04.12.2025
Zum 30. Todestag der britischen Adorno-Kennerin Gillian Rose

Denken als Passion

Vor 30 Jahren starb die britische Philosophin Gillian Rose. Während sie in Großbritannien auch in Nachbar­disziplinen wie der Soziologie rezipiert wird, ist sie in Deutschland nicht nur fast unübersetzt, sondern trotz ihrer Arbeiten zur Kritischen Theorie und der Shoah nahezu unbekannt geblieben.

Für alle, die mit der Entwicklung des kritischen Denkens seit Hegel, Marx und Adorno befasst sind oder sich der Frage nach dem Platz der Religion im politischen Denken widmen, bleibt das Œuvre der britischen Philosophin Gillian Rose auch 30 Jahre nach ihrem Tod anregend, wie es für jene relevant ist, die sich mit den kulturbetrieblichen Verarbeitungen der Shoah oder mit den geistigen Wurzeln postmoderner Beliebigkeit auseinandersetzen müssen.

Rose wurde 1947 als Tochter jüdischer Eltern polnischer Herkunft in London geboren; ihre Schwester Jacqueline, die später eine bekannte Literaturwissenschaftlerin werden sollte, kam zwei Jahre später zur Welt. Als Jugendliche litt sie an Dyslexie, fand paradoxerweise Trost in antikem Denken, studierte bald darauf Philosophie in Oxford, New York City sowie in West-Berlin und begann in den siebziger Jahren, sich mit der Kritischen Theorie zu beschäftigen – als Einzige in Großbritannien, wie sie rückblickend erklärte: »Ich war ganz und gar isoliert.«

Aus Gillian Rose spricht eine unmissverständliche, gleichwohl höflich vorgetragene Abneigung gegen die Ineinssetzung von »Erfahrung« mit politischer Programmatik.

1978 erschien die auf ihrer Dissertation beruhende Studie »The Melancholy Science«, die trotz des Untertitels – »An Introduction to the Work of Theodor W. Adorno« – keineswegs eine »Einführung« sein wollte, sondern in Anlehnung an »Die fröhliche Wissenschaft« von Friedrich Nietzsche substantielle Neuerungen Adornos eruierte und im englischsprachigen Raum herrschende Missverständnisse korrigierte. An der University of Sussex hielt sie Vorlesungen zur Geschichte der Kritischen Theorie, die 2024 unter dem Titel »Marxist Modernism« veröffentlicht worden sind.

Es folgten 1981 ihre zweite Monographie »Hegel contra Sociology«, die Hegels Relevanz für die Sozialwissenschaften herausstellte und heute als ihre beste Arbeit gilt und drei Jahre später »Dialectic of Nihilism«. Der ostentativ auf die »Dialektik der Aufklärung« von Horkheimer und Adorno anspielende Titel zeigte bereits den Konfrontationskurs an, mit dem Rose jenen »Nihilismus« anging, den sie als zentral für das jeweilige Werk der Poststrukturalisten Gilles Deleuze, Jacques Derrida und Michel Foucault auswies, die seinerzeit bereits erhebliche Popularität genossen.

1989 wechselten die Philosophin mit ihren zehn Promovierenden an die University of Warwick, wo sie bis zu ihrem Tod einen Lehrstuhl für soziales und politisches Denken innehaben sollte, der eigens für sie geschaffen worden war. Drei Jahre später legte sie mit »The Broken Middle« ein weiteres wichtiges Werk vor, in dem sie zahlreiche Themen zusammenführte, um die zerstörte Mitte des politischen Gemeinwesens wie des Denkens zu bestimmen.

