Kleines Land, große Erwartungen
Fast ein Vierteljahrhundert nach seiner Unabhängigkeit ist Timor-Leste, auch als Osttimor bekannt, am 26. Oktober der Association of Southeast Asian Nations (Asean) beigetreten. Für den Inselstaat mit knapp 1,4 Millionen Einwohnern ist das mehr als ein symbolischer Schritt: Er schließt einen langen Weg zur Anerkennung ab und stellt zugleich einen neuen Prüfstein für das Selbstverständnis des südostasiatischen Bündnisses in einer zunehmend polarisierten Welt dar. »Ein Testfall für den ›Asean Way‹«, titelte das Magazin The Diplomat. Denn Timor-Lestes Aufnahme verändert das Kräfteverhältnis in dem Staatenbündnis, das seit seiner Gründung 1967 versucht, wirtschaftliche Integration sowie regionale Stabilität zu fördern und dabei politische Neutralität zu wahren.
Timor-Leste liegt zwischen Australien und Indonesien an einem maritimen Korridor, der für die Handelsrouten zwischen dem Indischen und dem Pazifischen Ozean strategisch bedeutsam ist. China investiert seit Jahren stark in die Infrastruktur des Landes, während die USA und Australien bemüht sind, ihren Einfluss über Entwicklungshilfe und Sicherheitskooperationen zu sichern. Mit dem neuen Status als Asean-Mitglied wird das kleine Land zu einem politischen Faktor im Wettbewerb der Großmächte.
Dass es bis 2025 dauerte, ehe Timor-Leste als elftes Mitglied aufgenommen wurde, hat Gründe. Schon 2011 hatte die Regierung in der Hauptstadt Dili formell die Aufnahme beantragt, doch viele Mitgliedstaaten zögerten. Zu schwach schien die Wirtschaft, zu instabil die Verwaltung, zu ungewiss die politische Zukunft. Einige Länder wie Singapur reagierten zunächst reserviert, während Indonesien, Malaysia und die Philippinen ihre Unterstützung signalisierten. Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet Indonesien, jenes Land, das Timor-Leste 1975 gewaltsam annektiert und bis 1999 mit brutaler Härte besetzt hatte, wurde später zu einem wichtigen Fürsprecher.
Während dieser 24 Jahre dauernden Besatzung kam nach Schätzungen ein Viertel der insgesamt 800.000 Einwohner durch Krieg, Hunger und Repression ums Leben. Erst das UN-Referendum von 1999, in dem sich mehr als 78 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit aussprachen, beendete die indonesische Herrschaft; im Mai 2002 wurde Timor-Lestes Unabhängigkeit vollständig wiederhergestellt. Mittlerweile pflegen beide Staaten enge diplomatische Beziehungen. Indonesien unterstützt Timor-Leste beim Aufbau von Verwaltung, Infrastruktur und Wirtschaft. Nicht zuletzt auch, weil ein stabiles Nachbarland an seiner Ostgrenze im eigenen Interesse liegt.
Die Asean steht unter Druck: Der Machtkampf zwischen den USA und China spaltet die Region, während interne Krisen ihre Handlungsfähigkeit auf die Probe stellen.
Die Geschichte des Landes ist eng mit der europäischen Kolonialzeit verknüpft. Bereits im 17. Jahrhundert errichteten die Portugiesen auf der Insel Timor ihre ersten Handelsposten. Über Jahrhunderte blieb Timor-Leste als portugiesische Kolonie weitgehend isoliert, während der westliche Teil der Insel unter niederländischer Kontrolle stand. Erst die Nelkenrevolution von 1974 in Portugal leitete das Ende der Kolonialherrschaft ein. Doch kaum hatte Timor-Leste im November 1975 seine Unabhängigkeit erklärt, marschierte Indonesien ein – mit Duldung westlicher Mächte, die in Indonesien während des Kalten Kriegs einen antikommunistischen Verbündeten sahen. Der anschließende Guerillakrieg und die internationale Gleichgültigkeit prägen das kollektive Gedächtnis bis heute.
Trotz großer struktureller Schwächen gilt Timor-Leste als eine der stabilsten Demokratien Asiens. Wahlen verlaufen frei und fair, die Presse ist pluralistisch, das Land bekennt sich deutlich zu internationalem Recht. Das steht im Kontrast zu den meisten Asean-Mitgliedern, deren politische Systeme autoritär geprägt sind – von Kambodscha und Laos über Vietnam bis Singapur und Brunei.
