13.11.2025
Besuch in einem ehemaligen Internierungslager in Albanien

Zypressen gegen das Vergessen

Das ehemalige Internierungslager aus der Diktatur Enver Hoxhas im albanischen Tepelenë sollte eigentlich schon längst eine Gedenkstätte sein. Doch bis heute tut sich nichts. Das Areal verfällt und dient Anwohnern als Viehweide.

Es gibt kein Schild, das den Weg zum ehemaligen Internierungslager Tepelenë in Albanien weist. In Reiseführern sucht man vergeblich nach einem Eintrag. Das Lager am nördlichen Stadtrand der im Süden Albaniens ­gelegenen Kleinstadt bestand von 1949 bis 1954. In ihm wurden Angehörige der Führungsschicht der Vor- und Zwischenkriegszeit samt ihren Familien ­inhaftiert. Dazu zählten unter anderem katholische Kleriker, Monarchisten, Demokraten und Großgrundbesitzer. Als das Lager gegründet wurde, bestand das sozialistische Albanien gerade seit fünf Jahren. 1944 hatte die von den Kommunisten dominierte Nationale Befreiungsbewegung (LNÇ) die Wehrmacht aus dem Land vertrieben. Unter Enver Hoxhas Führung wurde 1946 die Sozialistische Volksrepublik Albanien ausgerufen, die rasch stalinistische Züge annahm. Es gab Parteisäu­berungen, Regierungsgegner wurden verfolgt, ermordet oder landeten in ­einem der unzähligen Lager im Land.

Eines der brutalsten Lager war das in Tepelenë. Etliche dort internierte ­Erwachsene und auch Kinder fanden aufgrund von Mangelernährungen, Krankheiten und härtester Zwangsarbeit den Tod. Dass das Lager so bald wieder geschlossen wurde, hängt vermutlich mit einer Typhusepidemie zusammen, die sich dort ausgebreitet hatte und an der Hunderte Kinder starben.

Mit EU- und Schweizer Geldern wurden im Lagerinnern Gedenk­stelen aufgestellt, die an das Leid der Opfer erinnern. Dort wird insgesamt 3.380 Insassen gedacht. 

Das Lager ist mit dem Auto schwer zu erreichen. Die Navigationssoftware leitet einen auf immer wieder neuen Schleichwegen in Richtung des Lagerkomplexes. Brachland wechselt sich ab mit kleinen Hochhäusern, Schafe und Ziegen weiden entlang des Wegs. Schließlich ist die Straße für ein normales Kraftfahrzeug nicht mehr befahrbar; nur mit einem Allradantrieb käme man bis zum Gelände des Lager­areals. In Sichtweite der Burg von ­Tepelenë, eingebettet in eine von Bergen umsäumte Ebene, ragen am Stadtrand mehrere verfallene Gebäude auf. Die Italiener, die das Land im April 1939 besetzt hatten, hatten auf dem Gelände noch im selben Jahr eine Kaserne errichtet. Einen Eingang sucht man vergeblich. Ringsherum sichern provisorische Stacheldrahtzäune das Gelände. Aber nicht vor ungebetenen Eindringlingen: Vielmehr sind es Viehzäune, die Schafe, Ziegen und Kühe einhegen. Auf Besucher ist das Lager nicht eingestellt.

In Sichtweite lehnt ein älterer Mann in der spätherbstlichen Sonne entspannt an der Wand eines verfallenen kleinen Stallgebäudes. Um ihn herum grasen Schafe; seine Schafe, wie sich bald herausstellt. Krenar Çota ist Schäfer und kontaktfreudig. Woher man komme, fragt er unvermittelt auf Englisch. Auf die Antwort »aus Deutschland« hin wechselt er sofort ins Deutsche. Drei Jahre habe er in Deutschland gelebt und als Kfz-Mechaniker in München gearbeitet.

Das war irgendwann in den neunziger Jahren. Das Lager? Ja, das kenne er gut. Er sei in ­Tepelenë aufgewachsen und während der chaotischen Umbrüche Anfang der neunziger Jahre ins Ausland gegangen. Anfang der nuller Jahre sei er dann nach Albanien zurückgekehrt. Zweimal sei er für jeweils vier Jahre Bürgermeister der rund 3.700 Einwohnern zählenden Kleinstadt Tepelenë ­gewesen. Er fragt, ob man das Lager besichtigen wolle, und schiebt eine mit Stacheldraht umwickelte Europalette zur Seite, so dass wir über die zugewucherte Wiesen eintreten können.

