Die große Thunfisch-Diplomatie
Der Pazifik ist das weltweit wichtigste Fanggebiet für Thunfisch. Jährlich werden hier Millionen Tonnen der riesigen Fische gefangen, ein Geschäft im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar. Der Großteil des Fischfangs findet in den Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) der kleinen Inselstaaten zwischen Mikronesien, Polynesien und Melanesien statt. Nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) erstreckt sich eine AWZ bis zu 200 Seemeilen (370,4 Kilometer) ab der Küste; innerhalb dieser Zone hat ausschließlich der Küstenstaat das Recht zur Nutzung natürlicher Ressourcen – von der Fischerei bis zum Rohstoffabbau –, während die internationale Schifffahrt grundsätzlich erlaubt bleibt.
Thunfische sind schnelle, wandernde Raubfische und spielen eine zentrale Rolle im marinen Ökosystem. Im Pazifik werden vor allem drei Arten kommerziell gefischt: Echter Bonito (Katsuwonus pelamis), Gelbflossen-Thun (Thunnus albacares) und Großaugen-Thun (Thunnus obesus). Echter Bonito ist mengenmäßig die wichtigste Art. Taxonomisch gehört sie nicht zur Gattung Thunnus und ist somit eigentlich kein Thunfisch, wird aber weltweit intensiv gefischt, vor allem für die Verarbeitung zu Konserven. Die Gelbflosse ist größer und wird besonders für Frischmärkte und Sushi gefragt, während Großaugen wegen ihres hochwertigen Fleischs in Sashimi-Qualität vor allem nach Japan exportiert werden.
Die industrielle Fischerei im Pazifik, vor allem die des Echten Bonito, beruht überwiegend auf Ringwaden, einer Methode mit erheblichem Risiko für Beifang von Jungfischen und gefährdeten Arten. Für die höherwertigen Arten werden Langleinen eingesetzt, die aber ebenfalls ein relativ hohes Beifangrisiko haben. Während Bonito- und Gelbflossen-Bestände derzeit als vergleichsweise stabil gelten, stehen die des Großaugen-Thunfischs im zentralen Westpazifik erheblich unter Überfischungsdruck.
Die industrielle Fischerei im Pazifik beruht überwiegend auf Ringwaden, einer Methode mit erheblichem Risiko für Beifang von Jungfischen und gefährdeten Arten.
Für viele Pazifikstaaten sind Lizenzeinnahmen aus der Fischerei eine wichtige Einnahmequelle, sie sind zum Teil höher als durch Tourismus oder Entwicklungshilfe. Besonders die Parties to the Nauru Agreement (PNA), ein Zusammenschluss von neun pazifischen Staaten, haben ein regional abgestimmtes Lizenzsystem etabliert, das den Inselstaaten eine starke Verhandlungsposition verschafft, das Vessel Day Scheme (VDS).
Zu den PNA gehören die Föderierten Staaten von Mikronesien, Kiribati, die Marshallinseln, Nauru, Palau, Papua-Neuguinea, die Salomonen und Tuvalu sowie das Gebiet Tokelau, das unter neuseeländischer Souveränität steht, aber seine Fischerei- und Ressourcenverwaltung innerhalb der eigenen AWZ selbst übernimmt. Zusammen kontrollieren sie etwa 25 bis 30 Prozent der weltweiten Thunfischfänge.
Gegründet 1982 in Nauru, befindet sich der Verwaltungssitz seit 2010 in Majuro auf den Marshallinseln, der größten Stadt und Hauptstadt des Inselstaats, der durch seine zentrale Lage im westlichen Pazifik logistisch gut geeignet ist. Die Marshallinseln sind stark auf Einnahmen aus Fischereilizenzen angewiesen und profitieren direkt von der Arbeit des PNA-Büros. Der Zusammenschluss stärkt die Verhandlungsposition der Inselstaaten gegenüber ausländischen Flotten.
Mehr als die Hälfte der staatlichen Einnahmen
Bekannt geworden sind die PNA vor allem durch das VDS. Anstatt Fangmengen für Thunfisch in Tonnen zu begrenzen, reguliert das VDS die Zahl der Fangtage in den AWZ der Mitgliedstaaten. Jeder von ihnen erhält ein festes Kontingent an Fangtagen, das er an die Flotten anderer Nationen wie Japan, Taiwan, China, Südkorea, die USA oder die EU verkaufen kann. Die Preise pro Fangtag liegen typischerweise bei über 12.000 US-Dollar, können aber je nach Flotte und Verhandlungslage variieren.
Auf diese Weise sichern sich Länder wie Kiribati, Tuvalu oder Nauru erhebliche Einnahmen. In einigen Fällen machen Fanglizenz- und Zugangsgebühren mehr als die Hälfte der staatlichen Einnahmen der kleinen Pazifikstaaten aus, bei Kiribati waren es dem Internationalen Währungsfonds zufolge 2020 sogar rund 70 Prozent. Gleichzeitig trägt das System über die Begrenzung der Fangtage zum Bestandsschutz für die Fische bei, auch dadurch, dass die Kontrolle über die Fischerei gestärkt wird.
