Der analoge Mann
Franky Fuzz hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte, auf einem Beatles-Abend »drei, vier Singles« aufzulegen. Frankys Lieblingsalbum der Beatles, »Rubber Soul«, wurde vor 60 Jahren, am 3. Dezember 1965 veröffentlicht. Wie passend, das Album ist kaum älter als ich. Ich werde in fünf Monaten auch 60. Ich sagte gleich zu. Um den Geburtstag gebührend zu feiern, veranstalteten Franky und Joe Armstrong in der Neuköllner Kneipe »Posh Teckel« am vergangenen Samstag einen Beatles-Abend. Er und seine drei Mitstreiter sangen mehrstimmig und stilsicher jeden der 14 Songs des Albums. Frank moderierte den Abend, inklusive eines Beatles-Quiz, bei dem es Original-Singles aus seiner Sammlung zu gewinnen gab.
Eigentlich war ich auf der Veranstaltung, umgeben von Hardcore-Beatles-Anhängern, fehl am Platz, denn ich bin selbst kein besonders großer Beatles-Fan. Klar, als Hamburger war ich immer schon mehr Beatles- als Stones-Fan, weil die Beatles mit Hamburg karrieretechnisch viel verbindet. Ihre Aufnahmen aus dem »Star-Club« habe ich schon gehört, als ich noch auf die Grundschule ging, und meine Eltern sind in den späten sechziger Jahren gemeinsam dorthin gegangen.
Es wurde ein herrlicher Mitsingabend. Überhaupt: mit anderen zusammen singen! Machen wir alle zu wenig. Mitsingen macht glücklich und ist etwas sehr Verbindendes.
Daraus ergibt sich eine gewisse gefühlte Nähe zur Geschichte der Beatles. Aber ich habe mich eben schon immer mehr für randständige Musik interessiert, während die Beatles nun mal im Zentrum der Pop-Geschichte stehen. Trotzdem konnte ich alle Lieder mitsingen, vielleicht nicht jede einzelne Textzeile, aber sicher jeden Refrain, denn ich habe sie unzählige Male gehört, das ganze Programm, von »Drive My Car«, »Norwegian Wood«, »You Won’t See Me«, »Nowhere Man«, »Think for Yourself«, »The Word«, »Michelle«, »What Goes On«, »Girl«, »I’m Looking Through You«, »In My Life«, »Wait«, »If I Needed Someone« bis »Run for Your Life«. Es wurde ein herrlicher Mitsingabend. Überhaupt: mit anderen zusammen singen! Machen wir alle zu wenig. Mitsingen macht glücklich und ist etwas sehr Verbindendes.
Nach dem Konzert habe ich Singles aufgelegt. Betrunken. Im Dunkeln. Mit nur einem Dual-Plattenspieler, dessen Plattenarm mit einer 50-Cent-Münze beschwert werden musste, die bei jedem Plattenwechsel herunterfiel. Die Technik und die Bedingungen, alles wie vor 60 Jahren. Und ich durfte nur Beatles-Singles spielen, denn natürlich wurde weiter fröhlich mitgesungen. Zu diesem schönen, klaren, unmittelbaren, originalen Mono-Sound der Mono-Singles, abgespielt auf einem Mono-Plattenspieler. So haben John, Paul, George und Ringo den Endmix ihres Albums im November 1965 gehört. Und einen Monat später auch Millionen Fans das fertige Album, denn Stereo war für die meisten Hörer damals noch ein unerschwinglicher Luxus. Danke für den herrlichen Abend. Danke, Beatles, dass ihr vor 60 Jahren »Rubber Soul« aufgenommen habt.