»Wir wollen als Think Tank von unten mitwirken«
Zum ersten Mal wird am Amazonas über die Zukunft des Regenwalds verhandelt. Sie sind seit 15 Jahren in der Region aktiv, in letzter Zeit waren Sie aber auch viel international unterwegs, auf Umweltkonferenzen in Abu Dhabi und New York City. Wie bereiten Sie sich auf die COP30 in Ihrer Herkunftsstadt vor?
In den vergangenen Monaten war ich vor allem als Botschafterin zum Schutz der Mangrovenwälder im Einsatz, für die Netzwerke Cuíras und Maes do Mangue, um unsere regionalen Perspektiven auf den Klimawandel vorzustellen und eine internationale Plattform aufzubauen. Wir waren das ganze Jahr sehr aktiv – jetzt kommt die letzte heiße Phase. Ich bin Mitinitiatorin des Comitê COP30, in dem sich ökologische, indigene und feministische Verbände, Gemeindevorstände und Interessenvertretungen der Kleinbäuerinnen und -bauern organisiert haben, um die Teilhabe der amazonischen Zivilgesellschaft zu sichern. Vom 12. bis 16. November veranstalten wir in Belém parallel zur COP die Cúpula dos Povos (Gipfel der Bevölkerungen) mit Panels, Workshops und Konferenzen. Da bin ich jetzt mit vollem Einsatz dabei.
Wie kam es zu der Idee dieser Veranstaltung?
Uns war früh klar, dass die Regierung des Bundesstaats Pará – Belém ist die Hauptstadt – nicht an einer Beteiligung von unten interessiert ist. Dabei verfügen gerade die Menschen, die im Amazonas unter prekären Bedingungen leben – in den Vorstädten oder in abgelegenen Gemeinden am oberen Amazonas –, über ein einmaliges ökologisches Wissen über den Regenwald. Ihre Existenzgrundlage, die nachhaltige Forstwirtschaft im Kleinstbetrieb oder in Kooperativen, trägt maßgeblich zum Erhalt des Ökosystems bei.
Dazu kommt, dass wir hier von den Folgen des Klimawandels auf überproportionale Weise betroffen sind und bereits viel Erfahrung gesammelt haben. In den vergangenen zwei Jahren war die Regenzeit so heiß und trocken wie noch nie. Flüsse, die oft die einzigen Transportwege sind, waren gänzlich ausgetrocknet. Unzählige Menschen hatten keinen Zugang mehr zu öffentlichen Diensten, konnten nicht beliefert werden. Sie sind es gewohnt, mit diesen Problemen alleingelassen zu werden, und entwickeln gemeinsam lokale Lösungen. Wir wollen uns mit dem parallelen Gipfel nicht abschotten, sondern vielmehr als Think Tank von unten konstruktiv daran mitwirken, Ideen geben, mitentscheiden.
Was zeichnet den Austragungsort aus?
Der Amazonas ist ein Angelpunkt der Klimakrise, aber vielen NGOs im Globalen Norden ist kaum bewusst, dass die Region dicht besiedelt und bereits stark industrialisiert ist. Im brasilianischen Amazonas-Gebiet leben 28 Millionen Menschen. Belém liegt in einer biologisch extrem diversen Region, an der Schnittstelle zwischen dem Regenwald und einem der weltweit größten Mangrovengebiete – ohne funktionierendes Abwassersystem, Recyclinganlage oder Zugang zu sauberem Trinkwasser. Diese Missverhältnisse wollen wir in den Fokus rücken. Vieles deutet auf eine bei einer COP noch nie gesehenen Mobilisierung hin – die Leute wollen mitreden.
Belém ist in Europa mittlerweile bekannter, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wurde dort 2024 empfangen, 2023 warben die damalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock und Arbeitsminister Hubertus Heil für eine Wiederaufnahme der Zahlungen für den Amazonas-Fonds. Was erwartet sich Brasiliens Regierung von dem Gipfeltreffen?
Die COP wurde außenpolitisch sorgfältig vorbereitet. Für den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva ist es das zweite große Prestigeprojekt seiner Amtszeit nach dem G20-Gipfel. Lula will das Land zurück aus der Isolation holen, in die es sein Vorgänger Jair Bolsonaro befördert hat. Innenpolitisch geht es aber vor allem darum, das extreme Gefälle zwischen dem Norden und Süden des Landes zu verringern. Der Bundesstaat Pará zählt zu den ressourcenreichsten Regionen der Welt und ist zugleich eine der ärmsten Gegenden Brasiliens.
Wie schätzen Sie die Klimapolitik der Regierung Lula ein?
