»Israel ist keine identitäre Festung«
Simone Rodan-Benzaquen ist Geschäftsführerin des American Jewish Committee Europe (AJC Europe). Sie schreibt regelmäßig für US-amerikanische und französische Zeitungen wie »Huffington Post«, »Le Figaro«, »Le Monde«, »Franc-Tireur« und »Libération«. Sie war Gründungsgeneralsekretärin des Medbridge Strategy Center, einer Organisation, die sich für die Stärkung der Beziehungen zwischen führenden Politikern sowie Vertretern der Zivilgesellschaft in Europa und demokratischen Bestrebungen im Nahen Osten einsetzt.
Weite Teile der extremen Rechten geben heutzutage vor, die Juden vor Antisemitismus zu schützen. Kann man das ernst nehmen?
Das ist eine atemberaubende Wendung: Diejenigen, die den Antisemitismus genährt haben, präsentieren sich heute als Bollwerk dagegen. Bei manchen mag es tatsächlich ein Bewusstsein für die islamistische Gefahr geben, dafür, dass die Juden die ersten Opfer dieses Fanatismus sind.
Aber Sie scheinen an dieser Bekehrung zu zweifeln?
Ja. Für viele ist das Taktik: Die Unterstützung der Juden erlaubt es, sich auf gewisse Weise moralisch reinzuwaschen, sie dient als Sprungbrett zur Macht und ermöglicht eine »Normalisierung«, die die extreme Rechte wieder salonfähig macht, sie fast republikanisch erscheinen lässt. Indem sich die Rechtsextremen, die früheren Verfolger der Juden, als ihre Verteidiger aufspielen, schützen sie diese nicht, sondern rehabilitieren sich selbst.
Warum funktioniert ihre Taktik?
Weil die Parteien der Mitte dem Problem des Antisemitismus oft ausgewichen sind. Sie haben aus Angst vor Spaltung, aus Angst davor, als »islamophob« bezeichnet zu werden, oder aus wahltaktischen Gründen darauf verzichtet, den islamistischen Antisemitismus beim Namen zu nennen, und den Kampf dagegen aufgegeben.
»Indem sich die Rechtsextremen als Verteidiger der Juden aufspielen, schützen sie diese nicht, sondern rehabilitieren sich selbst.«
Ein weiterer Grund ist, dass ein Teil der radikalen Linken systematisch die jüdischen Institutionen als »rechtsextrem« abqualifiziert. Dadurch treibt er die Juden paradoxerweise in die Arme der Rechtsextremen – ein perverser Mechanismus, der die Juden schwächt und der extremen Rechten Glaubwürdigkeit verleiht. Aber die Sicherheit der Juden wurde nie von identitärem Nationalismus garantiert. Sie hängt von der Republik, vom Recht und von der Universalität ihrer Prinzipien ab.
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