»Die Misere des Sudan ist auch ein Erbe der Nazis«
Ende Oktober fiel die letzte Bastion der sudanesischen Armee (SAF) in der Region Darfur an die Rapid Support Forces (RSF), die dort Gräueltaten an der Zivilbevölkerung verüben. Was bedeutet die Eroberung der Stadt al-Fashir für den weiteren Verlauf des Krieges?
Was wir dort sehen, sind Menschenrechtsverbrechen genozidalen Ausmaßes. Viele argumentieren, dass die RSF-Milizen bereits seit dem Massaker vor zwei Jahren an 15.000 Menschen in al-Junaynah im Westen Darfurs einen Genozid im Sudan begehen, wobei diese Einschätzung juristisch noch nicht geklärt ist. Neu ist, dass die Kämpfer in al-Fashir überhaupt keinen Hehl aus ihren Kriegsverbrechen machen, sich gegenseitig bei ihren Taten filmen und diese auf Tiktok hochladen.
Mit der Eroberung der Stadt haben die RSF – nach 500 Tagen und unter großen Verlusten – nun faktisch die Zweiteilung des Sudans erreicht. Das war wichtig für die RSF, weil sie nun mit Blick auf ihre Position am Verhandlungstisch sagen können: Wir kontrollieren ganz Darfur.
Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die sogenannte Quad-Erklärung von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und den USA, die im September auf eine diplomatische Lösung des Konflikts drängte und eine Spaltung des Sudans zu verhindern suchte?
Es war eine lauwarme Erklärung, aber gleichzeitig ist es auch eine Leistung, dass sich Vertreter von Staaten, die im Sudan einen Stellvertreterkrieg führen, überhaupt getroffen haben; auf der einen Seite Ägypten und Saudi-Arabien als maßgebliche Verbündete von Abd al-Fattah al-Burhan und seiner Armee und auf der anderen Seite die Vereinigten Arabischen Emirate als Hauptunterstützer der RSF. Was in der Erklärung drinstand, war nicht das Papier wert, auf dem es geschrieben wurde. Man muss wahrscheinlich trotzdem darauf hoffen, dass auf diesem Weg eine Beilegung des Konflikts und eine politische Lösung erzielt werden können. Wie nachhaltig die sein wird, ist eine andere Frage. Klar ist nur: Es ist kein realistisches Szenario, dass eine der beiden Seiten militärisch siegen wird.
»Mit der Zeit ist der Islamismus einfach dem Sinn fürs Business gewichen. Da ist ideologisch nicht mehr viel übrig geblieben und man hat je nach Opportunität die Allianzen gewechselt.«
Wäre ein Sieg der sudanesischen Armee denn erstrebenswert?
Man darf nicht vergessen: Es waren die SAF beziehungsweise das alte islamistische Regime von Omar al-Bashir (1989–2019) und dessen Sicherheitsapparat, die überhaupt erst die RSF ins Leben gerufen haben, um die Bekämpfung der Aufstandsbewegung gegen das Regime auszulagern. SAF und RSF waren Waffenbrüder, die 2021 zusammen gegen die zivile Übergangsregierung geputscht haben. In meinem sudanesischen Freundeskreis sind aber selbst hochverdiente Regime- und Islamismusgegner mittlerweile auf Seiten der Armee – einfach unter dem Eindruck, dass die RSF jetzt besiegt werden müssen. Das ist natürlich hochproblematisch, weil eigentlich die SAF die Wurzel allen Übels sind und die Rebellenmiliz eine Abspaltungen von ihnen ist.
Den SAF werden ja selbst Kriegsverbrechen an Zivilisten zur Last gelegt.
