Eingeübte Gleichheit
Wer außer ausgewiesenen Rassisten und Sozialdarwinisten könnte ernstlich etwas gegen die Gleichheit einwenden? Vor allem sich als links verstehende Personen werden auf sie als politische Grundbedingung nichts kommen lassen. Doch was soll Gleichheit eigentlich bedeuten?
Karl Marx war kein Anhänger irgendwelcher autoritärer Gleichheitsvorstellungen.
Karl Marx war kein Anhänger irgendwelcher autoritärer Gleichheitsvorstellungen. Er wusste zum Beispiel, dass die Verteilung von Produktionsmitteln »in keiner Weise aus der Gerechtigkeit kalkulierbar« sei. Bekanntlich bestand er darauf, solche Begriffe im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu bestimmen. Verständlich, denn sonst driften Diskussionen um Gleichheit, landläufig verstanden als Teilhabe an den Möglichkeiten oder den Erträgen der Gesamtgesellschaft, in einen endlosen Streit zwischen bloß subjektiven Standpunkten ab.
In seiner erst 1891 posthum veröffentlichten »Kritik des Gothaer Programms« von 1875 kritisierte Marx auf unnachahmliche Art und Weise die »hohlen Phrasen« seiner deutschen Genossen über Arbeit und gerechte Verteilung. Er lehnte zuvorderst jede Fetischisierung von Arbeit überhaupt ab – der Reichtum einer Gesellschaft misst sich nicht an der Möglichkeit zur Arbeit überhaupt, sondern gerade daran, möglichst viel nicht arbeiten zu müssen. Anders als viele sozialdemokratische und sozialistische Parteien auch heute noch auf ihre Wahlplakate schreiben, ist nicht das Malochen die Bedingung von individueller Freiheit, sondern das Nichtarbeiten, die frei verfügbare Zeit.
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