Im Bewusstsein der Krankheit
Der Selbsthass wirft Fragen auf: wie man mit ihm lebt, wie man sich ihm stellt und ob man trotz ihm fähig ist zu lieben – Fragen, mit denen sich der italienische Schriftsteller Pier Vittorio Tondelli in seinem 1989 auf Italienisch erschienenen Roman »Getrennte Räume« auseinandersetzt. Schon sein Debüt, die Kurzgeschichtensammlung »Andere Freiheiten«, machte Tondelli 1980 zum gefeierten Autor.
Kaum veröffentlicht, wurde das Buch beschlagnahmt; die nächste Auflage erschien in zensierter Form, bereinigt um einige Obszönitäten. In seinem Erstlingswerk thematisiert Tondelli Homosexualität explizit. Darüber hinaus wimmelte es vor Schimpfwörtern, echten wie ausgedachten, und um die Regeln der Grammatik und Orthographie scherte sich Tondelli wenig.
Syntax, Rhythmus und Klang orientieren sich an der gesprochenen Sprache: ein literarisches Mittel, um Jugendliche aus Bologna Ende der siebziger Jahre möglichst getreu zu porträtieren. Es sind Obdachlose, Süchtige und Prostituierte, die ausgegrenzt werden, aber auch Studierende, die mittels Protest die Gesellschaft verändern wollen, die in dem Buch auftreten.
Tief sitzt der Katholizismus Leo in den Knochen. Er trennt ihn von einer erfüllten Sexualität. Dass der Katholizismus »leugnet, dass es mich überhaupt gibt«, weiß Leo sehr wohl.
Tondelli starb 1991 im Alter von nur 36 Jahren an Aids. »Getrennte Räume« ist sein letzter Roman, der nun das erste Mal seit 1993 auf Deutsch in einer Neuauflage erschienen ist. Er schrieb ihn im Bewusstsein seiner Krankheit. Aids ist präsent und wird doch nicht benannt in diesem mehrfach codierten Buch. Es ist Trauer- und Bildungsroman zugleich, mit intertextuellen Verweisen auf Jack Kerouacs Roman »Unterwegs«, Ingeborg Bachmanns Erzählung »Das dreißigste Jahr« und Rainer Maria Rilkes »Duineser Elegien«.
Trotz gehobenen Stils, linearer Syntax und personaler Erzählstruktur ist »Getrennte Räume« ein aufwühlender Text. Tondellis stilistisch gekonnter Einsatz von erlebter Rede und Bewusstseinsstrom vermittelt stellenweise den Eindruck, ein Werk aus der Ich-Perspektive zu lesen.
Das Buch entfaltet die Lebenskrise der Hauptfigur Leo. Tot ist nicht nur sein Partner Thomas, sondern auch Leos Phantasie. Sie allein ermöglichte ihm den Eintritt »in die Wirklichkeit des Erwachsenseins, in die Arbeit und den Eros«.
Arbeit und Eros, jahrelange Selbstreflexion
Dass in Leos Leben der Komplex Arbeit und Eros immer schon problematisch war, wird ihm erst nach jahrelanger Selbstreflexion klar, ausgelöst durch den plötzlichen Verlust seines Freundes. Auf ziellosen Reisen quer durch Europa, die Vereinigten Staaten und Kanada erinnert sich der trauernde Leo sprunghaft und nicht chronologisch an seine Kindheit und Jugend und reflektiert seine dreijährige Beziehung zu Thomas.
Die ersten 40 Seiten des Romans blicken mit Leo zurück auf Beginn und Ende seiner Liebesbeziehung – wohlgemerkt im Präsens. Später dann setzt Leos Reflexionsprozess ein und er versucht, die Gegenwart mit Rekurs auf die Vergangenheit zu analysieren, und durchläuft dabei mehrere Phasen. Die Abschottung: Leo verlässt eine Zeitlang nur nachts seine Wohnung, bestellt telefonisch Essen. Die Flucht: Leo in Bewegung, im Flugzeug, im Zug, auf dem Schiff. Das Zölibat: Leo verweigert sich jeder Form körperlicher Intimität.
