06.11.2025
‍Unser Kolumnist macht einen Herbstspaziergang

Für immer Herbst

Neulich hat der Kolumnist einen Herbstspaziergang gemacht.

Mir war der Herbst stets zu heimelig. Die ersten Blätter fielen, die Tage wurden kürzer, Melancholie machte sich breit, und ich war genervt. Die penetrante Gemütlichkeit des Herbstes empfand ich als Provokation, ich sah nur Dunkelheit und Matsch. Wenn der Sommer vorbei ist, werden die Menschen traditionell nachdenklich, was nie Gutes verheißt. Auch ihre Kleidung, ihre Funktionskleidung, nun dröge herbstfarben: rötlich braun, senfgelb, olivgrün. Erbarmungslose Tristesse.

Aber: Neulich spazierte ich durch das Herbstlaub. Natürlich notgedrungen, ich musste etwas kaufen. Spaziergänge als Selbstzweck, das ­sogenannte »an die frische Luft gehen«, lehne ich seit jeher genauso vehement ab wie den Herbst. Doch wie ich so durch die Einöde flanierte mit meiner Outdoor-Jacke in Tarnfarben, da überkam mich ein eigenartiges Gefühl. Ich wollte unbedingt schlechte Laune haben, gab mir wirklich Mühe, aber von einem auf den anderen Moment kam ich nicht umhin, mir einzugestehen: Es war schön. Ich genoss die herbstliche Atmosphäre. Ja, sogar den Spaziergang. Ich vergaß mein Ziel und lief doch immer weiter. Sog die Luft ein, als hätte ich vorher keine mehr bekommen.

Es sollte immer Herbst sein!

Mir wurde klar: Der Sommer ist zu warm, der Winter ist zu kalt, der Frühling ist zu optimistisch, zu zynisch. Der Herbst aber ist genau richtig. Der Herbst ist gut. Er steht für den Verfall – für die Schönheit des Verfalls. Es sollte immer Herbst sein! So dachte ich, traurig und glücklich zugleich, seltsam euphorisch.

Und dann war es auch schon wieder vorbei. Ich trat in Hundescheiße, unter all den verdammten Blättern hatte ich sie nicht gesehen. Meine Stimmung kippte erneut, ich schimpfte, über die Hunde, über den Herbst, über meine Dummheit. Und dann fiel mir auch wieder ein, wohin ich wollte: zur Apotheke, denn ich war krank. Außerdem war mir kalt, trotz dieser lächerlichen Jacke. Ich wischte meine Schuhsole an einem Stein ab, der nass und schmierig war, einfach widerlich, und dann ging ich weiter, Tabletten holen. Bald war Weihnachten.