18.12.2025
Ein Plädoyer dafür, Schönheit immer historisch aufzufassen

German Beauty und warum es sie nicht gibt

Schönheit ist weder zeitlos noch kulturell konstruiert, jedoch immer historisch geworden. Das ist der Grund für die besonderen Schwierigkeiten, die die Deutschen mit ihr haben.

Zwischen 1980 und 1982 porträtierte Otto Köhler in der Monatszeitschrift Konkret in einer Kolumne mit dem Titel »Der hässliche Deutsche« exemplarische Repräsentanten der politisch modernisierten, demokratisch aufpolierten und trotzdem mit der hässlichen Vergangenheit verfilzten Bundesrepublik. Neben Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, Gerhard Mayer-Vorfelder – damals Kultusminister Baden-Württembergs und Präsident des VfB Stuttgart – und Elisabeth Noelle-Neumann, Gründerin des Allensbacher Instituts für Demographie, wurden darin die seinerzeitige niedersächsische Wirtschaftsministerin und spätere Präsidentin der Treuhandanstalt, Birgit Breuel, sowie Uwe Barschel und Jürgen Möllemann gewürdigt.

Obwohl die meisten Porträtierten CDU- und (seltener) FDP-Mitglieder waren, ging es in der Kolumnenreihe nicht einfach darum, den »hässlichen Deutschen« als Rechten oder Nichtlinken zu identifizieren. Vielmehr wählte Köhler Prominenzen aus, die das postnazistische Erbe der Bundesrepublik, statt ungebrochen daran festzuhalten, in Insignien gesellschaftspolitischen Fortschritts ummünzten.

Noelle-Neumann hatte auf Grundlage der NS-Bevölkerungspolitik statistische Verfahrensweisen der Meinungserfassung standardisiert, die nicht einfach Ideologie waren, sondern ideologisch überformte Wirklichkeitselemente erfassten. ­Richard von Weizsäcker, dem Köhler sich mehrfach widmete, entwickelte durch Umdeutung des alliierten Siegs in einen »Tag der Befreiung« in seiner Rede vom 8. Mai 1985 die für die gesamtdeutsche Wiedergutwerdung der frühen neunziger Jahre prägende Legitimation.

Dass der Begriff der Schönheit selber, auch wenn das Versprechen überzeitlicher Gültigkeit ihn mitkonstituiert, durch und durch historisch ist, das wollen in Deutschland weder seine Verteidiger noch seine Verächter wahrhaben.

Dennoch strickte Köhler mit seiner Kolumne selbst an einem Mythos mit, der für die Mischung aus Selbstüberhebung und Weinerlichkeit, die den deutschen Sozialcharakter auszeichnet, charakteristisch ist – an der Vorstellung, Deutsche könnten zur Schönheit bestenfalls eine verhässlichende Beziehung unterhalten. »Der schöne Deutsche«: Dabei denkt man an heroische »Kraft durch Freude«-Plakate und ungeschminkt strahlende Gesichter arischer Hausfrauen, jedenfalls an ästhetische Fassade. »Der hässliche Deutsche« hin­gegen bezeichnet das, was zum Vorschein kommt, wenn die Fassade bröckelt: die ungeschminkte Wahrheit hinter der schminkefreien ­Erscheinung.

Das Ungeschminkte, Unverstellte, durch keine zivilisatorische Anschmiegsamkeit Getrübte gehört selber zu den wesentlichen Bestimmungen dessen, was Deutsche Schönheit nennen. Deutsche Schönheit ist nicht ätherisch, sondern kernig, nicht Schein, sondern Sein. Sogar wenn sie auf Stilisierungen zurückgreift, muss der Stil durch das Wesen überstrahlt werden, und sei es in Form des Schwulstes.

Das Zweideutige, wie es die französische beauté in der Pikanterie, Koketterie und Frivolität nicht nur zulässt, sondern geradezu fordert, ist solcher Schönheit so fern wie die grandezza, die souveräne, aber zurückgenommene Selbstgewissheit der italienischen Renaissance. Fremd ist dem deutschen Schönheitsverständnis, obwohl ihr bei Kant zentrale Bedeutung zukommt, auch die auf die englische sublimity zurückgehende Erhabenheit als Bezeichnung der sinnlichen und geistigen Übermächtigkeit dessen, was vor Furcht und zugleich Glück erschauern lässt.

Etwas Widersprüchliches, Unversöhntes, Unreines

Alle diese Begriffe bezeichnen eine Schönheit, die nicht nur schön, sondern mehr und etwas anderes als schön ist: etwas Widersprüchliches, Unversöhntes, Unreines, aber gerade dadurch Bestrickendes. In Deutschland, wo die Begriffe der Schönheit und der Erhabenheit seit der Weimarer Klassik nicht nur voneinander unterschieden, sondern einander entgegengesetzt wurden, setzt Schönheit Reinheit, Ungetrübtheit und Durchsichtigkeit voraus. Wo sie durchs Unreine, maßlos Sinnliche oder unbotmäßig Anstößige getrübt wird, heißt sie nicht mehr schön, sondern dämonisch, hässlich oder eklig: Goethes Abneigung gegen die Romantik lag darin begründet, dass er sie als Entäußerungsform dieses Dämonischen ansah.

