Kleinvieh macht auch Mist
Das neue iPhone war einfach zu verlockend. Baran – der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte – brauchte ein neues Handy. Also entschied er sich, das iPhone auf Raten zu bezahlen. Und weil es so leicht ging, wickelte er auch die nächsten Einkäufe so ab. Ein Klick reichte dafür meistens. Den Überblick zu behalten, fiel ihm immer schwerer. Er verpasste Ratenzahlungen, musste Mahngebühren zahlen. Damals lebte er noch in Hamburg in einer betreuten Wohngruppe. Doch als er auf der Suche nach einer eigenen Wohnung war, machten seine Ratenkäufe Probleme. Seine Schufa-Auskunft fiel nicht mehr so aus, wie es Vermieter gerne sehen.
So wie Baran geht es vielen Menschen in Deutschland. Immer häufiger wird angeboten, Einkäufe mit sogenannten Kleinkrediten zu finanzieren. Immer mehr Menschen sind darauf angewiesen, da sie es nicht schaffen, die nötigen Beträge aus Rücklagen aufzubringen. Häufig ist der Kleinkredit die einzige Chance, um beispielsweise eine neue Waschmaschine bezahlen zu können oder die Autoreparatur.
Die Zahl der Ratenkredite steigt seit Jahren
Im ersten Halbjahr 2025 nahmen deutsche Verbraucher:innen neue Kredite im Wert von 30 Milliarden Euro auf – 4,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Zu dem Ergebnis kam eine Erhebung des Bankenfachverbands unter deutschen Kreditbanken. Die Zahl der Ratenkredite steigt seit Jahren. 2024 wurde der Schufa zufolge ein neuer Höchststand erreicht: Zum ersten Mal wurden in diesem Jahr mehr als zehn Millionen neue Ratenkredite aufgenommen. Das liege vor allem am Zuwachs der kleinen Kredite unter 1.000 Euro. Diese machten inzwischen gut die Hälfte aller Ratenkredite aus.
Anbieter wie Klarna und Consorsbank werben mit einfach zugänglichen Minidarlehen. »Mit Klarna entscheidest du, wie und wann du bezahlen möchtest«, heißt es auf der Website des Unternehmens – so könne man »flexibel shoppen und sicher bezahlen«.
Kerstin Föller von der Verbraucherzentrale Hamburg hat selbst erlebt, wie einfach man an solche Darlehen kommt. Beim Online-Kauf eines Paars Schuhe für 60 Euro bot ihr Paypal einen Ratenkauf an. »Bei diesen Krediten sind die Zinsen ein echtes Problem. Bis zu 18 Prozent werden für die Option des Ratenkaufs fällig«, sagt Föller der Jungle World. Bei Klarna und Paypal liegen die effektiven Jahreszinsen bei kleinen Ratenkrediten etwa bei zwölf bis 13 Prozent.
Eine weitere Tücke sieht Föller im Angebot einer »Restschuldversicherung«. Diese Versicherung versuchen die Anbieter von Kleinkrediten zu verkaufen. Mit einer vermeintlich geringen Monatsgebühr kann man sich dagegen absichern, eine Rate nicht zahlen zu können. »Das nutzt aber eigentlich nur wieder den Banken selbst, denn sie vermeiden so gegen Gebühr einen möglichen Zahlungsausfall«, so Föller.
Zur Schuldnerberatung der Diakonie in Hamburg kommen Menschen aller Altersgruppen
Zur Schuldnerberatung der Diakonie in Hamburg kommen Menschen aller Altersgruppen, berichtet die Mitarbeiterin Julia Albrecht der Jungle World. Oft erlebe sie aber, dass ab Mitte 20 das Risiko einer Überschuldung stark ansteigt. Die verschiedenen kleinen Kredite hätten sich dann aufaddiert und würden für viele zur Belastung. »Als junger Mensch habe ich wenig Geld zur Verfügung«, sagt Albrecht, gleichzeitig habe man viele Ausgaben: Anschaffungen für die neue Wohnung etwa oder die Finanzierung des Führerscheins. Kleinkredite seien leicht verfügbar, man müsse dafür nicht zur Bank gehen und um einen Kredit bitten. »Ich sehe etwas und kann es mir mittels Klarna oder Paypal leisten und später bezahlen. Das ist verführerisch«, so Albrecht.
Doch nicht nur junge Menschen tappen in die Kleinkreditfalle. Albrecht beobachtet, dass diese Zahlungsform vermehrt von Menschen mit niedrigen Einkommen genutzt wird. Generell verteufeln will sie die Kleinkredite nicht. Sie seien eine Möglichkeit, »unkompliziert unvorhergesehene Anschaffungen zu tätigen und eine Rückzahlung über mehrere Monate zu ermöglichen«.
Schwierig werde es, wenn man mehrere solcher Kredite aufnimmt und den Überblick über die Ratenzahlungen verliert. Dann gerate man schnell unter den Druck der hohen Zinsen, Vollstreckungsbescheide und Zwangsvollstreckungen drohen. Das erlebe sie als Beraterin häufig, erzählt Albrecht. Und selbst wenn man seine Raten immer pünktlich bezahlt, könne durch die häufige Bonitätsprüfung der Schufa-Wert leiden. Eine Wohnung zu finden, wird dann wie bei Baran schnell zu einem hoffnungslosen Unterfangen.
Bei Kleinkrediten »sind die Zinsen ein echtes Problem«, sagt Kerstin Föller von der Verbraucherzentrale Hamburg. »Bis zu 18 Prozent werden für die Option des Ratenkaufs fällig.«
Die Verbraucherzentrale kritisiert, dass bei Krediten bis 200 Euro keine Kreditwürdigkeitsprüfung stattfinden muss. So kann es passieren, dass bereits verschuldete Käufer eine weitere Anschaffung tätigen können, obwohl sie sich die Rückzahlung gar nicht leisten können.
Eine 2023 beschlossene EU-Richtlinie soll dafür sorgen, dass Minikredite »in den Anwendungsbereich des Verbraucherkreditrechts fallen«, sagt Albrecht. Dann müssen die Kreditgeber auch bei Beträgen bis 200 Euro die Kreditwürdigkeit prüfen. Die Bundesregierung hat bereits einen entsprechenden Gesetzentwurf vorgelegt. Sie hat bis 20. November Zeit, die Änderungenins nationale Recht zu übernehmen, und dann noch ein Jahr Zeit, bis die neuen Regeln angewendet werden müssen. Problematisch sei zudem, dass viele Anbieter von Kleinkrediten ihren Kunden ungefragt einen zusätzlichen Kreditrahmen von 3.000 Euro einräumen, oft mit noch höheren Zinssätzen.
Kerstin Föller wünscht sich, dass es allgemein schwerer wird, sich Geld zu leihen. Heutzutage genüge oft ein Klick und schon habe man einen Kreditvertrag abgeschlossen. Stattdessen wünscht sich die Beraterin eine mehrstufige Abwicklung, bei der man vor Abschluss noch einmal alle Kosten und Bedingungen deutlich vor Augen hat. Sie sieht die Kreditgeber in der Verantwortung. An dem Vorurteil, dass die Kreditnehmer einfach nicht mit Geld umgehen können, sei nämlich oftmals nichts dran. Föller ist sich sicher: »Es ist einfach mittlerweile für viele Menschen sehr knapp.«