Gefährlich für Frauen
Im Parque Central, gleich neben der Kathedrale von Huehuetenango im Nordwesten Guatemalas nahe der Grenze zu Mexiko, haben sich rund 100 Menschen versammelt. Ein knappes Dutzend von ihnen, überwiegend Frauen, halten Transparente mit dem Antlitz von Claudia Pamela Rivas in den Händen, einer jungen Frau, die Ende November verschwand.
»Wir haben Angst, dass sie Opfer eine Femizids sein könnte«, sagt eine Frau, die der Familie nahesteht; sie hält eine Kerze in der einen und ein Bild Rivas in der anderen Hand. Zwei Meter weiter steht die Mutter der Verschwunden, ihr laufen die Tränen über die Wangen. Rivas ist Finanzdezernentin der Stadtverwaltung von Huité. Die Provinzhauptstadt des Departamento Zacapa liegt im Osten des Landes, rund 320 Kilometer entfernt. Hier in Huehuetenango lebt das Gros von Rivas Familie, die die Kundgebung organisiert hat und an die Behörden appelliert, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sie wieder aufzufinden.
Dass Frauen verschwinden und Tage oder Wochen später tot aufgefunden werden, ist alles andere als selten in Guatemala. Die Region von Huehuetenango zählt zu den gefährlichsten für Frauen und auch die Zahl der minderjährigen Mütter ist besonders hoch. Jedes Jahr am 25. November, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, gehen Frauen aus allen Landesteilen auf die Straße. Zur Zeit der traditionell lauten und bunten Protestkundgebungen wurden die harten Fakten der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) für 2024 publiziert: Sie führt Guatemala mit 1,9 Femiziden pro 100.000 getöteten Frauen gleich nach Honduras mit 4,3, der höchsten Zahl in Lateinamerika.
Fast 20.000 Todesfälle in den letzten fünf Jahren in Lateinamerika
Cepal zufolge wurden in den vergangenen fünf Jahren 19.254 Todesfälle von Frauen aufgrund von geschlechtsspezifischer Gewalt in ganz Lateinamerika und der Karibik registriert. Sehr viele Frauen werden in Guatemala ermordet, nur weil sie Frauen sind, so die Cepal – »Tendenz steigend«, sagt Ninfa Alarcón, die Leiterin der Abteilung Frauen- und Kinderrechte im Menschenrechtsbüro des Erzbistums von Guatemala-Stadt (ODHAG), mit sorgenvoller Miene. Die Täter leben in vielen Fällen im Haushalt der Opfer, so die einschlägigen Studien, die vom Nationalen Ökonomischen Forschungsinstitut (Cien) und dem ODHAG herausgegeben werden.
»Abtreibung ist in Guatemala ein Tabu, die Strafen sind hoch und ein Grund dafür sind die patriarchalen Verhältnisse.« Ninfa Alarcón vom Menschenrechtsbüro des Erzbistums von Guatemala-Stadt
Demnach sind die Väter, Stiefväter, Onkel und Freunde des Hauses in vielen Fällen die Täter – sowohl bei Femiziden als auch bei der steigenden Zahl von Vergewaltigungen von Mädchen, die dann häufig zu jungen Müttern werden. »Abtreibung ist in Guatemala ein Tabu, die Strafen sind hoch und ein Grund dafür sind die patriarchalen Verhältnisse – auch in den Kirchen«, sagt Alarcón hinter vorgehaltener Hand, denn sie ist schließlich für eine kirchliche Organisation tätig. Von Januar bis Juli dieses Jahres wurden der staatlichen Beobachtungsstelle Osar zufolge 1.258 Schwangerschaften von Mädchen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren registriert.
Das bestätigt auch Paula Barrios, eine erfahrene Menschenrechtsanwältin der Frauenrechtsorganisation »Frauen verändern die Welt« (MTM) in der Hauptstadt Guatemala-Stadt. Sie hat mehrere minderjährige Mütter in Sexualstrafrechtsprozessen vertreten, die nach einer Vergewaltigung schwanger wurden, und fordert mehr und bessere Prävention von der Regierung ein – das sagt sie den Richtern, aber auch auf der Straße. Die MTM-Mitglieder sind jedes Jahr am 25. November bei den Demonstrationen dabei. »Wir protestieren gegen jede Form von Gewalt gegen Frauen, gegen die hohe Zahl von Vergewaltigungen, darunter viele an Minderjährigen, gegen die Morde an Frauen, weil sie Frau sind, aber auch gegen die Gewalt gegen Transfrauen und Transmänner«, sagt Barrios.
In diesem Jahr ging der Protestzug vom Justizpalast im Zentrum von Guatemala-Stadt bis zum Platz der Verfassung gegenüber dem Nationalen Kulturpalast. Danach hatten Barrios und einige Organisationen zu einem symbolischen Prozess wegen sexueller Belästigung im Spanischen Kulturzentrum geladen. Dabei wurde der guatemaltekische Staat wegen Untätigkeit verurteilt. Derartige Veranstaltungen sind für die Sensibilisierung der Öffentlichkeit wichtig, so Barrios.