Es gibt viele Sudanesen, die quasi mit Max Weber argumentieren: Die Armee ist eine legitime Institution des Staats. Ein moderner Staat definiert sich über Staatsgebiet, Staatsbevölkerung und eben auch das Gewaltmonopol. Ich würde dem entgegenhalten, dass diese Armee schon lange ihre Legitimation in Gänze eingebüßt hat. Seit der Unabhängigkeit des Sudan 1956 haben diese Streitkräfte nie gegen ausländische Invasoren gekämpft, sondern nur gegen die eigene Bevölkerung. Der britische Historiker Peter Woodward hat es auf den Punkt gebracht: Der Sudan ist kein Staat mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem Staat. Die SAF wie auch die RSF kann man sehr gut mit der Mafia vergleichen.
Inwiefern?
Beide sind im Prinzip Geschäftsimperien geworden. Die SAF haben lange Zeit selbst eine brutale, sogar genozidale Aufstandsbekämpfung betrieben. Als in den nuller Jahren die Petrodollars zu fließen begannen und es einen Friedensschluss mit den südsudanesischen Rebellen gab (das Abkommen im Jahr 2005 beendete 22 Jahre Bürgerkrieg und gestand dem Süden den Status einer autonomen Region zu, 2011 folgte dann die Unabhängigkeit; Anm. d. Red.), profitierte der Norden vom südsudanesischen Erdöl, das dort verarbeitet und exportiert wurde. Gerade in dieser Zeit hat sich die Armee darauf konzentriert, einen großen Teil der sudanesischen Wirtschaft unter ihre Kontrolle zu bringen.
Hinzu kommt: Der Sudan ist trauriger Rekordhalter in Afrika, was die Zahl der Militärputsche in seiner Geschichte angeht. Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien gab es etwa zwei Dutzend erfolgreiche und gescheiterte Putsche. Das führte zu einer Militarisierung des politischen Geschehens. Im Sudan bekommt man nur noch Zugang zu politischer Macht, wenn man bewaffnete Kämpfer hinter sich scharen kann. Historisch haben das die SAF zu verantworten.
Das Regime Bashirs wurde dem globalen Netzwerk der Muslimbruderschaft zugeordnet. Welche Rolle spielt diese Vergangenheit für den derzeitigen Konflikt?
Das Land ist eine Lehrstück für die Frage, was passiert, wenn die Muslimbrüder an die Macht kommen und sie behalten. Sie haben dort über 30 Jahre lang die Herrschaft ausgeübt. Wobei es etwas verkürzt wäre, Bashir als alleinigen Diktator in dieser Periode zu bezeichnen (Bashir selbst entstammt nicht der Muslimbruderschaft, aber die National Congress Party, die seine Herrschaft stützte; Anm. d. Red.). Anfangs hat ihn niemand ernst genommen und de facto war er nicht der Machthaber. Gerade in den ersten zehn Jahren des Regimes war es sein zunächst enger Mitstreiter von den Muslimbrüdern, Hassan al-Turabi, der viel Einfluss hatte und allen möglichen Terroristen Unterschlupf gewährte, so auch Ussama bin Laden Anfang der neunziger Jahre (Turabi gründete 1985 die National Islamic Front, die die Islamisierung des Landes betrieb und aus der die NCP Ende der Neunziger im Machtkampf zwischen Bashir und Turabi als Abspaltung hervorging, Anm. d. Red.). Bis zum Jahr 2000 war im Sudan Hardcore-Islamismus angesagt; im christlich, animistisch geprägten Südsudan wurde der Jihad ausgerufen.
Mit der Zeit ist der Islamismus aber einfach dem Sinn fürs Geschäft gewichen. Da ist ideologisch nicht mehr viel übrig geblieben und man hat je nach Opportunität die Allianzen gewechselt. Die Saudis haben darauf gedrungen, die Beziehungen zum Iran abzubrechen, die in den neunziger Jahren noch sehr stark gewesen waren. Es geht weniger um ideologische Überzeugungen als um Interessenkonflikte.
