18.12.2025
Der Braunton Mocha Mousse war die Farbe des Jahres 2025

Die Farben des Aufstiegstraums

Der Braunton Mocha Mousse lag in der Modewelt im Jahr 2025 im Trend. Einst die Farbe der arbeitenden Bevölkerung, ist das Praktische und Zurückhaltende inzwischen zum Code des sogenannten Old-Money-­Stils geworden. So kaschieren die Reichen ihren Luxus und die Armen träumen in Brauntönen vom sozialen Aufstieg.

Vor einigen Jahrhunderten kleideten sich königliche Staatsoberhäupter für gewöhnlich in repräsentativen prunkvollen Gewändern, die durch leuchtende Farben und schwere Stoffe auffielen, meist bestückt mit seltenen Fellen und Samt in Purpur. Nicht nur in Europa dienten Gold, Silber und Edelsteine dazu, Ansehen und Reichtum zur Schau zu stellen – das Auftreten in auffälliger Kleidung und glitzerndem Schmuck galt in vielen Teilen der Welt als Machtdemonstration.

Der Kontrast zur heutigen Zeit könnte kaum krasser sein, denn wer Zugang zu obszönem Luxus hat und somit auch zu jener Macht, die mit dem Reichsein einhergeht, möchte nicht auffallen. Im April 2025 schrieb der Modejournalist Guy Trebay in der New York Times, dass sich heutzutage die reichsten Menschen der Erde in der blassesten, unscheinbarsten und muffigsten aller Unfarben kleiden würden: beige.

»Ist dieser staubige Braunton eine Zurückweisung des ›Brat‹-Grün?« The Styles Desk

Quiet luxury (stiller Luxus) nennt sich dieser Trend, der Kleidungsstücke im preppy look, einem Stil inspiriert von US-amerikanischen Eliteuniversitäten bestehend aus Poloshirt, Chinohose, Loafer-Schuhen und auch Blazer, deren Qualität sich in wertigen Stoffen und zeitlosen Schnitten bemerkbar macht. Auch in der Popkultur ist das down dressing (der Alltagslook) angekommen. Beispielhaft dafür steht der Kleidungsstil der superreichen fiktiven Medienmogul-Familie Roy in der HBO-Serie »Succession«.

Das Schlagwort für den dort verkörperten Stil heißt »old money aesthetics«, bezeichnet also ein Auftreten, das mit seit mehreren Generationen in der Familie erhaltenem Reichtum assoziiert wird. Was hat es mit diesem ­modischen Wandel auf sich und warum bewerben auch bezahlbare Mode­marken ihr Sortiment mit diesem Schlagwort?

Noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert galten Brauntöne als die Farben der Arbeiterklasse und ihrer Gebrauchskleidung. Dass sehr reiche Menschen workwear (Arbeitskleidung) für sich entdeckten, ist der Modehistorikerin Caroline Rennolds Milbank zufolge ein vergleichsweise junges Phänomen. In diesem Jahr kürte das Pantone ­Color Institute den Braunton »Mocha Mousse« sogar zur Farbe des Jahres 2025.

Symptom der Spaltung?

Leatrice Eiseman, die Geschäftsführerin des Instituts, gab in der dazugehörigen Pressemeldung bekannt: »PANTONE 17-1230 Mocha Mousse ist raffiniert und üppig, aber gleichzeitig schlicht und klassisch, und erweitert damit unser Farbspektrum der Brauntöne von bescheiden und bodenständig hin zu aufstrebend und luxuriös. Mit subtiler Eleganz und erdiger Raf­finesse strahlt PANTONE 17-1230 Mocha Mousse einen diskreten, anmutigen Hauch von Glamour aus.«

Noch im vergangenen Jahr war es ein schrilles Grün gewesen, das jede von Farbinstituten als Trend ausgerufene Farbe übertönte. Während das Pantone Color Institute das trutschige »Peach Fuzz«, zu Deutsch: »Pfirsichflaum«, zur Farbe des Jahres 2024 kürte, war »Brat Green« durch seine anarchisch-rebellisch scheinende Wirkung zum inoffiziellen Farbton jenes Jahres geworden.

Die bei der New York Times angesiedelte Autorengruppe The Styles Desk untertitelte einen Artikel zur Farbe des Jahres 2025 mit der Frage: »Ist dieser staubige Braunton eine Zurückweisung des ›Brat‹-Grün?« Doch The Style Desk definiert nicht, was eigentlich zurückgewiesen wird mit »Mocha Mousse«, und formuliert stattdessen ein wenig ratlos die Überlegung, dass der extreme Gegensatz dieser beiden Farben vielleicht ein weiteres Beispiel für die »unterschiedlichen Realitäten« in der Gesellschaft, also ein Symptom der Spaltung, sein könnte.

Man erinnere sich: 2024 war das Jahr, in dem Donald Trump erneut zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt und Kamala Harris von der Popsängerin Charli XCX mit dem Ehrentitel »brat« (Göre) belegt wurde. Während sich sämtliche linken Strömungen in Diskussionen über Kolonialismus und Antisemitismus zerfleischten, so dass die Vorstellung eines gemeinsamen Kampfs geradezu absurd wurde, schien die »Brat Green«-Tendenz den unbekümmerten, he­donistischen Party-Lifestyle wieder en vogue zu machen.

