Algerierin ohne Stimme
Auf den ersten Blick lässt sich Kamel Daouds »Huris« als historischer Roman über den algerischen Bürgerkrieg lesen, der von 1992 bis 2002 wütete und schätzungsweise bis zu 200.000 Tote forderte. Doch Daouds Sprache ist von einer solchen Schönheit, dass man schnell merkt: Hier geht es um mehr, als an den in Algerien unter einem Bann stehenden Krieg zu erinnern. Die Art, über ihn zu berichten, wird durch und durch von der Poesie bestimmt. Auf die Verleugnung der Geschichte antwortet Daoud mit sinnlicher Aufklärung.
Daoud, der lange in Oran als Autor, Kolumnist und (Kriegs-)Berichterstatter lebte und dafür mit Haftbefehlen und Klagen belegt wurde (übrigens auch wegen »Huris«), lebt seit 2023 im Pariser Exil. Hierzulande ist er für sein vielgelobtes »Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung« (2017) und journalistische Beiträge unter anderem über die Kölner Silvesternacht 2015 bekannt.
In seinem neuen Roman entwirft er ein dunkles Bild Algeriens – er wirkt auch motiviert von Daouds Widerspruchsgeist, den er beispielsweise kürzlich im Gespräch an der Pariser Hochschule Sciences Po wie folgt unter Beweis stellte: »Ich bin hier, weil ich die Eitelkeit habe, eine Mission zu verfolgen, nämlich laut nachzudenken, laut zu denken. Ich glaube, wenn man nicht das Wort ergreift, gibt man es oft ab. In der Regel an die Radikalsten.«
Daoud rückt auf raffinierte Weise über die Figurenanlage und die Strukturierung des Textes in Monologen das Sprechen beziehungsweise das Schweigen ins Zentrum.
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