Südirisch, nordirisch, gesamtirisch?
Auf der irischen Insel waren die ersten Zentren des Association Football Dublin und Belfast – die beiden größten Städte, in denen die angloirische Tradition besonders prägend war. In Dublin galt Fußball allerdings zunächst nur als Hobby der protestantischen angloirischen Mittelschicht. Anders in der Industriemetropole Belfast, wo sich das Spiel sehr schnell sozial ausbreitete und schon bald die Arbeiterschaft erreichte – die protestantische wie die katholische.
1880 wurde in Belfast die Irish Football Association (IFA) gegründet. Die Mehrzahl der Clubs, die der IFA beitraten, kam zunächst aus der Provinz Ulster und aus Belfast und Umgebung. Bis zur Teilung der Insel 1921 war die IFA für die gesamte irische Insel verantwortlich, und somit existierte auch nur eine irische Nationalmannschaft. Im Juni 1921 wurde in Dublin die Football League of Ireland ins Leben gerufen, die zunächst mit acht Vereinen aus der Hauptstadt ihren Spielbetrieb aufnahm. Drei Monate später hoben die Liga und die Regionalverbände der Provinzen Leinster und Munster die Football Association of Ireland (FAI) aus der Taufe.
Sowohl im Norden wie im Süden der Insel war das Interesse am heimischen Fußball einstmals deutlich größer als heute. Die sportliche Differenz zum englischen Profifußball fiel geringer aus, der Fernsehkonsum von Spielen der englischen Spitzenclubs war noch nicht so verbreitet und die Mobilität weniger ausgeprägt. Obwohl die Iren im Süden und Norden fußballbegeistert sind, richtete sich ihr Blick vorwiegend gen Osten, da die eigenen Clubs wenig zu bieten hatten.
In den vergangenen Jahren verzeichnete die südirische League of Ireland überraschend einen Boom. 2024 betrug der Zuschauerschnitt 3.790 bei Erstligaspielen. Vor der Covid-19-Pandemie und dem vorübergehenden Ausschluss der Öffentlichkeit lag er bei gut 2.000. Zuschauerkrösus war 2024 der Dubliner Club Shamrock Rovers mit einem Schnitt von gut 6.000. Die Rovers sind nur einer von vier Hauptstadtclubs in der Ersten Liga; die anderen sind Bohemian FC, St. Patrick’s Athletic und Shelbourne FC. Diese vier Clubs belegten auch die ersten vier Plätze in der Zuschauertabelle.
»No-Go« für fußballbegeisterte Katholiken
Deutlich geringer gestaltet sich der Zuspruch für die nordirische Premiership, ehemals Irish League. Wobei zu berücksichtigen ist, dass Nordirland nur 1,8 Millionen Einwohner zählt – gegenüber 5,4 Millionen in der Republik. Außerdem stößt die Liga bei Katholiken, die mittlerweile 45 Prozent der Bevölkerung stellen, nur auf geringes Interesse. Es dominieren protestantisch-unionistisch geprägte Adressen. Für viele fußballbegeisterte Katholiken ist die Liga mehr oder weniger ein »No-Go« – die Alternativen heißen Manchester United, vor allem aber The Celtic Football Club, in Deutschland als Celtic Glasgow bekannt.
In der Saison 2024/25 besuchten im Schnitt 1.557 Zuschauer die Spiele der Premiership. Den höchsten Zuspruch verbuchte der FC Linfield mit 2.713. Linfield ist im Süden Belfasts beheimatet und gewissermaßen ein Ableger des Rangers Football Club, bekannt als Glasgow Rangers: protestantisch und unionistisch. Linfield spielt im Windsor Park, auch Heimstätte der nordirischen Auswahl. Auf den Plätzen zwei bis vier folgen Glentoran aus dem protestantischen Osten der Stadt (2.666), Coleraine (2.458) und Cliftonville FC (1.720). Cliftonville spielt im Norden Belfasts und ist der Club der Belfaster Katholiken und Nationalisten – obwohl ursprünglich eine protestantische Gründung. Crusaders, Belfasts vierte Erstligadresse, belegt mit 1.529 Platz sechs. Die Kreuzritter haben wie Cliftonville ihre Heimat im Norden, aber ihr Anhang ist protestantisch-loyalistisch.
Im Westen Belfasts, wo die meisten Belfaster Katholiken leben, gibt es keinen hochklassig spielenden Fußballclub. Bis 1949 wurde der Westen durch Belfast Celtic vertreten. Die Mannschaft war extrem populär und erfolgreich, ihre Heimspiele wurden im Schnitt von 15.000 Zuschauern besucht – mehr als doppelt so viele, wie heute bei einem kompletten Spieltag der Premiership zusammenkommen. Doch nach schweren Auseinandersetzungen im Derby gegen Linfield, bei dem einem Celtic-Akteur von Linfield-Fans ein Bein gebrochen wurde, schloss der Club seine Tore. Fortan liefen im Celtic Park – Fassungsvermögen: 50.000 – nur noch die Windhunde. Mittlerweile steht dort ein Supermarkt.
