Zweieinhalb Stunden Zerrbilder
Der in Paris lebende israelische Filmregisseur Nadav Lapid ist ein ausgesprochener Kritiker seines Heimatlandes Israel. Mit Behörden und israelischen Kulturinstitutionen liegt er im Dauerclinch. Seinen Ruf als enfant terrible des israelischen Kinos hat er mit Filmen wie »Synonyms« (2019) und »Ahed’s Knee« (2021) auch international gefestigt, er ist ein ebenso gern wie viel gesehener Gast auf den Filmfestivals dieser Welt. Für »Synonyms« über einen jungen Israeli in Paris erhielt er 2019 den Goldenen Bären der Berlinale, zwei Jahre darauf den Jury-Preis in Cannes.
Prägend für sein Werk ist die Auseinandersetzung mit Identität, Nationalbewusstsein, Gewalt, Körper und Entfremdung. Nervöse, expressive Kamerabewegungen, stark rhythmisierte musikalische Schnittführung, nahtlose Übergänge von Realismus und Imagination, realem Geschehen und Träumen sind sein Markenzeichen.
Die kunstfilmbegeisterte Anhängerschaft schätzt ihn aber nicht allein wegen der erzählerischen Radikalität seiner Filme, sondern nicht zuletzt für seine politischen Provokationen. Davon finden sich einige auch in seinem neuen Film »Yes!«, dessen affirmativer Titel – wenig verwunderlich – keinen programmatischen Schwenk der Ausrichtung des Filmemachers andeuten will, sondern ironisch gemeint ist.
Lapid zeigt Tel Aviv als hedonistische Feiermetropole, moralisch gleichgültig gegenüber dem Leid, das nur ein paar Dutzend Kilometer weiter südlich im Gaza-Streifen herrscht.
»Yes!« versteht sich als beißende Satire auf die israelische Gesellschaft nach dem 7. Oktober 2023 und als delirierende, absurde Polit-Fabel, die Nationalismus in Israel ebenso kritisiert wie Militarismus und gesellschaftliche Verrohung. Lapid stellt sich damit plakativ gegen die israelische Gesellschaft, die unter dem Eindruck der Massaker der Hamas und des israelischen Gegenschlags – zunächst – zusammenrückte. Bezeichnenderweise hatte er mit dem Drehbuch bereits vor dem 7. Oktober begonnen, der Plot wurde nach dem Massaker lediglich aktualisiert.
Im Mittelpunkt steht das Treiben des Jazzmusikers Y. (Ariel Bronz) und seiner Partnerin Yasmin (Efrat Dor), die sich im gesellschaftlichen Furor in der Folge des 7. Oktober ihr Geld auf Performance- und Sexpartys der Tel Aviver Oberschicht verdienen. Unternehmer-, Politik- und Militärelite werden bespaßt, die beiden scheuen keinen Kink und keinen noch so seltsamen Fetisch und nehmen jeden Auftrag an: Eine Villenbesitzerin bringt das Künstlerpaar zum Höhepunkt, indem es ihr die Zungen tief in die Ohren bohrt; in einer anderen Szene sieht man die beiden auf dem Klo einer Jacht Koks von den nackten Ärschen zweier Ultrareicher ziehen.
Als Y. während einer Performance betrunken in den Pool eines Luxusanwesens fällt und von Yasmin wiederbelebt wird, bleibt unklar, ob der Notfall real oder Teil der Performance ist. So oder so – für das menschlich abgestumpfte Publikum muss die Show eben weitergehen. Mit ambitionierten Kreativvorhaben und nobler Kunst allein lässt sich der Lebensunterhalt in der Metropole Tel Aviv nicht bestreiten, zumal Y. und Yasmin auch für ihr gemeinsames Baby sorgen müssen, das – Achtung, Symbolik! – am 8. Oktober 2023 geboren wurde.
Rauchfahnen vom Großschlachtfeld Gaza
Viele Aufnahmen zeigen das junge Paar bei ihren üblichen Verrichtungen wie dem Gang zur Kinderkrippe oder bei Blödeleien im heimischen Wohnzimmer, während sich draußen der normale Tel Aviver Alltag abspielt, der die Kriegsrealität seit dem 7. Oktober immer mehr auszublenden scheint. Lapid zeigt die Stadt als hedonistische Feiermetropole, moralisch gleichgültig gegenüber dem Leid, das nur ein paar Dutzend Kilometer weiter südlich im Gaza-Streifen herrscht, wo das israelische Militär operiert. Der Schrecken des Kriegs erreicht die als apathisch gezeichnete Gesellschaft nur in Form von Push-Nachrichten auf dem Mobiltelefon, die die Zahlen der Getöteten vermelden, oder in Gestalt von Rauchfahnen, die vom Großschlachtfeld Gaza heranwehen.