Hunderte Morde an Frauen im laufenden Jahr
Mit dabei war auch Alejandrina Cano von der Unión Nacional de Mujeres Guatemaltecas (UNAMG), die Flugblätter mit den neuesten Zahlen verteilte: Bis zum 15. November hat die Beobachtungsstelle gegen Gewalt gegen Frauen für das laufende Jahr 376 Morde an Frauen dokumentiert, darunter 141 Femizide, so Cano. »Das sind 376 zu viele und wir fordern, dass jeder einzelne aufgeklärt und geahndet wird.« Sie saß am 25. November mit einem knappen Dutzend Mitstreiterinnen morgens um 9 Uhr auf den Stufen des Justizpalasts und trug einen Papprahmen um den Oberkörper, auf dem lilafarbenen und blauen Papierblumen sowie die Losung »Wo ist die Gerechtigkeit – es blüht die Hoffnung« angebracht war.
An diesem Morgen in Guatemala-Stadt haben sich noch mehr Frauen- sowie Transfrauen-Organisationen eingefunden, um gegen Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Transfrauen zu protestieren. Konsens war unter den Organisationen, dass der Zug vorm Justizpalast losgehen sollte, denn Richtern und Staatsanwälten beiderlei Geschlechts werfen sie Untätigkeit vor; es gebe zu wenige Ermittlungserfolge und die Täter landeten zu selten hinter Gittern, sowohl bei Fällen von Vergewaltigung als auch bei Femiziden.
»Schluss mit der Straflosigkeit« lautete deshalb eine der Parolen, die sowohl per Soundsystem über den »Platz der Menschenrechte« vor dem Justizpalast verlautbart wird als auch auf Transparenten zu sehen ist. Zwischen 1.000 und 1.500 Menschen hatten sich versammelt, überwiegend Frauen, nur wenige Männer waren zu sehen. Das sei »typisch für Guatemala«, sagt Katrina Rosa Xup aus der Region Suchitepéquez. Sie ist eine Ixil, Angehörige einer von 22 Maya-Ethnien in Guatemala. Die indigene Frau hat selbst Gewalt erfahren und ist mit einer Freundin nach Guatemala-Stadt gekommen, um zu protestieren. Sie ist eine von vielen indigenen Frauen, die rund ein Drittel der Demonstration stellen und von denen längst nicht alle Spanisch sprechen. Auch Xup fällt das schwer, sie gibt sich aber Mühe, lässt sich fotografieren und hält gemeinsam mit anderen Frauen ein Transparent mit der Aufschrift »Gerechtigkeit für die Frauen« in die Höhe.
Doch die Justiz in Guatemala ist heillos überfordert mit der Zahl der Fälle, die sie bearbeiten soll – ein strukturelles Problem, so der ehemalige Staatsanwalt Orlando López, der mittlerweile als Anwalt für das ODHAG arbeitet. »Die Gerichte und die Staatsanwälte stöhnen unter der Flut der Verfahren, aber ein grundlegendes Problem im Justizapparat sind die Korruption und die Blockaden innerhalb der Strukturen«, so López. Die tragen dazu bei, dass Verfahren wegen Vergewaltigungen und Morden an indigenen Frauen im Zusammenhang mit dem blutig und brutal geführten Bürgerkrieg von 1960 bis 1996, dem etwa zwei bis sechs Prozent der Bevölkerung zum Opfer fielen, auch fast 30 Jahre nach dem Friedensschluss immer noch nicht abgeschlossen sind. Fakten, auf die Frauen wie Olga Xoy von der indigenen Frauenbewegung Tz’ununija’ auch am 25. November aufmerksam machten.
Neue Gesetze erhoffen sich viele Frauen von der Regierung des Präsidenten Bernardo Arévalo, die versprochen hat, gegen Korruption und für die Menschenrechte zu kämpfen. Das fordern auch die am Protestmarsch Teilnehmenden. Dessen Abschlusskundgebung vor dem Nationalen Kulturpalast endet mit dem Appell an die Regierung, endlich mehr gegen die Gewalt gegen Frauen zu tun. »Wir brauchen mehr Prävention, effektivere Ermittlungsstrukturen und eine Justiz, die ihrer Aufgabe gerecht wird«, meint Elisa Ramírez aus dem Stadtteil Santa Fe von Guatemala-Stadt. Die agile Mittfünfzigerin trägt eine Fahne mit sich, auf der sie für das Gesetz 5.452, bekannt als Ley de Desarrollo Económico de las Mujeres (Gesetz zur wirtschaftlichen Entwicklung von Frauen), wirbt, das Frauen fördern und die finanzielle Unabhängigkeit bringen soll.