Jungle+ Artikel 13.11.2025
In ihrem neuen Buch erzählt Güner Yasemin Balci über ihr Leben als Kind türkischstämmiger Eltern in Berlin-Neukölln

Heimatland

Heimatland, das ist für Güner Yasemin Balci »Hermannplatz«, »Hasenheide«, »Ofenwärme«. Die Journalistin und Integrations­beauftrage des Berliner Bezirks Neukölln wuchs dort als Kind ­sogenannter Gastarbeiter aus der Türkei auf. In ihrem neuen Buch »Heimatland« erzählt sie über ihre Kindheit und Jugend in der ­Rollbergsiedlung, einem Neubauviertel – und geht dabei auf den immer stärker werdenden reaktionären Islam im Kiez sowie auf die Träume und Hoffnungen ihrer Eltern ein.

Ein Stück Zucker

Aus dem Radio des Dorfältesten hatte mein Vater als kleiner Junge von einer anderen Welt gehört. Einer Welt, in der Kinder ohne Feldarbeit und Schläge aufwuchsen, zur Schule gehen durften und Buntstifte bekamen. Da wollte er hin.

Als er dreizehn war, lief er fort aus den Bergen Dersims in Ostanatolien. Es sollte noch Jahre dauern, bis er nach Bayern kam.

In meinem Schrank stapeln sich Quality-Street-Blechbüchsen von Aldi und Kaffeedosen von Tchibo, das Zuhause vieler Erinnerungen an vergangene Zeiten. Darin findet sich zwischen vielen Zeitungsausschnitten, einem abgelaufenen Reisepass und dem alten Führerschein meines Vaters, einem grauen Lappen, ein etwas verknittertes Foto, das einen kleinen Mann in dunkelblauem Anzug und weißem Hemd am Flughafen Tegel zeigt. In seinen von Arbeit ­gegerbten Händen ein Strauß roter Rosen. Das Haar ist akkurat gescheitelt, ein kleiner Kamm wird wie immer in seiner rückwärtigen Hosentasche gesteckt haben.

Mein Vater.

Neben ihm, traurig und übernächtigt: ich. Wie ein Nirvana-Groupie im Liebeskummerdelirium.

An diesem Frühlingstag 1994, ich war neunzehn, als ich aus San Antonio, Texas, von einem Schüleraustausch zurückkam, blinzelte die Sonne durch die dreckigen Scheiben des Tegeler Flughafens, und durch die Schlieren sah ich schon aus einiger Entfernung meinen Vater aufgeregt auf und ab laufen. Als er mich endlich kommen sah, drückte er einem vorüberlaufenden Reisenden seinen Fotoapparat in die Hand und bat ihn um eine Aufnahme von uns beiden.

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