Y. und Yasmin ringen in verschiedenen psychologischen Stadien mit der gesellschaftlichen Misere, deren Teil sie sind. Während sich Yasmin überlegt, nach Europa auszuwandern, nimmt Y. den Auftrag eines russischen Medienoligarchen mit besten politischen Kontakten in die Regierung an: Y. soll die neue israelische Nationalhymne komponieren, die weniger Hoffnung als vielmehr Stärke, Entschlossenheit und Verachtung für den Feind in Melodie und Text ausdrücken soll.
Y. nimmt den Kompositionsauftrag an, was Yasmin dazu bringt, den Vater ihres gemeinsamen Kindes immer mehr zu verachten, weil er bereit sei, Gewalt zu glorifizieren. Y. wiederum beginnt während einer persönlichen Krise, sich wieder mit seiner alten Liebe Leah (Naama Preis) zu treffen. Diese ist am 7. Oktober verzweifelt. Die barbarischen Gewaltakte der Hamas haben sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Aufs Stichwort kann sie die Namen der Ermordeten und die an ihnen begangenen Verbrechen herunterrattern.
Verzweiflung als nationale Neurose
Die Verzweiflung Leahs erscheint als nationale Neurose, als Versessenheit, auf das eigene Leid zu blicken und jenes der anderen, das der Palästinenser, zu übersehen. Einer plakativen Szenen folgt die nächste: Auf einer Luxusjacht blicken Wohlbetuchte amüsiert in Richtung Libanon, wo die israelische Luftwaffe gerade Beirut bombardiert; von einem »Hill of Love« im Süden des Landes aus gucken sich Zuschauer den Bombenhagel und die Rauchschwaden an, unter denen Gaza versinkt.
Lapids gesellschaftskritische Vignetten sind aus recht grobem Holz geschnitzt. Weder beziehen sie den sich seit dem 7. Oktober immer extremer artikulierenden weltweiten Israel-Hass mit ein noch lassen sie eine andere Perspektive auf die palästinensische Gesellschaft zu als die, in der sie als gesichtslose, schicksalhafte Opfergemeinschaft erscheint.
Über seine 150 Spielminuten besitzt Lapids farcehafte Gesellschaftssatire einige ermüdende Längen, der Film erweist sich so auf enervierende Weise als repetitiv. Im Grunde hat man nach den ersten 15 Minuten alles Notwendige verstanden, die folgende Szenen ergeben eine fortgesetzte filmische Aneinanderreihung radikaler Posen.
Das Subversive geht dem Film ab
Die berechtigte Kritik an der Militarisierung und Brutalisierung von Teilen der israelischen Gesellschaft kippt in stumpfen Zynismus. Etwa wenn die neue Nationalhymne dazu aufruft, die »Hakenkreuzträger« in Gaza auszulöschen. Eine solche Formulierung hatte eine von Lapid im Abspann zitierte rechte Musikgruppe tatsächlich gewählt. Für den Regisseur ein Beweis der moralischen Verkommenheit seines Heimatlandes.
Der deutsche Filmverleih bewirbt den Film als »provokativ« und bezeichnet »Yes!« als »Israels umstrittensten Film des Jahres«. Das Subversive tatsächlich provokanter Kunst, das einen Reflexionsprozess in Gang setzen könnte, geht dem Film vollkommen ab. Stattdessen reiht er zweieinhalb Stunden Zerrbilder aneinander. Eine unversöhnliche Abrechnung mit Israel, ganz so, als wolle der Regisseur in jeder Filmminute mehr Abstand zwischen sich und sein Herkunftsland legen. Das Urteil der internationalen Boykottbewegung dürfte daher einhellig ausfallen – yes.
Yes! (Israel/Frankreich/Deutschland/Zypern 2025). Buch und Regie: Nadav Lapid. Darsteller: Ariel Bronz, Efrat Dor, Naama Preis. Filmstart: 13. November