»Ein schrecklicher Ort«

»Das war ein schrecklicher Ort hier. 350 Kinder sind gestorben. Kinder – das muss man sich mal vorstellen«, erzählt Çota sichtlich erschüttert. Mit seinen 68 Jahren hat er das Lager nicht mehr in Betrieb erlebt. Es sei schon in sozialistischen Zeiten mehr und mehr verfallen. An den Ruinen des ehe­maligen Internierungslagers erkennt man noch deutlich die ursprüngliche Kasernenarchitektur: eine rechteckige Anlage, erbaut rund um einen großen Platz. Wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs zogen dann die ersten Häftlinge ein. Çota erzählt, dass er auch ein Stückchen des Geländes von der Stadt gepachtet habe. Seine Schafe bringe er abends in einer der Ruinen unter. An einigen Stellen der ehemaligen Baracken sind die verbliebenen Fensteröffnungen mit Plastikplanen verhängt. Ob hier Menschen oder Tiere hausen, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Çota ist sich da auch nicht so sicher. »Eigentlich sollte hier längst eine Gedenkstätte errichtet worden sein. Aber sehen Sie selbst – das Gebiet ist total verwahrlost«, echauffiert er sich. Einzig in der Mitte des ehemaligen Appellplatzes lässt sich so etwas wie ein Ansatz des Gedenkens erkennen: Ein Gedenkstein erinnert an 500 Todesopfer. Zypressen sind in regelmäßigem Abstand in einem Quadrat gepflanzt worden. In der Mitte des Zypressenhains befindet sich ein ebenfalls quadratisches Betonfundament.

»Hier sollte ein Denkmal stehen. Doch geschehen ist bisher nichts. Die Sozialkommunisten haben kein Interesse daran«, schimpft Çota. An den »Sozialkommunisten« lässt er kein gutes Haar. Sie seien verantwortlich für Korruption und die mangelhafte Aufarbeitung der kommunistischen Dik­tatur. Çota meint die Sozialistische Partei Albaniens, die 1991 aus der bis ­dahin einzigen legalen Partei des Landes, der Partei der Arbeit Albaniens, hervorging.

Gedenkstehle

Die Gedenkstehle erinnert an die Opfer des Internierungslagers und die Vertuschungs­versuche durch die Hoxha-Diktatur

Bild:
Guido Sprügel

Anders als in vielen anderen ehemals sozialistischen Staaten in Ost­europa vollzog sich der politische Wandel in Albanien nicht abrupt. Hoxha war 1985 verstorben. 1990 kam es in Tirana und Shkodra zu Massenprotesten. Dennoch wurde Ramiz Ali, der nach Hoxhas Tod dessen Nachfolge angetreten hatte, 1991 in das neu geschaffene Amt des Präsidenten gewählt, und die Partei der Arbeit siegte im selben Jahr bei den ersten pluralistischen Wahlen.

Der endgültige Umbruch vollzog sich erst 1992 mit dem Rücktritt Alis und der Wahl Sali Berishas von der opposi­tionellen Demokratischen Partei zum Präsidenten, dessen Amtszeit 1997 im Zuge des wegen endemischer Finanzbetrügereien ausgebrochenen sogenannten Lotterieaufstands abrupt ­endete.
Çota ist Mitglied der Demokratischen Partei. Die Aufarbeitung der Verbrechen der Hoxha-Ära liegt ihm am Herzen. Doch die findet kaum statt. Die einzige Gedenkstätte im Land, die an den Lagerterror erinnert, steht in der mittelalbanischen Stadt Lushnja. Sie wurde 2016 eingeweiht.

Verlässliche Angaben über die Opferzahlen gibt es nicht

Nicht mal auf dem Gelände des ehemaligen Lager Spaç, tief in den Bergen im Norden gelegen, gibt es einen Gedenkort. Das Lager ist aufgrund seiner besonders brutalen Haft- und Arbeitsbedingungen in den Kupfer- und Pyritminen zum Symbol des Schreckens dieser Zeit geworden.

Verlässliche Angaben über die Opferzahlen des Lagerterrors liegen nicht vor. Auch in Tepelenë fehlen solche, da die Gräber nach Aufgabe des Lagers eingeebnet wurden, um Spuren zu verwischen. Mit EU- und Schweizer Geldern wurden im Lagerinnern immerhin drei Gedenkstelen aufgestellt, die an das Leid der Opfer erinnern. Dort wird insgesamt 3.380 Insassen gedacht. Davon seien 1.254 Frauen, 963 Männer und 1.163 Kinder gewesen.

Çota spricht immer wieder von 350 getöteten Kindern. Schätzungen gehen von insgesamt bis zu 600 Todesopfern aus. »Seit 2018 ist hier nichts mehr geschehen. Keine Aufarbeitung, nichts«, so Çota. Dabei gab es 2018 vielversprechende Ansätze, um das Lager in eine Gedenkstätte zu verwandeln. Eine große Gedenkveranstaltung fand auf dem ehemaligen Appellplatz statt. Vier ehemalige Lagerinsassen wurden von dem damaligen Präsidenten Ilir Rexhep Meta geehrt. Ein nationales Erinnerungsprojekt wurde 2017 ins Leben gerufen. Dieses sah unter anderem die Einrichtung eines Lagermuseums in Tepelenë sowie die Anpflanzung von Zypressen »zum Gedenken an die Kinder ohne Grab« vor. Letzteres wurde immerhin verwirklicht. Doch Çota ist wütend: »Acht Jahre lang ist hier nach den markigen Worten und Versprechungen nichts mehr geschehen. Weder kann man das Lager besuchen, noch gibt es das versprochene Museum.« Die heutige Regierung unter Edi Rama habe kein großes Interesse an einer Aufarbeitung und Erinnerung.