18.12.2025
Bei Konzerten muss man tanzen

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Frauen tanzen, Männer splainen

Wieder sind Julia und ich am Sonntag beim Porträtzeichnen. Wir sitzen an einem großen Tisch in der Mitte des Raums. Mir gegenüber sitzt unsere Freundin Ulla, daneben Julia. Neben mir sitzt eine sehr nette, quirlige Australierin, die immer sehr auffällig gekleidet ist. Heute trägt sie große, baumelnde Ohrringe. Im Flüsterton erzähle ich ihr die Geschichte vom vorangegangenen Sonntag über die Frau mit dem SNFU-T-Shirt.

Sie antwortet darauf mit einer Geschichte vom Radiohead-Konzert in Berlin eine Woche zuvor. »Während des Konzerts bin ich aufgestanden, weil ich nichts sehen konnte. Da hat mir eine Frau auf die Schulter getippt und mir gesagt, ich solle mich hinsetzten. Da habe ich geantwortet: »You know what: Fuck off! Das Ticket hat viel Geld gekostet, und auch wenn das hier ein Sitzkonzert ist, werde ich jetzt nicht auf meinem Stuhl sitzen bleiben. Später werde ich auch noch tanzen!«

»Hast du richtig gemacht!« antworte ich. – »Ich weiß, das war rude, aber es ist doch immer noch ein Rockkonzert, oder?« – »Ja, natürlich«, pflichte ich ihr bei.

»You know what: Fuck off! Das Ticket hat viel Geld gekostet, und auch wenn das hier ein Sitzkonzert ist, werde ich jetzt nicht auf meinem Stuhl sitzen bleiben. Später werde ich auch noch tanzen!«

»Ohne Tanz ist so ein Pop- und Rockkonzert nichts wert. Übrigens, dazu fällt mir die berühmte Szene vom Newport Jazz Festival 1956 ein, als eine Frau im Publikum plötzlich anfing zu tanzen. Auf Jazzkonzerten wurde ja vor 70 Jahren auch schon überwiegend gesessen. Jedenfalls stand Elaine Anderson plötzlich auf und fing begeistert an zu tanzen, als Duke Ellington Diminuendo and Crescendo in Blue spielte. Und ihre Begeisterung hat dann die Band und das Publikum so mitgerissen, dass das Konzert erst richtig in Fahrt kam, überhaupt erst gut wurde. Andersons Beitrag war so wichtig, dass ein Bild von ihr sogar auf dem Backcover des Albums ›Duke Ellington in Newport‹ erschien.« – »Psst! Nicht so laut«, ermahnte mich Julia und setzt meinem Mansplaining ein Ende.

Ich bin sofort ruhig. Ich mag es selbst auch gar nicht, wenn sich andere während des Zeichnens unterhalten. Das Schöne ist ja gerade das gemeinsame stille Arbeiten.

Am Ende der Session stellten wir alle wie immer unsere Bilder aus, Julias und meine lagen übereinander. »Wow!«, sagte ein Mann zu Julia, »das ist ja toll! Alles im Comic-Stil! Und wir sind alle so gut getroffen. Bist du Comiczeichnerin?« Dann wendet er sich zu mir: »Witzig, ihr zeichnet beide immer den ganzen Raum. Aber du bist der realistische Zeichner und Julia ist die Comic­zeichnerin. Ihr Bild erzählt eine Geschichte, aber in dem Stil könnte auch ein Comic beginnen. Klasse! Das könnte direkt in der Zeitung veröffentlicht werden … «