Umzug als finanzielles Desaster
Derry, offiziell Londonderry genannt, die zweitgrößte Stadt Nordirlands und mehrheitlich katholisch, ist in der Premiership ebenfalls nicht vertreten, sondern spielt in der Liga der Republik. Das Stadion von Derry City liegt in der katholischen Bogside, wo es Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre immer wieder zu Unruhen kam und sich die britische Armee und die IRA heftige Gefechte lieferten. Die Irish League verdonnerte seinerzeit den Club dazu, seine Heimspiele im 50 Kilometer entfernten protestantischen Coleraine auszutragen. Für Derry City war der Zwangsumzug ein finanzielles Desaster. Am 13. Oktober 1972 zog sich der Club aus der Liga zurück. 1984 gestattete der nordirische Verband dem Club mit einer Ausnahmegenehmigung, den Spielbetrieb im Ligensystem der Republik wiederaufzunehmen. Zunächst hatten sich Verband und Liga dagegen gesträubt; man befürchtete, dass weitere nordirische Vereine Citys Beispiel folgen würden.
Die Gründe für den Boom im Süden sind vielfältig. Zuvörderst wird häufig Covid-19 genannt. Als in Irland die Restriktionen fielen und wieder Zuschauer zu den Spielen zugelassen wurden, war der Hunger nach Freiluft-Events riesig. »Nach der Pandemie wollten die Menschen nach draußen gehen und etwas erleben«, sagt John Martin, Geschäftsführer der Shamrock Rovers. Aber nach England konnten die Fans zunächst noch nicht wieder reisen. So widmeten sie sich dem local game.
Was die Fans dort sahen, war attraktiver, als sie gedacht hatten. Auch wurden für viele die Ausflüge in die Premier League zu teuer. Martin: »Die englische Premier League ist in Irland sehr beliebt, aber mittlerweile gibt es eine Diskrepanz zwischen der Popularität und den Finanzen. Es ist teuer, die Spiele im Fernsehen zu verfolgen oder nach Großbritannien zu reisen – aufgrund der Kosten für Reise, Tickets und Hotels ist es für die Menschen weniger zugänglich. Ich glaube, das hat viele Menschen dazu veranlasst, sich dem heimischen Fußball zuzuwenden.«
»Es ist teuer, die englische Premier League im Fernsehen zu verfolgen oder nach Großbritannien zu reisen. Ich glaube, das hat viele Menschen dazu veranlasst, sich dem heimischen Fußball zuzuwenden.« John Martin, Geschäftsführer der Shamrock Rovers
Die League of Ireland profitierte auch vom britischen EU-Austritt. Traditionell wurden junge irische Talente bereits mit 15 oder 16 Jahren von britischen Vereinen verpflichtet – zu einem günstigen Preis, oft nur gegen Zahlung einer Entschädigungssumme. Das ist nun nicht mehr möglich. Irische Spieler, also aus der Republik Irland, können erst mit 18 Jahren zu englischen Vereinen wechseln. Seither unterschreiben 16jährige Profiverträge bei ihren League-of-Ireland-Vereinen. Das bedeutet: Englische Vereine müssen nun viel höhere Summen zahlen, um die dann volljährigen Talente auf die andere Seite der Irischen See zu locken.
Als Mason Melia, ein hoffnungsvoller Nachwuchsstürmer von St. Patrick’s Athletic, seinen 16. Geburtstag feierte, unterschrieb er bei seinem Club einen Profivertrag mit einer Laufzeit von drei Jahren. Clive Clarke, Melias Agent und Onkel: »Als wir uns mit St. Patrick’s zusammengesetzt haben, haben sie Mason einen für sein Alter wirklich guten Vertrag mit Prämien angeboten. Aber das Ganze diente dazu, dem Verein ein zusätzliches Jahr zu verschaffen, um eine bessere Ablösesumme zu erzielen.« Im vergangenen Monat wurde Melia für eine Ablösesumme von 1,8 Millionen Euro an den Londoner Club Tottenham Hotspur verkauft.
EU-Mitgliedschaft macht es für Talente interessanter
Dank der EU-Mitgliedschaft Irlands können irische Spieler aber mit 16 Jahren zu einem Verein auf dem europäischen Festland wechseln, wo die Vereine begreifen, dass sie nun ihren britischen Konkurrenten einen Schritt voraus sein können. Mit der steigenden Nachfrage wurden irische Talente auch für Scouts interessanter. Da irische Nachwuchsteams in europäischen Wettbewerben reüssieren – 2013 erreichte die U17-Nationalmannschaft das Viertelfinale der Europameisterschaft –, sind diese Spieler relativ leicht zu scouten. Zwei Spieler, Naj Razi und Ike Orazi, wechselten für beträchtliche Ablösesummen zu Como in Italien beziehungsweise Stade de Reims in Frankreich.
Der Fußball auf der Insel wäre noch attraktiver, sportlich wie finanziell, würde man das Kräftemessen der Clubs gesamtirisch austragen. Eine Zusammenführung der beiden irischen Ligen würde einen potentiellen Markt von 7,5 Millionen Menschen schaffen – mehr als in Dänemark, Norwegen, Finnland, Schottland, Kroatien oder Serbien leben.
Aber die politischen Bedenken sind zu groß. Trotz des Friedensabkommens von 1998: In der Vergangenheit kam es bei Begegnungen zwischen irischen und nordirischen Clubs immer wieder zu Auseinandersetzungen – zuletzt im August 2025, als in der Qualifikation zur Champions League der Linfield FC den Shelbourne FC empfing. In einer gesamtirischen Liga gäbe es keinen Spieltag ohne gleich mehrere »Risikospiele«.
Versuche, neben den nationalen Ligen und Pokalwettbewerben einen gesamtirischen Wettbewerb zu etablieren, hat es immer wieder gegeben. In der Regel waren sie jedoch nur kurzlebig. Trotzdem: Der Gedanke, dass eines Tages gesamtirisch gekickt wird, lebt weiter.