Wenn Schönheit verführerisch ist, wird sie nur genossen, um der Verführung zu widerstehen oder sie zu bezwingen, aber nicht, um ihr zu erliegen: Das wäre hässlich. Deshalb ist die ideologiekritische Entzauberung des Schönen als eigentlich hässlich in der progressiven Kunst- und Gesellschaftskritik hierzulande so ungemein beliebt.

Die antideutsche Etikettierung der deutschen Linken als hässlich, wo man sie eher als mausgrau, öde, schal und konformistisch zu denunzieren hätte (Hässlichkeit ist immerhin ein starker sinnlicher Reiz), tappt somit in die gleiche Falle wie Köhlers Physiognomik des häss­lichen Deutschen: Sie betrachtet den schönen Schein als etwas, das zerstört werden muss, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, nicht als vermittelte, stilisierte Erscheinungsform einer sei es auch negativen Wahrheit. Sie hält sich nicht mit der Oberfläche auf, sondern betrachtet diese als bloßen Durchgang auf dem Weg zur Sache selbst.

Dass der Schein, zuvorderst der schöne, mehr sein könnte als bloße Erscheinung, das wollen auch neuere Erkunder deutscher Schönheit nicht in Betracht ziehen. So betreiben der Soziologe Dirk Kaesler und die Kulturjournalistin Stefanie von Wietersheim in ihrem Buch »Schön deutsch: eine Entdeckungsreise«, zu dem es begleitend eine Reihe von Podcast-Beiträgen gibt, eine in ihrer Dreistigkeit verblüffende Weißwaschung des Begriffs der Schönheit, die eigentlich Otto Köhler auf den Plan rufen müsste.

Rekurs auf die deutsche Romantik

Zentraler Modus dieser Weißwaschung ist ausgerechnet der Rekurs auf die deutsche Romantik als Maßstab zur Bestimmung deutscher Schönheit. »Ist die Musik von Richard Wagner schön? Und dazu schön deutsch? Warum pilgern so viele Menschen auf den Hügel nach Bayreuth? Warum geht es bei Wagner immer um Erlösung? Warum fallen manche Zuhörer bei der Musik gar um?« Wer einen Beitrag über die deutsche ­Begeisterung für Wagners Musik mit derart brotdoofen Fragen einleitet, der rechnet überhaupt nicht mit aufschlussreichen Antworten.

Auch die von ihnen als Eigentum der Deutschen in Anspruch genommene Schönheit Marlene Dietrichs bringen Kaesler und von Wietersheim mit einer romantischen Mythologie in Verbindung, indem sie Dietrichs Weiblichkeitsikonographie als Verschmelzung der Loreley-Sage mit dem neusachlichen Typus der Neuen Frau deuten. Kein Wort darüber, dass Dietrich der Neuen Sachlichkeit der Weimarer Republik und vielleicht sogar der Weiblichkeitsikonographie der Romantik gerade dadurch die Treue hielt, dass sie dem »Dritten Reich« ebenso kalt wie pathetisch den Rücken kehrte und den alliierten Bombenkrieg in Wort und Tat unterstützte.

Machte nicht gerade diese heterodoxe Souveränität die Schönheit aus, die seither mit ihr verbunden wird? Selbst Claudia Schiffer, deren aseptische Attraktivität die Autoren ebenfalls als Beispiel deutscher Schönheit heranziehen, bezieht einen Teil ihrer Anziehungskraft daraus, dass sie die größte Popularität in den USA genießt und mit ihrem Mann, dem Filmproduzenten Matthew Vaughn, gegenüber dem Land, das sie vermeintlich ästhetisch verkörpert, im englischen Oxfordshire in zurück­gezogener Exterritorialität lebt.

Mittel zur Tilgung von Ambivalenz

Dass der Begriff der Schönheit selber, auch wenn das Versprechen überzeitlicher Gültigkeit ihn mitkonstituiert, durch und durch historisch ist, das wollen in Deutschland weder seine Verteidiger noch seine Verächter wahrhaben. Im Gegenteil gilt hierzulande Historizität als Verunreinigung oder als polemisches Gegenteil von Schönheit. Deswegen wird der deutschen Romantik und dem Wagner’schen Gesamtkunstwerk entweder dadurch begegnet, dass man das, was an ihnen als schön erfahren werden mag, ideologiekritisch entzaubert und als protonazistisch schmäht, oder aber, indem es fetischisiert wird – indem man das Abgrün­dige der Schönheit blind bejaht, statt es als immer auch fürchterlich zu erkennen.