Aufmüpfige Hoffnungsfarbe

Das Lebensgefühl der diversen, queeren, liberalen, rotzigen und irgendwie politisch uneinheitlichen up and coming New Yorker High Society schien sich in einer aufmüpfigen Hoffnungsfarbe auszudrücken – einem schreienden Grün, das nicht einfach als Trendfarbe zu verstehen sein sollte, sondern einen Lifestyle kolorierte. Wer brat ist, pfeift auf Konventionen und Normen, denkt nicht an gestern, achtet nicht auf den eigenen Körper und verweigert seinen Nutzen den klassischen kapitalistischen Arbeitssystemen.

Die gewisse (selbst)zerstörerische Komponente spiegelt sich auch in den ästhetischen Codes, die oft als campy beschrieben werden, also ironisch, überspitzt, kitschig, theatral. Konträr zur konservativen clean girl-Ästhetik wird offensiv verlottert, schließlich regt den zielstrebigen Kapitalisten beinahe nichts so auf wie die Glorifizierung von Nonsens. Trotzdem: Hedonismus aus Prinzip und eine coole kreative Karriere in den Metropolen dieser Welt können sich nicht alle leisten. Und genau an diesem Schwachpunkt hakt die in »Mocha Mousse« gefärbte Lebenswelt ein. Ihr Versprechen: Klare Schnitte, einfache Aufstiegsträume. Statt Ironie und Wagemut simple, angepasste Basic-­Mode. Unauffällig und unaufgeregt gilt es den Anschein zu erwecken, jeder könnte theoretisch zu den oberen zwei Prozent ge­hören.

Bemerkenswert sind zudem die Frauenbilder, welche die zurückgenommene »old money aesthetis« verkörpert: Einerseits werden die beigen Klamotten inzwischen mit reichen tradwives assoziiert, die sich besonders auf Social Media als Hausfrauen inszenieren, andererseits ­entlehnt die Ästhetik einige Elemente aus dem sogenannten power dressing, dem konservativen Stil der modernen berufstätigen Frau mit weißer Bluse, Blazer und Trenchcoat. Als Vorreiterinnen dieser Modetrends gelten vor allem Frauen aus rechtsextremen Reihen, wie Trumps Pressesprecherin Karoline Leavitt oder die in Deutschland die wegen Volksverhetzung verurteilte Assistentin von Alice Weidel, Marie-Thérèse Kaiser.

Uniform des Konservatismus

Die Professorin für Moden und Styles/ Gestaltung im Kontext an der Wiener Akademie der bildenden Künste, Elke Gaugele, stellt im Interview mit der deutschen Vogue fest, dass derzeit junge, blonde, sportliche Frauen, die nicht in der ersten Reihe stehen, ein globales Leitbild für die Rechte sind. Durch ihr Erstarken wird auch die von diesen Frauen verkörperte Uniform des Konservatismus populärer.

Die Ästhetik der Hyperreichen, die sich als diskrete Einfluss Nehmende inszenieren, als Gewinner des kapitalistischen Systems, die Prunk nicht nötig haben, ist in ein zurückgenommenes, bodenständiges Braun getunkt, dem seit diesem Jahr »ein Hauch von Glamour« zugeschrieben wird. Eine appropriierte Farbwelt, die einmal für eine Klasse stand, der es kaum möglich war auszuscheren, wird nun von der Herrschaft als Mode stilisiert, die ein fast schon egalitäres, ein auf Leistung basierendes Aufstiegsversprechen verkauft, wohl wissend, dass nur weil man sich anzieht wie die Pressesprecherin von Donald Trump, man in der Regel dennoch am zugewiesenen Platz ohne Aufstiegschancen verbleibt.

Nun steht auch die Trendfarbe für 2026 fest und sorgte bereits für Auf­regung: »Cloud Dancer« ist ein Weißton, der vom Pantone Colour Institut als »edel« beschrieben wird, es drücke sich damit ein »ein leiser Hauch von Ruhe und Frieden in einer lauten Welt« aus.

Die Vereinnahmung der Praktikabilität und Farbtöne von workwear kann auch so verstanden werden, dass unter dem Deckmantel vom Normcore – also tendenziell geschlechtsunspezifische Alltagskleidung wie Hoodies, T-Shirts, Chinos, Outdoor-Klamotten – der Arbeiterklasse eigentlich eine Maga-Ästhetik etabliert wird, die massentauglich und anschlussfähig ist. Jeder kann sich heutzutage im »old money style« ­kleiden und den kapitalistischen Traum zumindest schon mal augenscheinlich ­leben.

Nun steht auch die Trendfarbe für 2026 fest und sorgte bereits für Auf­regung: »Cloud Dancer« ist ein Weißton, der vom Pantone Colour Institut als »edel« beschrieben wird, es drücke sich damit ein »ein leiser Hauch von Ruhe und Frieden in einer lauten Welt« aus. Dieser Annahme liegt die Vorstellung zugrunde, dass es ­Farben gäbe, die laut, chaotisch oder vulgär seien, vor denen man Angst haben sollte. Über die kulturelle Ablehnung von Farbe wird in der Kunsttheorie bereits seit Jahrzehnten nach­gedacht – das in dieser Tradition stehende »Weiß« ist also, genau wie die Trendfarben der vergangenen Jahre, keine ­bloße Farbe, sondern ein Politikum.