Thunfisch ist im Pazifik längst nicht nur ein Handelsgut, sondern auch ein Gegenstand diplomatischer Strategie. Der Zugang zu Fanggründen wird nicht immer ausschließlich gegen Geld gewährt, sondern häufig verknüpft mit Infrastrukturprojekten, zum Beispiel dem Bau von Häfen, Schulen oder Regierungsgebäuden.
China kauft vermehrt Fischereilizenzen
Kiribati hat 2019 die diplomatischen Beziehungen zu China wiederaufgenommen und erhielt seither vor allem neue Infrastrukturzusagen sowie Finanzierungshilfe für öffentliche Gebäude und Verkehrsanlagen. Gleichzeitig kauft China vermehrt Fischereilizenzen des Landes. Ähnliche Muster zeigen sich auch in Papua-Neuguinea, wo Japan seit Jahrzehnten in den Fischereisektor investiert, unter anderem durch den Ausbau von Hafenanlagen, Straßen, Kühlketten und durch Ausbildungsprogramme. Diese Kooperationen gehen häufig eng mit Lizenzabkommen für japanische Fangflotten einher, die in Papua-Neuguineas AWZ operieren.
Auch Taiwan nutzt die Fischerei gezielt als außenpolitisches Instrument: Tuvalu, einer der wenigen Staaten, die Taiwan noch diplomatisch anerkennen, erhält Entwicklungshilfe, medizinische Ausstattung und Unterstützung beim Bau öffentlicher Einrichtungen, während taiwanesische Fangflotten in tuvaluischen Gewässern bevorzugt fischen dürfen. Auf diese Weise werden Fischgründe zu strategischen Hebeln, mit denen Inselstaaten und Großmächte gleichermaßen ihre Interessen verfolgen.
Der Klimawandel verändert die Verteilung der Fischbestände: Steigende Meerestemperaturen und veränderte Ozeanströmungen werden voraussichtlich die Routen der Thunfischschwärme aus den westlichen AWZ in östlichere und internationale Gewässer verschieben. Modelle der Pacific Community, einer der ältesten und führenden wissenschaftlich-technischen Organisationen im Pazifik, zeigen, dass insbesondere der Echte Bonito vermehrt in östlichere Gewässer vordringen könnte, während für westliche Staaten wie Papua-Neuguinea oder Mikronesien ein Rückgang der Fangerträge prognostiziert wird. Staaten wie Kiribati oder Tuvalu könnten kurzfristig profitieren, doch die Aussichten auf längere Frist sind unklar.
Nachhaltigkeitsziele bedroht
Für Staaten, deren Haushalte stark von Lizenzgebühren abhängen, würde eine dauerhafte Verlagerung der Thunfische deutliche Verluste bedeuten und entsprechend Einschnitte bei Bildung, Gesundheit und Infrastruktur nach sich ziehen. Zugleich stellen sich rechtliche Fragen: Wem gehört der Fisch in internationalen Gewässern und wie lässt sich der Fischfang künftig regulieren?
Auch Regionalorganisationen wie die Western and Central Pacific Fisheries Commission stehen unter Druck, ihre Managementmodelle an die sich verändernden Wanderbewegungen der Bestände anzupassen. Zugleich warnen Experten, dass eine Ausdehnung der Fischerei auf hoher See ohne klare Zuständigkeiten Nachhaltigkeitsziele unterlaufen könnte – ein Problem, das künftig auch die Vereinten Nationen stärker beschäftigen dürfte.
Die Fischerei im Pazifik ist weit mehr als ein Wirtschaftszweig: Sie ist ein Instrument politischer Selbstbestimmung.
Zusätzlich bedroht illegale Fischerei die Wirtschaft der Inselstaaten. So weist die zwischenstaatliche Fischereibehörde Pacific Islands Forum Fisheries Agency mit Sitz in Honiara auf den Salomonen darauf hin, dass von 2017 bis 2019 über 192.000 Tonnen Thunfisch ungemeldet oder unreguliert gefangen wurden. Moderne Überwachungstechnologien wie Satellitenbilder und Funkradar helfen dabei, Schiffe mit ausgeschaltetem Transponder aufzuspüren, die außerhalb genehmigter Fanggebiete operieren.
Die Fischerei im Pazifik ist weit mehr als ein Wirtschaftszweig: Sie ist ein Instrument politischer Selbstbestimmung. Im PNA-Verbund und in anderen Foren nutzen die Inselstaaten ihre Ressourcen strategisch, um gegenüber größeren Mächten eine bessere Verhandlungsposition zu erlangen. Wer die Fischereirechte kontrolliert, hat maßgeblichen Einfluss auf die Ozeane und damit auf die politische Zukunft des Pazifiks.