Klimawandels ausbleibt. Der Zentralregierung in Antananarivo ist es egal, der Globale Norden nimmt es überhaupt nicht wahr. Die Beschreibungen davon, wie die Kinder eine Weile mit aufgeblähten Bäuchen dasitzen und dann einfach tot umkippen, sind nicht leicht zu lesen. Spätestens danach weiß der Leser, dass es hier nicht um eine exotisierende Tour à la »Jenseits von Afrika« oder um irgendwelche Abenteuergeschichten geht. Überall, wo er hinkommt, entdeckt Kermani politisches und soziales Elend. Ob es um den gerade zu Ende gegangenen Krieg in Tigray im Norden Äthiopiens geht, die Machenschaften des Ölkonzerns Total Energies und von Jihadisten in Mosambik, die Fehlentwicklungen aufgrund westlicher Entwicklungsideen auf den Komoren: Weder ist die Gegenwart wirklich erträglich, noch gibt es Aussichten auf Besserung.
Personen sind keine keine Klischeevehikel
Dabei versuchen die Menschen alles, um zu überleben, ob sie nun gehen oder bleiben wollen. Und was ist dabei mit dem Schriftsteller selbst, der sich all das ansieht? Kermani, der in Deutschland geborene Sohn iranischer Einwanderer, ist hier der reiche und mit allen Segnungen des westlichen Komforts versehene Weiße aus dem Paradies. Er schämt sich spürbar für diese Rolle unter Menschen, die oft nicht einmal genug zu essen haben, und das mindeste, was er tun kann, ist, den Einheimischen mit Respekt zu begegnen. Auch dieser Respekt ist spürbar: Jede und jeder, mit dem oder der er spricht, wird mit vollen Namen genannt. Egal, ob es um ehemalige Guerillaführer, Jazz-Musiker oder um Geistliche verschiedener Religionen geht: Für Kermani sind sie Personen, keine Klischeevehikel. Man könnte sogar von einer gewissen Zartfühligkeit sprechen, mit der er den Verhältnissen begegnet, und er vergisst dabei auch die atemberaubende Natur nicht, in der die menschlichen Tragödien stattfinden. Von diesen Begebnissen ohne Kitsch und Sentimentalität erzählen zu können, ist keine Kleinigkeit, aber der klare Stil zeichnet Kermani ja seit jeher aus.
Egal, ob es um ehemalige Guerillaführer, Jazz-Musiker oder um Geistliche verschiedener Religionen geht: Für Kermani sind sie Personen, keine Klischeevehikel.
Also am Ende doch alles in Ordnung mit dem empfindsamen deutsch-iranischen Erfolgsautor im krisengeschüttelten Ostafrika? Nicht ganz. Kermani forscht als undogmatischer Muslim auch nach den Spannungen im Islam Ostafrikas und zwischen den Religionen. Im Falle der Komoren ist er sehr bemüht, einen vermeintlich guten, klassischen, sufistischen Islam von dem aus Saudi-Arabien einströmenden wahhabitischen Einfluss abzugrenzen, so als habe die neue, aggressive Variante mit dem eigentlichen, menschenfreundlichen, mystischen Islam ganz und gar nichts zu tun. Im Falle Mosambiks klingt das dann, als könnten die jihadistischen Killer, die seit einiger Zeit die Provinz Cabo Delgado terrorisieren, keine wirklichen Jihadisten, ja nicht einmal Muslime sein, denn sie hätten bei ihren mörderischen Überfällen zwar »Allahu akbar« geschrien, aber gemordet hätten sie wahllos, Muslime und Christen, und gebetet oder zum Gebet aufgefordert hätten sie auch nicht.
Die Rhetorik Kermanis nimmt hier nicht den Charakter von Apologetik an. Aber er hat zu großen Respekt vor der Religion als solcher, ob es nun um die Sufis auf den Komoren oder die äthiopischen Christen geht. Das Kapitel »Gebet – In den Kirchen und Klöstern Äthiopiens« ist von einer romantisierenden Faszination für das orthodoxe äthiopische Christentum geprägt. Je absurder die beschriebenen Rituale, desto besser. Es ist unübersehbar, dass Kermani im Grunde einem interreligiösen Mystizismus anhängt, der in Konfrontation mit dem, was er sonst so scharf beobachtet, dann doch ziemlich deplatziert wirkt.
Musik zeugt von der Möglichkeit einer besseren Welt
Eine andere Sache, der Kermani zu viel Gewicht beimisst, ist die Musik. Diese spricht wie alle Künste von der Möglichkeit einer besseren Welt, aber sie kann diese bessere Welt nicht herstellen – wie alle Künste. Wenn die Instrumente verstummen, wird wieder produziert und geschossen, oft genug geht das alles auch gleichzeitig. Die Musik in Ostafrika mit der Aufgabe der Weltrettung zu belasten, wie Kermani es tut, überfordert sie hoffnungslos.
Das ändert aber nichts daran, dass »In die andere Richtung jetzt« lesenswert ist. Wenn ein deutscher Erfolgsautor in Elends- und Krisengebiete reist, könnte viel Unsinn dabei herauskommen. Bei Navid Kermani ist das nicht der Fall.
Navid Kermani: In die andere Richtung jetzt. Eine Reise durch Ostafrika. C. H. Beck, München 2024, 272 Seiten, 26 Euro