Cyborg in der Sinnkrise
Wer die Zeit des Musikfernsehens noch miterlebt hat, wird sich vielleicht an folgendes animiertes Musikvideo erinnern: In einer futuristischen Stadt wird eine Frau in einem Labor vor den Augen des Publikums erschaffen und entkommt aus der Einrichtung. Darauf beginnt eine wilde Jagd durch die Stadt, Unterweltgestalten bekämpfen die Polizei. Eine andere Sequenz zeigt wieder eine Art Labor, in dem Menschen mit artifiziell veränderten Händen, mit nicht nur fünf, sondern viel mehr Fingern, wie wildgeworden in Computertastaturen hauen – dazu singt eine hypnotische weibliche Stimme immer wieder die auf Freud Bezug nehmende Zeile »Must be the reason why I’m king of my castle.«
Als 1997 dieses bereits zweite Musikvideo zu »King of My Castle« des hier als Wamdue Project auftretenden Electro-Musikers Chris Brann erschien, wussten nur Eingeweihte, woher dessen Bilder stammen – es sind Ausschnitte aus Mamoru Oshiis Anime-Film »Ghost in the Shell«.
Besonders wichtig war der Film für den Cyberpunk, die punkig-pessimistische und gesellschaftskritische Spielart der Science Fiction.
1995 erschienen, entstammt der Film dem sogenannten Goldenen Zeitalter des Anime – als Serien und Filme wie »Akira«, »Dragon Ball Z«, »Sailor Moon«, »Neon Genesis Evangelion« oder »Cowboy Bebop« sich in Sachen Animationstechnik und Storytelling immer wieder aufs Neue überboten. Auch »Ghost in the Shell« gehört in diese Kategorie von Anime-Hochkarätern – er brilliert mit inhaltlicher Tiefe, unvergesslichen Charakteren sowie einem Animationsstil, der auch heute noch nicht angestaubt wirkt.
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