Heikler Beitritt
Gerade das machte den Beitritt so heikel: Timor-Leste hatte sich wiederholt kritisch über die Militärjunta in Myanmar geäußert und deren Ausschluss von Asean-Treffen befürwortet. Der Widerstand Myanmars gegen die Aufnahme Timor-Lestes in diesem Jahr war dementsprechend politisch motiviert und zeigte, wie stark Menschenrechtsfragen und geopolitische Loyalitäten in der Organisation aufeinanderprallen.
Mit einem Bruttoinlandsprodukt von weniger als 1.500 US-Dollar pro Kopf gehört Timor-Leste zu den ärmsten Ländern Südostasiens. Lange versprachen die Öleinnahmen aus dem Erdgasfeld »Greater Sunrise« in der Timorsee den Weg in den Wohlstand. Doch technische Verzögerungen und sinkende Fördermengen schmälern diese Hoffnung, während die Abhängigkeit vom Öl- und Gassektor hoch bleibt.
Gleichzeitig versucht die Regierung, die Wirtschaft breiter aufzustellen. Landwirtschaft – insbesondere die Kaffeeproduktion –, Tourismus und Bildung stehen im Zentrum neuer Entwicklungsstrategien. Auch die Digitalisierung wird vorangetrieben, unterstützt von Partnern wie Südkorea und Japan. Die Asean-Mitgliedschaft eröffnet zudem einen besseren Zugang zu regionalen Märkten, Investitionen und Programmen für Arbeitsmigration. Doch Arbeitslosigkeit, unzureichende Infrastruktur und eine rapide wachsende junge Bevölkerung setzen das Land unter Druck. Fast 40 Prozent der Einwohner sind unter 15 Jahre alt, das Medianalter liegt bei rund 21.
Für viele Timoresen bedeutet der Schritt in die Asean auch eine Rückkehr in die Region, aus der das Land durch Kolonialismus und Krieg lange herausgerissen war. Das katholisch geprägte Land – über 95 Prozent der Bevölkerung gehören der katholischen Kirche an – verbindet mit den Philippinen eine religiöse und kulturelle Nähe, die es sonst in Südostasien kaum gibt. In einer Umfrage des US-amerikanischen International Republican Institute aus dem Jahr 2018 gaben 76 Prozent der Befragten an, den Asean-Beitritt Timor-Lestes zu unterstützen. Präsident José Ramos-Horta hatte die Mitgliedschaft schon früh als nationales Ziel priorisiert.
Der Machtkampf zwischen den USA und China spaltet die Region
Der Beitritt Timor-Lestes kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem die Asean selbst unter Druck steht: Der Machtkampf zwischen den USA und China spaltet die Region, während interne Krisen, zum Beispiel in Myanmar oder im Südchinesischen Meer, ihre Handlungsfähigkeit auf die Probe stellen. Als postkoloniales, demokratisches Land erinnert Timor-Leste an den ursprünglichen Anspruch der Asean: Frieden, Selbstbestimmung und Solidarität.
Viele Beobachter sehen in Timor-Lestes Aufnahme einen Akt politischer Großzügigkeit, aber auch einen Testfall für die Integrationsfähigkeit der Asean. Wenn es gelingt, Timor-Leste zu einem gleichberechtigten Mitglied zu machen, könnte das die Legitimität des Bündnisses in der globalen Ordnung stärken. Scheitert die Integration, droht die Asean noch stärker zu einer reinen Wirtschafts- und Stabilitätsplattform zu werden – ohne politische Gestaltungskraft.
Bei seiner Rede während der Aufnahmezeremonie in Kuala Lumpur am 26. Oktober sprach Timor-Lestes Premierminister Xanana Gusmão von einem »wahr gewordenen Traum«, einem Triumph der Resilienz und der Hoffnung nach Jahrzehnten des Kampfs. Für viele Timoresen symbolisiert dieser Moment nicht nur außenpolitische Anerkennung, sondern auch ein kollektives Ende der Isolation.
Die Zeremonie markierte den Beginn des jährlichen Asean-Gipfels, gefolgt von zwei Tagen voller Gespräche mit Partnern wie China, Japan, Indien, Australien, Südkorea und den USA. Die Asean-Staaten sind zusammengenommen der größte Handelspartner Chinas und haben am Ende des Gipfels eine Erweiterung ihres seit 2010 bestehenden Freihandelsabkommens ACFTA mit China unterzeichnet, das angesichts des Handelskriegs mit den USA auf eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Region drängt. Allerdings führen zunehmende chinesische Aggressionen im Südchinesischen Meer auch immer wieder zu Konflikten mit den Philippinen und stellen den regionalen Zusammenhalt auf die Probe.