Im Rahmen der Trauer mögen diese drei Extreme nachvollziehbar sein. Nur bilden sie in Leos Fall in milderer Form das Grundrauschen seines Daseins. Mit Anfang 30 lebt er mit der fatalen Überzeugung: »So weit er auch in der Welt umherreist, wird doch sein ganzes Leben in diesem Korridor gefangen sein, der sich von seinem Geburtshaus zum Kirchhof erstreckt. Ein paar Kilometer, die er durchlaufen wird wie Stationen eines Kreuzwegs, eines Weges von Fleischwerdung und Leid.« Auf den ersten Blick scheint Leo jenem »Korridor« seines norditalienischen Heimatstädtchens entflohen zu sein: Studiert hat er, ist nach Mailand gezogen, als Autor erfolgreich, liebt Männer. Doch Leo lebt all das nur halb aus.
Das Leben als Liturgie feiern
Tief sitzt der Katholizismus Leo in den Knochen. Er trennt ihn von einer erfüllten Sexualität. Dass der Katholizismus »leugnet, dass es mich überhaupt gibt«, weiß Leo sehr wohl. Mit kämpferischem Unterton kanzelt er ihn ab: »Eine geschlechtslose Religion für Menschen, die sich vor den Leidenschaften und der Macht der Liebe fürchten. Eine bequeme, bürgerliche, meist heuchlerische Religion.«
Allerdings entsagt Leo nicht dem Katholizismus, sondern legt ihn individuell aus. Das Gebet sei für ihn »eine Haltung des Zuhörens gegenüber den Menschen und Dingen, ein Schauen und Betrachten, das mit seiner eigenen Seinsweise verbunden ist«. Das Leben selbst feiert Leo als Liturgie und das Heilige nimmt er wahr, »als wäre es in der Wirklichkeit greifbar«. Letztlich gehe es ihm um mehr »Sinnlichkeit« in der Gottsuche. Nur ist diese eben ausgesprochen lustfeindlich.
Leos idiosynkratisch gefärbter Glaube ist Teil einer früh verinnerlichten Anpassungsstrategie. Sie trennt sein homosexuelles Begehren vom Körper und zwingt es ins Private. Bereits in Leos erstem Aufeinandertreffen mit Thomas zeigt sich das: Wortlos begegnen sie sich auf einer Party. Der erste Kuss, auf einem Konzert umhüllt von Nebel, »der sie für einige Sekunden den Blick aller entzieht«. Der erste gemeinsame Sex, ein »Hindernis« für Leo, das er »überwinden muss«.
Die Verliebten liegen auf dem Boden und Leo hebt seinen Freund hoch, trägt ihn zum Bett: »Nur gut zehn Schritte, die ihm jedoch wie eine unendlich lange Wanderung vorkommen, die einer Mutter mit ihrem Kind in den Armen.«
Selbstverleugnung mittels verstiegenem Ästhetizismus
Leidvoll wirkt das. Man denkt an Michelangelos Skulptur »Pieta« – aber an Sex? Tatsächlich will Leo, »dass alles heil« bleibt. Daher transferiert er Körper und Begehren auf eine Stufe der Unantastbarkeit. »Keusch« und »jungfräulich« sein Blick auf den nackten Körper, den er berührt mit »den Fingerspitzen, genauso wie er während mancher Sonnenuntergänge das Gebirge mit dem Blick streicheln konnte«.