Scharfe Kritikerin kommerzieller Erinnerungskultur

Als 1993 ihre Aufsatzsammlung »Judaism and Modernity« erschien, war Rose bereits zu einer scharfen Kritikerin kommerzieller Erinnerungskultur geworden, was die Darstellung der Vernichtung der europäischen Juden anbelangte. Unter anderem am Spielfilm »Schindlers Liste« exemplifiziert, bezeichnete sie diese Tendenz als »Holocaust Piety«: als falsche Frömmigkeit des Grauens, welche das Unbegreifliche emotionalisiere und dadurch das Verstehen dessen, was geschehen war, verhindere.

Derweil war bei Rose, die stets einem gesunden Lebensstil angehangen hatte, fortgeschrittener Tumorbefall der Eierstöcke diagnostiziert worden. Sie nahm den Schock zum Anlass, um nicht nur über ihre Erkrankung, sondern auch über sich selbst nachzudenken, und verfasste »Love’s Work«, einen autobiographischen Abriss, den sie ausdrücklich als »Abrechnung« mit dem Leben verstanden wissen wollte, während sie tatsächlich einen philosophischen Eros Kierkegaard’scher Schule entwarf. 1995 erschienen, wurde der Band aufgrund seiner poetischen Kraft, die als Einladung zum Mitdenken konzipiert war, zu einem außerakademischen Erfolg und so zur meistgelesenen Veröffentlichung der Denkerin.

Ihr körperlicher Zustand hatte sich inzwischen dramatisch verschlechtert. An ihrem Sterbebett konvertierte Rose buchstäblich im letzten Moment zum anglikanischen Christentum und erlag am 9. Dezember 1995 im Alter von 48 Jahren ihrem Krebsleiden.

»Dieser Tod ist bedeutungslos. Ich könnte vor meiner Zeit sterben«

Posthum erschien »Mourning Becomes the Law«, das als abstrakte Ergänzung zu »Love’s Work« den Folgen dreier für die philosophische Reflexion epochaler Zäsuren des 20. Jahrhunderts nachging: der Shoah, Martin Heideggers »Nazismus« und dem Ende des Kommunismus. Die Abhandlung wurde mit der Feststellung eingeleitet, dass es seltsam sei, in einer Ära zu leben, in der »die Philosophie so viele Wege gefunden hat, sich selbst zu beschädigen, wenn nicht gar zu zerstören«, und endete mit der bedrückenden Formulierung: »Dieser Tod ist bedeutungslos. Ich könnte vor meiner Zeit sterben.«

Als weitere posthume Veröffentlichung folgte 1999 »Paradiso«, eine knappe Nachreichung zu »Love’s Work«, in die autobiographisch grundierte und zu Maximen gewendete Bemerkungen wie »Wenn Du keinen Schmerz spürst, wirst Du auch sonst nichts empfinden« eingestreut sind, während Rose versuchte, das Denken als Passion zu definieren. Wer Philosophin beziehungsweise Philosoph werden wolle, benötige erstens ein entsprechendes Verlangen in Gestalt unerschöpflicher Neugier auf alles; zweitens die Fähigkeit, aufmerksam zu bleiben und sich von vielem, dem man begegne, zwar mitreißen zu lassen, ohne sich dieses jedoch zu eigen zu machen; drittens das Akzeptieren des Umstands, dass es auf manche Fragen keine Antworten geben könne, sondern einzig Präzisierungen dessen, was jene Fragen aussagten.

Postmodernes Denken habe all dies zugrunde gerichtet, weil es Verlangen als »Mangel« definiere, Aufmerksamkeit mit »Dekonstruktion« verwechsle, Akzeptanz als »Trauer« missverstehe und so das Zusammenspiel dieser drei Komponenten unrettbar etwas Schlechterem geopfert habe. Auf diese Weise würde der Verstand nicht geweitet, sondern unweigerlich eingehegt, während er von den entsprechenden Ideologen ohnehin als Herrschaftsmittel verleumdet werde. Roses sokratisches Anliegen bestehe hingegen darin, mit Hilfe der Philosophie die Analogien zwischen der menschlichen Seele, dem städtischem Leben und dem Heiligen zu ergründen.

