Jungle+ Artikel 13.11.2025
Junge Männer in der Ukraine stehen vor der Wahl, ob sie das Land verlassen oder bleiben

»Leben, nicht nur überleben«

Ende August erlaubte die ukrainische Regierung Männern zwischen 18 und 22 Jahren, das Land zu verlassen. Viele Tausend nutzten die Chance, um auszuwandern, andere junge Männer wollen nur temporär weg und bald zurückkehren. Manche melden sich freiwillig zur Armee.

Kiew. Jahrelang hatte Andrij nicht darüber nachgedacht, aus der Ukraine wegzugehen. Er ist jetzt 20 Jahre alt und in den vergangenen drei Jahren arbeitete er als Bolt-Lieferfahrer in Kiew. Nebenbei war er ehrenamtlicher Sanitäter und half als Freiwilliger nach den regelmäßigen Raketen- und Drohnenangriffen auf die Hauptstadt. So verbrachte er seine jungen Jahre. Doch im September beschloss er, das Land zu verlassen, »solange ich noch kann«.

Wie Andrij entschieden sich in den vergangenen Monaten mutmaßlich Zehntausende junger ukrainischer Männer. Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 ist das Kriegsrecht in Kraft, und allen Männern zwischen 18 und 60 Jahren war die Ausreise verboten. Doch Ende August hob die ukrainische Regierung das Verbot für 18- bis 22jährige auf. In den folgenden zwei Monaten verzeichneten die polnischen Grenzbehörden fast 100.000 Grenzübertritte von 18- bis 22jährigen Männern.

Die Entscheidung der Regierung hat in der ukrainischen Gesellschaft für Diskussionen gesorgt. Viele sehen die Maßnahme positiv, weil sie jungen Männern erlaubt zu reisen, im Ausland zu arbeiten und zu studieren oder Kontakt zu ihren in die EU geflohenen Familien zu halten. Kritiker argumentieren dagegen, es sei unfair gegenüber denjenigen, die – teilweise schon seit Jahren und ohne Aussicht auf Entlassung – im Militär dienen, und auch denjenigen gegenüber, die im Land bleiben müssen und somit rekrutiert werden können. Viele befürchten auch, dass diejenigen, die jetzt das Land verlassen, nicht mehr zurückkehren werden, was sich negativ auf die schon jetzt von Arbeitskräftemangel betroffene Wirtschaft und die Demographie des Landes auswirken würde.

Andrij, 20 Jahre, will bei der Apfelernte in Polen ein paar Tausend Euro verdienen und dann weiter nach Deutschland, wo Freunde von ihm Jobs als Lagerarbeiter haben.

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