Selbstverleugnung mittels verstiegenem Ästhetizismus, so hält man sich den Körper vom Leib. Je intensiver die Beziehung zu Thomas, umso mehr fordert Leo Distanz. Sobald das Paar in der Öffentlichkeit als solches erkannt zu werden droht, zieht Leo zwischen sich und Thomas eine Linie. »Er hatte Jahre gebraucht, um sich etwas aufzubauen, das einem normalen Leben sehr ähnlich war, hatte gelitten, erduldet, ertragen.«
Leo hasst sich doppelt. Nämlich dafür, anders zu sein – und dafür, sich anzupassen. Etwa als er sich auf der Karfreitagsprozession dem Heroismus seiner männlichen Altersgenossen fügt. Zu dritt schleppen sie unter großen Schmerzen die Madonnenfigur die gesamte Strecke, nur weil einer der Träger die geplante Ablösung ablehnt. Nach durchgestandenem Martyrium fühlt Leo sich »im Innersten verletzt, weil er zwangsweise etwas gegen seine Natur hatte ertragen und den anderen die dümmste und unbedeutendste Sache der Welt hatte beweisen müssen, dass er nämlich sei wie sie«.
Kunst in der Wirklichkeit verankert
Zu verschwinden ist ein weiterer Teil von Leos Anpassung. Von anderen Kindern wegen Unmännlichkeit gemobbt, verlegt sich der junge Leo früh darauf, »im Verborgenen« zu leben, »aus einer Nebenrolle heraus«. Vom Schreibtisch seines Zimmers sind ihm die Lichter der Stadt »wie unzählige Party-Einladungen. Dort spielte sich das wahre Leben ab, und er konnte in seinem Jugendelend hier im achten Stock nur von ihm träumen und es beschreiben.«
Selbst die Studienzeit verbringt Leo wie ein »Phantom«: Er redet nie, stellt keine Fragen, fällt niemandem auf. Auf Abstand zur Welt, »wie ein pochendes, abgesondertes Herz, fand er zur Beobachtung und zum Schreiben und fand vielleicht einen Grund zum Wachsen, ohne sofort zerstört zu werden«.
Bestätigen will man Leo in seiner späten Reue, sich als Student nicht in »Gefühlsdingen und politischen Gruppen ausgelebt« zu haben. Was für verschenkte Erfahrungen! In der Kneipe, im Kollektiv oder auf der Demonstration fühlt man sich in seinem Anderssein weniger allein, entwickelt womöglich ein gesellschaftskritisches Bewusstsein, anstatt seine Homosexualität nicht in religiösen Mystizismus zu verpacken.
Vielleicht wäre Leo auch schneller aufgegangen, dass Kunst in der Wirklichkeit verankert ist. Zu ihr beim Schreiben auf maximalen Abstand zu gehen, ist ein Irrweg, mit dem Leo spätestens seit der Pubertät seine Anpassung legitimiert hat.
Um Geschichten mit eigener Stimme erzählen zu können, muss Leo auf Tuchfühlung zur Welt gehen, wozu ihn seine Trauer zwingt. Schritt für Schritt überwindet er seine internalisierte Homophobie.
Folgerichtig belässt Tondelli Leos Schaffen als Autor im Vagen. Nichts erfährt man über seine Bücher. Einzig die käuflich erworbenen Dinge in Leos Wohnung geben Hinweise auf sein Wirken: »Der John-Fante-Fernseher, die Jack-Kerouac-Waschmaschine, die Peter-Handke-Sessel, die Patricia-Highsmith-Pflanzen«.
Der schöpferische Prozess, zur Ware komprimiert, markiert Leos schwieriges Verhältnis zum Schreiben. Vermutlich arbeitet Leo hauptsächlich als Übersetzer und tritt damit hinter die Stimmen anderer zurück. Um Geschichten mit eigener Stimme erzählen zu können, muss Leo auf Tuchfühlung zur Welt gehen, wozu ihn seine Trauer zwingt. Schritt für Schritt überwindet er seine internalisierte Homophobie. Nicht zuletzt veranschaulicht der Roman die ganze Tragik, sich zu etwas zugehörig zu fühlen – Familie, Kirche, Kleinstadt –, das einen gleichzeitig ausschließt.
Pier Vittorio Tondelli: Getrennte Räume. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Gutkind-Verlag, Berlin 2025, 240 Seiten, 25 Euro