Bereits zu pharaonischen Zeiten wurden auf dem Gebiet des heutigen Sudan Menschen versklavt. Später übten vor allem muslimische Sklavenjäger das Monopol über die Sklavenjagd aus. Das britische Imperium zwang die ägyptischen Osmanen, die Praxis zu beenden, was den Mahdi-Aufstand zur Folge hatte (1881–1899). Und auch in den späteren Bürgerkriegen nach der Unabhängigkeit 1956 wurden ethnische Gruppen wie die Dinka versklavt, Darfur war ein Zentrum des modernen Sklavenhandels. Wirkt dieses Erbe auch im derzeitigen Konflikt fort?
Im 19. Jahrhundert waren auch europäische Sklavenhändler dort tätig, nicht nur die Osmanen. In der sudanesischen Gesellschaft gibt es noch heutzutage einen tiefsitzenden internen Rassismus. Menschen mit dunklerer Hautfarbe werden von hellhäutigeren Sudanesen als abeed (arabische Wort für Sklave) angesprochen. Ich habe vor kurzem in Doha einen Workshop mit sudanesischen Studierenden geleitet. In der Diskussion erzählte eine Kollegin, wie sich ihre Eltern darüber gestritten haben, warum sie als Kind so dicke Haare hatte. Ihre Mutter meinte, das komme väterlicherseits von der Urururgroßmutter. Da dreht sich viel um die Frage: Wer hat »Sklavenblut« in der Familie?
Im Juni haben Sie im Spiegel einen Gastbeitrag veröffentlicht, in dem Sie die historischen Verbindungen der BRD mit dem Sudan nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchten. Im Rahmen der Hallstein-Doktrin, die die internationale Isolierung der DDR bezwecken sollte, verbündete man sich mit der damaligen Militärregierung von Ibrahim Abboud. Der BND legte 1959 mit der Lieferung von Spezialgeräten die Grundlage für den Überwachungsstaat des Regimes. Bundeswehr sowie BKA- und BND-Beamte mit Nazi-Vergangenheit bildeten ihre sudanesischen Kollegen aus und schützten den ehemaligen KZ-Arzt Horst Schumann, der im Südsudan Unterschlupf gefunden hatte. Die bundeseigene Fritz Werner GmbH eröffnete eine Munitionsfabrik in Khartoum; Heckler & Koch exportierte massenhaft G3-Sturmgewehre in den Sudan, die dort immer noch eingesetzt werden.
Die Misere des Sudans ist nicht nur, aber auch ein Erbe der Nazis. Es lässt sich in den Akten gut rekonstruieren, wie der preußische Militarismus über die Systemwechsel hinweg zentral zur Militarisierung des Sudans beigetragen hat. Auf der deutschen Seite gab es schon im Kaiserreich Bewunderung für die sudanesischen Krieger. Hermann von Wissmann wurde von Bismarck beauftragt, den Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung (1888–1890) in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika niederzuschlagen, aber möglichst nicht mit eigenen Truppen. Auf dem Weg in die Kolonie wurden arbeitslose sudanesische Söldner in Kairo aufgesammelt und dann im Krieg eingesetzt. Diese Askaris genannten Kolonialsoldaten, die auch aus anderen afrikanischen Ländern rekrutiert wurden, wurden zum Inbegriff des loyalen, treuen, furchtlosen Kämpfers im deutschen Kolonialdienst.
In der sudanesischen Generalität wiederum herrschte noch bis in die achtziger Jahre Bewunderung für den »Wüstenfuchs« Rommel vor, obwohl der Sudan im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Briten kämpfte. Die alte Bundesrepublik war während des gesamten sogenannten Kalten Kriegs der größte Unterstützer der SAF. Erst 1994 stellte die Bundeswehr ihre Kooperation mit den sudanesischen Streitkräften ein. Zuvor hatte eine Beratergruppe der Bundeswehr noch unter dem islamistischen Regime ein militärisch-handwerkliches Ausbildungszentrum bei Khartoum mit aufgebaut – zu einer Zeit, als Ussama bin Laden bereits im Sudan war.