13.11.2025
In Berlin wurde trotz einiger ­Störungen der Novemberpogrome gedacht

Gedenken als Spießrutenlauf

Beim jährlichen Gedenken an die Novemberpogrome 1938 wurde auch der heutige Antisemitismus thematisiert.

Es war noch hell, als sich einige Hundert Personen am Mahnmal in der Levetzowstraße im Berliner Stadtteil Moabit einfanden. Die Gedenkveranstaltung zum 87. Jahrestag der antisemitischen Novemberpo­grome von 1938 fand an einem Sonntag und deshalb eine Stunde früher statt als üblich.

Er habe den Eindruck, es hätten erneut etwas weniger Menschen teilgenommen als im Vorjahr, sagte ein Veranstalter der Jungle World. Er selbst habe sich vor der Demonstration Sorgen gemacht, ob die Polizei die Bedrohung der Veranstaltung ernst genug nehme.

Die jährliche Erinnerung an die Pogrome organisiert das Bündnis 9. November Berlin. Der erste Teil besteht aus einer Gedenkkundgebung mit Blumenniederlegung an dem Mahnmal, an dessen Ort bis 1955 eine der größten Synagogen Berlins stand, die 1938 im Zuge der Pogrome schwer beschädigt worden war und ab 1941 als Sammelstelle für Judendeportationen missbraucht wurde.

Der Demonstrationszug wurde immer wieder von Umstehenden gestört, die »Free Palestine« riefen. Ein rechter Streamer belästigte die Kundgebung, und insbesondere auf den letzten Metern hin zum Deportationsmahnmal kam es reihenweise zu Störungen durch johlende Menschen und hupende Autofahrer.

Anschließend zieht eine antifaschistischer Demonstrationszug quer durch den dicht besiedelten Innenstadtbezirk hin zum Deportationsmahnmal auf der Putlitzbrücke. Auf den hier verlaufenden Gleisen wurden bis 1945 etwa 30.000 Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager deportiert. Dieser Teil der Route werde symbolisch begangen, um an das Schicksal der Ermordeten zu erinnern, die »mitten am Tag unter aller Augen durch Moabit getrieben« wurden, betonte das Bündnis. Neben Musikbeiträgen wurden auch Zeitzeugenberichte von Jüdinnen und Juden verlesen, denn Überlebende des Holocaust gibt es immer weniger und viele sind zu alt, um sich, wie in früheren Jahren üblich, hier auf die Bühne zu stellen.

Ein Redebeitrag kam von der 1948 geborenen Berlinerin Eva Nickel. Ihre älteren Schwestern hat sie nie kennengelernt, sie wurden in Auschwitz ermordet. Viele Jahre hat Nickel in einer jüdischen Gemeinde gearbeitet, wo sie Überlebende des Holocaust unterstützt hat.

»Schonzeit« vorbei, Antisemitismus wieder salonfähig

Weil sie einen familiären Termin hatte, wurde ihr Beitrag stellvertretend vorgelesen. Er handelte vom »Erleben in den letzten Monaten«, das Nickel stets mit den Erlebnissen vor 1945 vergleichen müsse. Die »Schonzeit« sei vorbei, Antisemitismus wieder salonfähig. Juden erführen seit dem 7. Oktober 2023 vermehrt antisemitischen Hass. Persönlich treffe sie besonders die Gleichgültigkeit vieler Mitmenschen.

Erneut gab es auch eine Rede von Vertretern der Berliner Ortsgruppe der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair. Der Verband war bis Sommer dieses Jahres Mitglied der internationalen Falken-Bewegung, eines Zusammenschlusses sozialistischer Jugendverbände, dann wurde er wegen des Vorwurfs des »Militarismus« ausgeschlossen. Diesen Umstand erwähnten die vier Jugendlichen auf der Bühne nicht. »Wir wollen in der Schule keine antisemitischen Beleidigungen erleben«, sagte die junge Rednerin.

Weitere Redebeiträge kamen von den Gruppen Tacheles TU, der Emanzipativen und Antifaschistischen Gruppe (EAG) aus Berlin und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA).

Der Demonstrationszug wurde immer wieder von Umstehenden gestört, die »Free Palestine« riefen. Ein rechter Streamer belästigte die Kundgebung, und insbesondere auf den letzten Metern hin zum Deportationsmahnmal kam es reihenweise zu Störungen durch johlende Menschen und hupende Autofahrer.

Aus einem vorbeifahrenden Wohnwagen fuchtelte jemand mit einer Babypuppe in der Luft herum. So wurde der Umzug einmal mehr zu einer Art Spießrutenlauf, für den es durchaus Mut benötigt.