In diesem Sinn ist der deutsche Begriff von Schönheit ein Mittel zur Tilgung von Ambivalenz. Deshalb kann Marlene Dietrich in das Schönheitskabinett von »Schön deutsch« nur einwandern, indem verleugnet wird, dass die Geschichte der in ihr verkörperten Schönheit untrennbar ist von ihrem Antinazismus und von ihrer ebenso habituellen wie ideologischen Distanznahme zu Deutschland.

Die Dreistigkeit, mit der Kaesler und von Wietersheim die Verbindung der Begriffe »schön« und »deutsch« von solchen historischen Implikationen reinigen, wäre noch vor zehn Jahren zu Recht als Ausdruck eines tumben Neobiedermeier lächerlich gemacht worden. Heute, wo die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen ästhetischen, politischen und mora­lischen Begriffen vollends erodiert ist, fällt solche Dreistigkeit kaum noch auf.

»Schön von hinten«

»Schön bist du, wenn du gehen musst«: Diese Zeile aus dem Lied »Schön von hinten« von Stereo Total, das wie viele Stücke der Band als ­albern missverstanden werden kann, obwohl es tiefernst ist, bringt den retrospektiven Charakter jeglichen Urteils über Schönheit auf den Punkt. Retrospektiv heißt dabei nicht notwendig melancholisch. Es bedeutet zunächst einfach, dass der schöne Schein immer nur im Bewusstsein seiner Vergänglichkeit begriffen werden kann. Die Flüchtigkeit des ästhetischen Scheins impliziert in der ihr immanenten Zeitlichkeit immer schon geschichtlich Gewordenes.

Die vielfach missdeutete Formel der Kritischen Theorie vom »Zeitkern der Wahrheit« zielt genau darauf. Sie klammert den Begriff der Wahrheit nicht relativistisch ein, als ginge er in den historischen Bedingungen auf, denen er entspringt, sondern sie weist darauf hin, dass unteilbare Wahrheit nur unter bestimmten historischen Bedingungen zu sich selbst kommt, und das heißt auch: als solche erkannt und verwirklicht werden kann. Schwinden diese Bedingungen, schrumpft der Begriff der Wahrheit zur Beschwörungsformel seiner selbst.

Vor einer Kontrastierung von Marlene Dietrichs schönem Antideutschtum mit dem nationalsozialistischen Schwulst ihrer auf ganz andere Weise emanzipierten Gegnerin Leni Riefenstahl wird ebenso zurückgescheut wie vor der Beschäftigung mit der in der deutschen Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts omnipräsenten Figur der »schönen Jüdin«.

Nicht anders verhält es sich mit der Schönheit. Wo ihr Begriff in vorgeblich unveränderlichen idealischen Formen fixiert wird, ist er in Wirklichkeit schon reif für seine Musealisierung: Darin liegt die Schwäche des sich überzeitlich gebenden Schönheitsverständnisses des französischen Klassizismus und der klassizistischen Strömungen der Weimarer Klassik. Schön im substantiellen Sinn dagegen ist die Erfahrung der Imperfektibilität, des Bruchs, des bezwingenden Selbstwiderspruchs, der Unerreichbarkeit des Ideals wie auch des beschädigten irdischen Glücks.

Die Affinität Heinrich Heines zum politischen wie künstlerischen Frankreich, seine Neigung zum Tri­vialen, zur gleichwohl hochkünstlerisch durchgeformten Gebrauchskunst, rief dies in Erinnerung, weshalb Heine sich dem Gegensatz zwischen politischer und autonomer Kunst in seiner Bestimmung der Schönheit entzog. Heine kommt im Schönheitskompendium von Kaesler/ Wietersheim ebenso wenig vor wie die ästhetizistische Ästhetizismus-Abrechnung Thomas Manns und dessen bewundernd-erschauernde Wagner-Kritik in »Doktor Faustus«.

Vor einer Kontrastierung von Marlene Dietrichs schönem Antideutschtum mit dem nationalsozialistischen Schwulst ihrer auf ganz andere Weise emanzipierten Gegnerin Leni Riefenstahl wird ebenso zurückgescheut wie vor der Beschäftigung mit der in der deutschen Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts omnipräsenten Figur der »schönen Jüdin«, mit den deutschen Kernseifen-Schönheiten des Nachkriegsfilms der »Stunde null« oder auch mit der merkwürdigen Attraktivität, die deutschenuntreue Deutsche wie Romy Schneider, Uschi Glas oder auch Helmut Berger auf das bundesdeutsche Kinopublikum ausübten.

Insofern ist »Schön deutsch« eine Sammlung in der Stereotypie erstarrter Ideen: Wo immer man etwas erkennen könnte, wird ein Klischee draufgepappt, wo immer sich ein Gedanke andeutet, besiegt ihn eine Phrase. Deutscher geht es wirklich nicht.