Die Lektüre des Gesamtwerks lohnt sich mittlerweile auch deshalb, weil sich die Objekte der dort formulierten Kritik seither in erheblichem Ausmaß vervielfältigt haben.

So erstaunt es nicht, dass sie auch 30 Jahre nach ihrem Tod gerade im deutschsprachigen Raum eine noch immer zu würdigende, vor allem aber zu verstehende Denkerin ist. Die immense Chance zeitnaher Übersetzungen verpasste insbesondere der Suhrkamp-Verlag, der aufgrund seines Programms, zu dem immerhin das Gesamtwerk Hegels und Adornos zählt, die hiesige Adresse der Wahl gewesen wäre.

Dass das nicht erfolgte, erklärt sich wohl auch dadurch, dass dort seit den neunziger Jahren Roses postmoderne Antipoden seriell veröffentlicht werden. Dass es überhaupt je einen Band der Philosophin auf Deutsch zu lesen gab, ist Antje Kunstmann anzurechnen, die »Love’s Work« 1996 unter dem Titel »Die Arbeit der Liebe« publizierte.

Die Lektüre des Gesamtwerks lohnt sich mittlerweile auch deshalb, weil sich die Objekte der dort formulierten Kritik seither in erheblichem Ausmaß vervielfältigt haben. In einem Interview mit dem irischen Radio-Sender RTÉ, das kurz vor ihrem Tod geführt wurde, nannte Rose das, was heute auch im kulturellen Sinne als Identitätspolitik bekannt ist – das Vorwegschicken von Identitätsmerkmalen als vermeintliche »Positionierung« des eigenen Gedankenguts wie auch der eigenen Person – unverblümt »faschistisch«. Solche »Fixative« verstellten das, was genuines Schreiben bewerkstellige: sich dem Unbekanntem zu öffnen und damit der Möglichkeit, gesellschaftlich Neues überhaupt erst entstehen zu lassen. Frauen hielt sie bei derselben Gelegenheit vor, ihre eigenen, realen Fähigkeiten oftmals zu verkennen; aus den Ausführungen der Philosophin spricht eine unmissverständliche, gleichwohl höflich vorgetragene Abneigung gegen die Ineinssetzung von »Erfahrung« mit politischer Programmatik.

Impertinente Versuche, Rose einer antizionistischen Agenda einzuverleiben

Umgekehrt zeugen die jüngsten und impertinenten Versuche, Roses Überlegungen zur »Holocaust Piety« der antizionistischen Agenda einzuverleiben, wie es beispielsweise Robert Lucas Scott – Mitherausgeber von »Modernist Marxism« – im einschlägig bekannten Jacobin Magazine versuchte, von der Unvereinnahmbarkeit einer Philosophin, an der nun hilfloser Raubbau seitens jener versucht wird, die sich als ihre Erben wähnen. Weder begreifen sie, dass Roses frühe Warnung davor, dass das Shoah-Gedenken zur raison d‘état werde, etwas anderes meinte als das, wofür die stramm sozialistische Lektüre jenen Einwand heute hält, noch verstehen sie, dass die vermeintlichen »Critical Theories« der Gegenwart nicht auf der Kritischen Theorie aufbauen, sondern diese allenfalls beleidigen.

»Weil wir nicht wissen, wer wir sind, müssen wir erneut den Mut aufbringen, uns dem Ungewissen zu stellen, um sowohl unser unerschöpfliches Vermögen zur Selbsterschaffung und die Resonanz wiederzuentdecken, die wir unseren Weggefährten bieten, die sich ebenfalls selbst hervorbringen«, heißt es in »Paradiso«. Hinter der ein wenig pastoralen Diktion warten noch immer anregende, sowohl das Abstrakte wie das Sinnliche wertschätzende Überlegungen. So bleibt Gillian Rose, die herausfordernde britische Philosophin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch eine Denkerin der Zukunft, welche heute in Sonderheit für das Ungewisse steht.