Lulas Klimapolitik ist ambivalent. Er hat Maßnahmen gegen illegalen Holz- und Mineralienraubbau durchgesetzt und den Schutz für indigene Völker erhöht. Er hat 2023 auch den Amazonas-Gipfel initiiert, bei dem erstmals alle Anrainerstaaten einer koordinierten Taskforce zum Regenwaldschutz zugestimmt haben, mit indigener Beteiligung. Lula will die Region unabhängiger machen von internationalen Konzernen und sich dabei auf staatliche Erdölförderung stützen. Ein neues Offshore-Feld vor der amazonischen Küste wurde gerade genehmigt. Die COP ist immer auch eine Lobby-Veranstaltung für die Erdöl- und Mineralindustrie.
»Für das Zentrum von Belém gibt es eine neue Kläranlage, aber der Großteil des Abwassers geht weiterhin ungefiltert in die Flüsse, auch das Müllproblem bleibt ungelöst.«
Der Gouverneur von Pará, Helder Barbalho, nutzt die COP vor allem dafür, die Infrastruktur der Region im Eiltempo auszubauen. Umweltschutz interessiert ihn kaum. Wie hat sich Belém seit der Ernennung zum Austragungsort der COP30 verändert?
Für die Stadt selbst wurde nur wenig getan, viel ist bloß Fassade. Der neue Stadtpark verbessert die Situation für Fußgänger, aber der Boden ist größtenteils betoniert, nur wenige Bäume wurden gepflanzt. Für das Zentrum gibt es eine neue Kläranlage, aber der Großteil des Abwassers geht weiterhin ungefiltert in die Flüsse, auch das Müllproblem bleibt ungelöst. Die historische Innenstadt verfällt – es gab nur wenige Renovierungen entlang der Hauptverkehrsachsen. Drumherum dehnen sich die Vorstädte immer weiter unkontrolliert aus. Bisher hatten wir kaum internationalen Tourismus – die erwarteten 50 000 Gäste sind mindestens eine Überforderung. Es gibt nicht genug Betten, deshalb ankern jetzt drei Kreuzfahrtschiffe vor der Stadt. Der ökologische Fußabdruck der COP ist riesig und wird nicht kompensiert. Es trifft vor allem die in prekären Verhältnissen lebenden Bevölkerungsschichten, deren Existenz vom Ökosystem der Flüsse abhängt.
Sie beschäftigen sich vor allem mit dem Ökosystem der Mangroven. Welche regionalen Ansätze gibt es für den Klimaschutz?
Mangrovenwälder wirken in höchstem Maße klimaregulierend. Sie schaffen eine natürliche Barriere gegen Stürme, speichern viel mehr CO2 als herkömmlicher Regenwald, verhindern Erosion, filtern Fluss- und Meerwasser und können durch Sedimentablagerung in Teilen den steigenden Meeresspiegel kompensieren. Sie beherbergen ein einzigartiges Ökosystem und sind damit zugleich Lebensgrundlage für viele Menschen. Zusammen mit den Bewohner:innen der gemeindebasierten Nutzreservate (Resex) fördern wir den nachhaltigen Krabbenfang und verhindern so die Abholzung für Aquakulturen und Küstenbebauung. Indigene Forstwirtschaft ist eine der effektivsten Techniken für den Erhalt unserer Lebensräume. Wir brauchen deshalb eine erhebliche Stärkung und Ausweitung der Resex, also der Naturschutzgebiete mit besonderen Nutzungs- und Selbstverwaltungsrechten.
Was wollen Sie mit den Verbänden des Comitê COP30 erreichen?
Mit dem Comitê COP30 entsteht von unten seit zwei Jahren eine Basis. Wir veranstalten in den prekären Vorstadtvierteln Workshops und Debatten in Eigeninitiative, über Umweltschutz, aber genauso über Jugendarbeitslosigkeit und -kriminalität. Wir werden nicht zulassen, dass die COP30 eine bloße Symbolveranstaltung wird.
Wie schätzen Sie die Ausgangsbedingungen der COP30 ein? Welche Fragen stehen im Vordergrund?
Das erhöhte Krisenbewusstsein erzeugt Druck zu handeln und stellt ökonomische Aspekte in den Vordergrund. Die Frage, wer für die Folgen des Klimawandels die Kosten tragen soll, wird den Gipfel bestimmen. Kurz vor seinem Tod hat Papst Franziskus das »Erlassjahr 2025« ausgerufen: Untragbare Schulden der Entwicklungs- und Schwellenländer sollen erlassen werden. Im Globalen Norden hat man das ignoriert, aber die Teilnehmerstaaten des Globalen Südens werden bei der COP daran erinnern.